Wir Schlechtmenschen – Über die Verdrehung von Ursache und Wirkung

Ihr meint, ihr könnt Politik ohne Bevölkerung machen? Möglicherweise zeigt euch die Mehrheit der Bevölkerung, dass man Politik ohne euch machen kann.

Bild: Shutterstock
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Immer öfter ertappe ich mich in letzter Zeit dabei, wie ich vor meinem Laptop sitze, einfach nur einen Augenblick auf den Bildschirm meines MacBooks starre und versuche, meine vielen Gedanken zum Thema Flüchtlingskrise und europäische Zukunft in geordnete Bahnen zu lenken. Dabei bin ich sonst jemand, der alles andere als ein Problem damit hat, seine Gedanken zu ordnen und auszusprechen.

Fassungslosigkeit erzeugt Lethargie….

Aber so ist das halt, wenn man irgendwann ein gewisses Maß an Fassungslosigkeit erreicht hat. Es ist der Moment, in dem dich die Lethargie fest im Griff hat. Der Moment, in dem du eigentlich nichts mehr sagen willst, weil eigentlich alles schon gesagt ist. Der Moment vor dem Weiterkämpfen für das letzte Bisschen Rationalität in diesem so unerträglich moralschwangeren Diskurs.

Wir haben Clausnitz und Bautzen, 19% für die AfD in Sachsen-Anhalt und Donald Trump in den USA. Marine Le Pen in Frankreich, Viktor Orban in Ungarn und die Wahren Finnen im kühlen Norden. Irgendwie scheinen wir nichts gelernt zu haben. Also wir Deutschen sowieso nicht. Das ewige Nazivolk. Immer noch ein Hort voller Rassisten. Aber auch unsere europäischen Nachbarn und der große Big Brother in Übersee scheinen sich das Nazi-Sein von uns abgeschaut zu haben. Ja, wir haben alle ein Problem. Wir schlimmen rassistischen, besorgten Bürger. Wir Schlechtmenschen. Was ist mit uns los? Wieso sind wir so grundlos bockig und blöd, fragen sich die hiesige Empörungsmedienmehrheit und die Politik.

Der dumme Ronny aus Sachsen

Die Antwort für die linken Weltbild-Optimierer ist klar. Der blöde Nazi ist seit eh und je der dumme Ronny aus Sachsen ohne Schulabschluss, der noch nie einen Migranten aus der Nähe gesehen hat. Der keinen Job, kein Geld und deshalb Angst hat, dass ihm der Ausländer etwas wegnimmt. Im linken Weltbild sind wir in der Flüchtlingskrise alle zu dummen Ronnys geworden. Wenn wir die derzeitige Planlos-Politik und den Islam kritisieren, dann sind wir Rassisten und wenn wir Rassisten sind, dann hat das damit zu tun, dass wir dumm, ungebildet und finanziell schwach sind. Es geht nämlich eigentlich gar nicht um Sicherheit im eigenen Land und Werte, die man sich in Europa und gerade auch in Deutschland teuer erkämpft hat. Am Ende geht es uns nur darum, nichts abgeben zu wollen und die stumpfe Angst vor dem Fremden, das wir gar nicht kennen.

Die Wahrheit ist jedoch, dass das alles gar nicht stimmt. Dass der Protest aus der Mitte kommt und dass es uns, die wir kritisieren, sogar ziemlich gut geht. Dass wir nicht dumm sind, sondern häufig akademisch gebildet, und das in Fächern, deren Studium so manch einem Politiker, der jetzt über uns entscheidet, ganz gut getan hätte. Dass wir gar keine Rassisten sind, sondern einfach nicht weiter zu Kreuze kriechen wollen vor einer Religion, deren Anhänger uns nur all zu oft als Ungläubige verachten. Eine Religion, die speziell uns Frauen als Menschen zweiter Klasse deklariert. Eine Kultur, die für mich nichts mit Kultur zu tun hat, wenn sie sich in all ihrer Intoleranz und Gewalt zeigt. Eine Kultur, die ihre Heimaten zunehmend zerstört und unseren Heimaten den Kampf angesagt hat. Eine Kultur, die sich weitgehend als nicht integrierbar erweist. Deren Parallelgesellschaften dafür sorgen, dass man sich nicht selten an immer mehr Orten im eigenen Land fremd fühlt. Eine Kultur, deren Religion durch die zahlreichen Terroranschläge unser Vertrauen verspielt hat. Die es uns unmöglich gemacht hat, in der vollverschleierten Frau, dem Mann mit dem langen, dunklen Bart und der traditionellen Kleidung kein Risiko für unsere Sicherheit oder zumindest eine Provokation zu sehen. Es geht nicht um stumpfen Rassismus, um Vorteile aus dem Nichts. Es geht um begründete Ängste. Ängste, die sich längst als berechtigt herausgestellt haben.

Wolfram Weimer schrieb jüngst im Handelsblatt, es sei an der Zeit, sich ehrlich zu machen in der Ursachenanalyse. Und genau darum geht es. Denn die Ursache der Kritik, die Ursache des Protestes, des Rechtsrucks bei Wahlen ist nicht der stumpfe Ronny-Rassismus aus Sachsen, der die Deutschen wie eine Krankheit befallen hat. Die Ursache ist ein Staat, eine politische Kaste, die nicht im Geringsten fähig und vor allem auch willens ist, unsere Sicherheit und den Erhalt unserer erkämpften Werte zu gewährleisten. Die AfD, Le Pen, Donald Trump. Sie alle sind nicht Ursache, sondern Symptom. Wer das nicht erkennt, ist entweder nicht besonders intelligent, leidet an Realitätsverlust und Größenwahn oder will schlicht von den eigenen Verfehlungen ablenken.

Sind die Bürger so dumm wie die Erklärer behaupten?

Wer den Grund für die Wut und Ohnmacht der Bürger in Horst Seehofer, Frauke Petry und Co. begründet sieht, der offenbart im Prinzip nur, für wie doof und unmündig er die Menschen hierzulande wirklich hält. Er spricht ihnen die Fähigkeit ab, sich selbst ein ausgewogenes Bild zu machen und zu einer eigenständigen Einschätzung zu gelangen. Eine Beleidigung und Degradierung für jeden, der sich tagtäglich mit dem Thema auseinandersetzt und weiter denkt als ein Großteil der zumeist linken Politiker, die sich so abschätzig ein Urteil über ihn erlauben. Ja, es ist wirklich sagenhaft, was man sich gegenüber Menschen herausnimmt, deren Geld und Bereitschaft zur Hilfe man haben möchte.

Dabei bestand die größte Anmaßung darin, uns nicht gefragt zu haben, ob wir das alles überhaupt wollen. Die Willkommenskultur, die man ohnehin eher von außen auferlegt hatte, wurde zu etwas, was man selbstverständlich einforderte und sich darauf ausruhte, statt zu erkennen, dass auch die Bereitschaft zur Hilfe ihre Grenzen kennt und dass die Willkommenskultur nie so breit in der Bevölkerung verankert war, wie man sich das vorgestellt hatte. Dass sie schon längst nicht mehr vorhanden war, als man noch in den Talkshows darüber schwadronierte, ob die Stimmung hierzulande kippt. 78% der Deutschen sind mittlerweile der Meinung, dass der Einfluss des Islams zu stark wird. 76% haben Angst vor einer Zunahme der Straftaten und Terroranschlägen. Es geht nicht mehr nur um das Nicht-Wollen. Es geht um die Angst, nicht mal mehr von denen geschützt zu werden, die sich eigentlich dem Wohle des Volkes verpflichtet fühlen müssten.

Nein, die Schuld liegt nicht bei den Seehofers, den Trumps, den Le Pens. Die Schuld liegt bei all jenen, die immer noch alle Verantwortung von sich weisen. Die selbstherrlich in ihrer halluzinierten moralischen Erhabenheit über uns schweben und uns kollektiv zu dummen Rassisten erklären. Die sich einer Kultur anbiedern, die sie verachtet und die nichts desto trotz jeden kritischen Diskurs weiterhin tabuisieren. Ihr seid der Grund, weshalb sich die Menschen von euch und eurer Politik abwenden. Weshalb da nur noch Misstrauen ist. Ihr seid die wahren Spalter des Landes und in dem Maße, wie ihr eure Agenda weiter betreibt, werden sich die Leute dem Protest, dem Trotz, der Wut zuwenden. Die AfD wird nicht mehrheitlich von Rassisten gewählt. Sie wird von Menschen gewählt, die das als stummen Protest gegen die Politik der Etablierten ansehen, weil der laute Protest schon lange nicht mehr gehört wird. Weil die Momente der stillen Fassungslosigkeit immer mehr werden.

Ihr meint, ihr könnt Politik ohne Bevölkerung machen? Ich bin mir sicher, dass euch die Mehrheit der Bevölkerung bald zeigen wird, dass man Politik ohne euch machen kann.

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Kommentare {140}

  1. wieder mal eine großartige Analyse der wahren Situation. Jedesmal ein Genuss Ihre brillanten Artikel, oft mit noch viel erkennbarer Wut im Bauch geschrieben, zu
    lesen. Vielen Dank, ich freue mich schon auf Ihren nächsten.

  2. Traurig, dass hier entweder absichtlich falsche Zahlen genannt werden oder die Autorin nicht fähig ist, Statistiken auszuwerten.
    Die “78%, die Angst vor dem Islam haben” sind nicht 78% der Deutschen, sondern 78% der Menschen, die Angst vor Flüchtlinge haben.

  3. Ja! Ja! Ich weiß gar nicht, wie oft ich beim Lesen dieses Artikels innerlich “Ja!” gerufen habe.

    Mir ist gestern oder vorgestern wieder der Moment Mitte der 80er Jahre eingefallen, an dem ich es laut ausgesprochen habe: “Ein Staat, der so etwas gutheißt, ist nicht mehr mein Staat.” – damals meinte ich die DDR.

    Mir schwante – nachdem dieser Staat dann ja tatsächlich nicht mehr mein Staat war – allerdings recht bald, dass ich diesen Satz in diesem Leben noch einmal aussprechen werde. Und dieser Moment ist jetzt gekommen. Es hat ebenso wie damals lange gedauert, ich hab mich damals wie heute langmütig und guten Willens dagegen gesträubt, aber jetzt ist es soweit. Jetzt hab ich es satt.

  4. Eine sehr gute Analyse der gegenwärtigen Situation – insofern konstruktiv und ermunternd!