Zwischen Wahrheit und “Lügenpresse” – der schmale Grat des Bildjournalismus

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»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte« sagte Arthur Brisbane, Chef der Hearst Publishing Company, bei einer Konferenz im Jahre 1911. Oft zitiert, gehört dieser Satz zu den fehlinterpretiertesten Aussagen der neueren Mediengeschichte. Denn einmal seiner begleitenden Informationen beraubt, kann ein Bild nicht mehr korrekt verortet und eingeordnet werden, sondern übermittelt nur noch eine scheinbare, mitunter sehr emotionale und oft falsche Botschaft.

Aktuelles Beispiel: Die »Moscow Times« berichtet auf ihrer Website über die diplomatischen Wirrungen und Fortschritte im Ukraine-Konflikt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande überbrachten in Kiev und Moskau diesen Donnerstag Vorschläge zur Beendigung der Kämpfe in der Ost-Ukraine. Was läge also näher, auch mit einem Bild den Schulterschluss der Regierungschefs zu unterstreichen? Immerhin ist das Foto der sonst eher unterkühlt agierenden Kanzlerin, die sich an die Schulter des französischen Präsidenten zu lehnen scheint, ein ungewohnt emotionales Bild der beiden Politiker.

Peinlich allerdings, dass genau dieses Bild so rein gar nichts mit dem aktuellen Besuch der beiden Politiker in Moskau zu tun hat. Es entstand vor dem Solidaritätsmarsch der Regierungschefs anlässlich der Anschläge von Paris. Immerhin steht in winzig kleiner, grauer Schrift am Bild: »Der französische Präsident François Hollande begrüßt Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel in Paris.« Das ist schnell übersehen, reicht als redaktionelle Information bei weitem nicht aus; hilfreicher zur Einordnung des exzellenten Pressefotos von Pascal Rossignol/Reuters sind die sogenannten Meta-Daten. In diesen von Fotografen und Agenturen ins Bild eingebetteten Daten sind alle relevanten Informationen zu dem Bild enthalten; dazu gehört auch der redaktionelle Kontext der Entstehung des Fotos, die Namen abgebildeter Personen, Aufnahmeort und -datum sowie der Name des Fotografen. Eventuell auch Sperrvermerke, die Aufschluss über Nutzungseinschränkungen geben oder eine Verwendung des Bildes in einem anderen Zusammenhang als der aktuellen Berichterstattung untersagen. Doch wer macht sich die Mühe, sein Déjà-vu eines bekannten Bildes noch einmal kritisch zu hinterfragen? Und welcher Leser verfügt über entsprechende Kenntnisse, das zumindest grob zu überprüfen? Dabei wäre das relativ simpel. Ein Klick mit der rechten Maustaste führt beispielsweise unter Firefox zu den detaillierten Bildinformationen; auch entsprechende Browser-Plugins ermöglichen die Sichtung dieser Meta-Daten.

Interessant sind in diesem Fall die unterschiedlichen Ergebnisse dieser Überprüfung; unter Firefox wird ersichtlich, dass die Beschreibung des Bildes verändert wurde – vom Webeditor der Moscow Times, dessen Mailadresse in den Daten zu finden ist. Die Information zum Bild lautet jetzt: «Die Regierungschefs von Deutschland und Frankreich starteten am Donnerstag eine neue diplomatische Initiative zur Ukraine und kündigten an, nach Kiev und Moskau zu fliegen…« Via Browser-Plugin (in diesem Fall »Jeffrey’s Exif Viewer«) lautet der Originaltext der Agentur Reuters: »François Hollande begrüßt Angela Merkel vor dem Solidaritätsmarsch in den Straßen von Paris am 11. Januar 2015…«

Das Bild der beiden wohl einflussreichsten europäischen Regierungschefs ist aufgrund seiner Symbolkraft offenbar zu verlockend, um es nicht von einem Foto der aktuellen Berichterstattung nach den Anschlägen auf CharlieHebdo und den Supermarkt in Paris kurzerhand in ein Symbolfoto, zu einer bloßen Illustration umzuwidmen, die mit dem eigentlichen Nachrichtenereignis nicht das geringste zu tun hat. Im Nachklapp der Debatte um Glaubwürdigkeit der Berichterstattung, die ebenfalls von einem Foto ausgelöst wurde – das Gruppenfoto der Regierungschefs beim Solidaritätsmarsch in Paris -, der Verschwörungstheorien gleichgeschalteter Medien oder gar Generaldiffamierung als »Lügen-Presse« ist ein solcher Lapsus zumindest unglücklich, wenn nicht unredlich.

Nachtrag: Welchen Flurschaden eine solche redaktionelle »Umwidmung« eines Bildes verursachen kann, zeigt ein etwas älteres Beispiel aus dem Jahre 2012. Damals hatte die Schweizer »Weltwoche« sehr polemisch über Roma-Kriminalität in der Schweiz berichtet. Das verwendete Bild eines Roma-Kindes mit Spielzeugpistole war allerdings weder ein nachgestelltes noch ein Symbolfoto, sondern stammte aus einer Reportage des italienischen Bildjournalisten Livio Mancini über die Lebensbedingungen von Roma-Kindern auf einer illegalen Mülldeponie in Gjakova.

Nachzulesen ist die Geschichte dieses Bildes u.a. im Blog »Image and View.«

1. Die Seite der Moscow Times mit kleiner Unterschrift

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2. Die EXIF-Daten, die mit dem Browser-Plugin Jerry’s Exif Viewer sichtbar sind (Reuters Original)

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3. Die EXIF-Daten, die mit Rechtsklick via Firefox sichtbar werden – modifiziert von der MoscowTimes, siehe Mailadresse des Webeditors

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4. Ausschnitt einer Debatte zu dem Bild bei Facebook – Personeninformationen außer meiner eigenen sind unkenntlich gemacht. Die Debatte belegt, wie das Bild aufgenommen (und nicht hinterfragt) wird.

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Kommentare {19}

  1. […] Zwischen Wahrheit und Lügenpresse – der schmale Grat des Bildjournalismus Heike Rost beschreibt hier exemplarisch wie schwierig es ist Bilder später einzuordnen und wie schnell daraus emotionale und falsche Botschaften werden. “Das Bild der beiden wohl einflussreichsten europäischen Regierungschefs ist aufgrund seiner Symbolkraft offenbar zu verlockend, um es nicht von einem Foto der aktuellen Berichterstattung nach den Anschlägen auf CharlieHebdo und den Supermarkt in Paris kurzerhand in ein Symbolfoto, zu einer bloßen Illustration umzuwidmen, die mit dem eigentlichen Nachrichtenereignis nicht das geringste zu tun hat.” […]

  2. Ein Bild lügt mehr als tausend Worte.Dieses Foto von Merkel/Hollande ist ein schönes Beispiel.

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