Die 68er & Erben sind an der Macht – und gescheitert

Deutschland ist seines Fortschritts und seiner Freiheit bis zur Selbstaufgabe überdrüssig. Kleingeist und Konformität, Begriffsdiktat und Denkzensur, Vakuum in den Köpfen - die Mission der 68er ist abgeschlossen, das Ziel gründlich verfehlt.

360b / Shutterstock.com
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Der 1940 im Südbrandenburgischen geborene Marxist Alfred Willi Rudi Dutschke, kurz Rudi genannt, predigte der politischen Linken 1967 den „Marsch durch die Institutionen“. Gemeint damit war die schleichende Übernahme aller gesellschaftlich relevanten Positionen durch Marxisten oder dem Ideengut der Marxisten nahestehende Personen. Ziel Dutschkes und Genossen war es, alles zu vernichten, was auch nur den Hauch des Bürgerlichen in sich trug.

Ihnen diente dazu das Feindbild eines auf ihren eigenen Wurzeln beruhenden, kleinbürgerlichen Proletariats, welches bereits seit den zwanziger Jahren des Jahrhunderts die führenden Vertreter des Bürgertums in die innere oder äußere Migration getrieben hatte und später dann selbst vor dem organisierten Massenmord nicht zurückschreckte. Die deutsche Linke gab sich der Illusion hin, ihren eigenen, kleinbürgerlich-proletarischen Ursprung durch die propagierte Überwindung des ihnen selbst innewohnenden, intoleranten Kleingeists revolutionär abschütteln und so sich selbst von jeglicher Mitverantwortung für die deutsche Geschichte freisprechen zu können.

Mission abgeschlossen, Ziel verfehlt

Heute, kurz vor dem Jahreswechsel auf das Jahr 2016 und damit bald ein halbes Jahrhundert nach Dutschkes Parole, können wir feststellen: Aktion erfolgreich abgeschlossen – und dennoch oder gerade deshalb grandios gescheitert. Denn der Marsch durch die Institutionen sollte weniger dem Ziel dienen, verdiente Genossen und Gleichgesinnte an den Fleischtöpfen der Gesellschaft zu positionieren  – das war nur ein nützlicher Nebeneffekt – sondern ein komplettes Volk umzuerziehen.  Es ging um die Köpfe – nur nebenbei um die Töpfe.

68er und ihre geistigen Erben haben die Macht übernommen. Sie besetzen quer durch die Gesellschaft, quer durch Hierarchien und Unternehmen jene Positionen, die als Schaltstellen der Macht den Kurs der Gemeinschaft bestimmen. Sie waren dabei derart erfolgreich, dass heute selbst das Bundesjustizministerium – den Linken der 68er und ihren extremen Protagonisten der RAF kaum weniger verhasst als das Ministerium des Inneren – von einem bekennenden Linksaußen geführt wird, der erhebliche Probleme mit der Unabhängigkeit der Justiz hat und den Rechtsapparat nicht als unabhängiges Werkzeug der Rechtspflege, sondern als Instrument des Gesinnungsdiktats versteht.

Vizekanzler und Kanzler frönen trotz unterschiedlicher Parteizugehörigkeiten gemeinsam einer modernen Form des Sozialismus light einschließlich der Selbstaufgabe des ihnen anvertrauten deutschen Volkes durch unkontrollierte Masseneinwanderung und Dekultivierung nicht nur über die aktive Förderung archaisch-religiösen Gedankenguts.

Konformität allerorten

Was in der Staatsführung beginnt, setzt sich in den Medien, den Gerichten und den Institutionen fort. Nicht nur die öffentlich rechtlichen Radio- und TV-Anstalten, auf die sich die Politik das Durchgriffsrecht gesichert hat – auch die ehedem noch der Übernahme durch Sozialisten und Marxisten widerstehenden Printmedien des Bildungsbürgertums wie „Die Welt“ oder „Frankfurter Allgemeine“ sind heute fest in den sozialistischen Händen der dutschkeschen Nachfolgegeneration.

Gleiches gilt für große Teile der Lehrerschaft, die im Schulterschluss mit den 68ern das Bildungsniveau beständig absenkte und absenken musste, um das Abitur zum Volksschulabschluss zu machen. So werden die Universitäten mit Studenten gefüttert, die ähnlich ihren Professoren das Widerkäuen von Vorverdautem, die Beschäftigung mit dem Erkennbaren bei Ausblenden des nicht Erkennbaren sowie die Erhebung von pseudowissenschaftlichem Spartenlobbyismus wie einstmals der Rassenlehre und heute dem Genderismus als Lehrgegenstand zur Wissenschaft erklären und damit deren abendländisch-aristotelischen Anspruch zerstören.

In deutschen Gerichten sitzen marxistisch geprägte Richter, die – wie jüngst die Entscheidung des Bundessozialgerichts zum Hartz-IV-Anspruch aller EU-Bürger in Deutschland unterstrichen hat – mittlerweile jede Hemmung verloren haben, selbst den einfachen Bürger auszuplündern, wenn es darum geht, jene zu beglücken, die auch nicht ein Jota zum schwindenden deutschen Wohlstand beigetragen haben.

Auch die Kirchen blieben nicht verschont. Während sich die eine einem vorgeblichem Mainstream ein ums andere Mal beugt, konnte die andere dank ihrer fast schon hedonistischen Lust an der Entmystifizierung des Göttlichen von klerifizierenden 68ern gekapert und zur moralinsauren Institution weltbekehrender Gutmenschelei umfunktioniert werden.

Die Kunst, einst Schnittstelle von kreativer Avantgarde und bürgerlichem Fortschritts-Anspruch, verliert sich in der Verunstaltung der Werke früherer Epochen. Sie ergötzt sich in der Begeisterung für Scharlatane,  die Butter in einer Wanne verrotten lassen, von der Decke hängende Gerätschaften als „Installationen“ feiern sowie schlecht gemachte Clips zum großartigen Impuls der Gegenwart verklären. Sie, diese ursprüngliche Ehe aus der Bereitschaft zur kreativen Provokation und dem Fortschrittsglauben menschlicher Schaffenskraft, wurde erfolgreich proletarisiert und damit marginalisiert. Derweil avanciert jener ursprünglich proletarische Bodensatz der Mimen mit nichts anderem als einer schauspielerischen Ausbildung und dem vermeintlichen Charisma der Bekanntheit zum welterklärenden Chefdenker in den unerwartet ehrlich „talkshow“  genannten Brainwashveranstaltungen.

Die Kunst ist damit ebenso für den kulturellen Niedergang charakteristisch, wie dieses jene fast schon abgöttische Verehrung irgendwelcher Sportler zelebriert, die aus der körperlichen Ertüchtigung und Freizeitgestaltung den Beruf des Großverdieners gemacht haben. Als Heroen des Körperkultes verdrängten sie jene Helden des Geistes aus der Wahrnehmung, die noch vor hundert Jahren als Forscher und Wissenschaftler mit ihren Taten und Erkenntnissen die Grundlagen für einen wirklichen Fortschritt der Menschheit legten. Parallelen drängen sich auf zu jenem Römischen Reich, dessen Plebs in der Verehrung der Gladiatoren erstarrte, während seine Kultur Stück um Stück von Barbarei zersetzt wurde und den Weg vom zivilisatorischen Anspruch der Antike in die geistige Enge des Mittelalters antrat.

Der Kleingeist hat Konjunktur

Vorbei ist es mit der kulturell-geistigen Überlegenheit Europas. Wohin wir blicken, dominiert das Diktat des Plebejers als vorgeblicher Mainstream einer sich überlegen wähnenden, linken Gesinnung. Kleingeistig; jedem Wissen und der sich ihm verschließenden Erkenntnis voller Abneigung gegenübertretend; Menge mit Qualität verwechselnd und platte Massenunterhaltung zur Kultur erhebend, wähnt sich der Plebs bei allem unbeirrt in dem Anspruch, mit seiner eigenen, geistigen Beschränktheit das Maß aller Dinge zu sein. War das Sinnen früherer Generationen des nach dem Mittelalter aus der Lethargie erwachenden Europas darauf gerichtet, den nachfolgenden Generationen auch unter eigenen Opfern ein Mehr an Wissen, ein Mehr an Vernunft, ein Mehr an Kultur zu hinterlassen, so beschränkt sich der europäische Mensch des frühen 21. Jahrhunderts als Homo präkariensis auf die ewige Gier des Proletariats, das Vermögen der höheren Stände sich zu eigen zu machen, um es hemmungslos zu verkonsumieren statt darauf die nächste Schicht der gesellschaftlichen Entwicklung und der menschlichen Kultur aufzurichten.

Philosophie, die einst den Weg des Menschen aus der Barbarei erst möglich machte, verkommt zu schlechter Fernsehunterhaltung, zu einem oberflächlichen Ich-weiß-was-Spiel ohne jeglichen Tiefgang. Jene Medien, die von ihren Schöpfern den Auftrag erhalten hatten, das geistige Niveau des Zuschauers zu heben, bewegen sich auf dem unteren Sockel dessen, was Nietzsche einst als durch „den höheren Menschen“ zu überwinden beschrieb. Nicht sie erhoben andere – sie senkten sich selbst herab und geben damit, ohne dieses zu merken, jeglichen Anspruch und damit sich selbst der Disposition anheim.

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Kommentare {66}

  1. Geradezu surreal: Ich lese hier die Kommentare zu meiner Bemerkung über die für mich unbestrittenen Verdienste der so genannten 68er für die Republik und komme aus den Staunen nicht mehr heraus. Der eine oder andere Kommentator muss tatsächlich in einer Parallelwelt aufgewachsen sein oder agiert sehnsuchtsverklärt. Ich stelle ja nicht in Abrede, dass die Sache nach hinten losgegangen ist, deshalb ja die Bemerkung “die Rev. frisst ihre Kinder”. Aber wer wie ich in dieser Zeit der Umwälzungen nach dem furchtbaren Mief der 50er und 60er Jahre aufgewachsen ist, wer miterlebt hat, welche heute selbstverständlichen demokratischen und gesellschaftlichen Errungenschaften erst mühevoll erkämpft werden mussten, hat eine ganz andere Erfahrung gemacht und eine andere Sicht auf die Dinge. Viel schlimmer ist doch aber Folgendes: Es waren doch gerade die so genannten konservatien Kräfte, diese Adenauers, die Kohls, Genschers und Merkels, die den Karren in den Dreck gefahren haben: eine um 30 Jahre verzögerte Wiedervereinigung zum höchstmöglichen Preis, die Folgen des Nato-Beitritts, EU-Desaster, Euro-Katastrophe, Finanzkrise, Griechenland, Flüchtlingskrise – wenn die Adenauersche und Kohlsche Antwort auf Auschwitz die EU war, dann wird ein Schuh daraus. Das hat sogar der Polit-Depp Joschka Fischer bestätigt, als er als Schwippschwager des letztlich konservativen Atlantikers Schröder um den Einsatz deutscher Soldaten im Kosovo ging – was also wollen Sie bitte schön den 68ern anlasten außer, dass sie dieses Vakuum gefüllt haben, dass die Deutschland-Verachtung der konservativen deutschen Politikklientel in den letzten 40 Jahren hinterlassen hat?

  2. Wenn so ein Kommentar nur irgendetwas mit Liberalismus zu tun haben soll, dann muss man sich wenigstens nicht wundern, warum der Liberalismus tot ist in diesem Lande….

  3. Danke Herr Spahn für diesen brillanten Artikel.

    Der Sozialismus umfasst doch mehr oder weniger das ganze politische Pendel. Auf der linken Seiten sind die guten Sozialisten auf der rechten die bösen National Sozialisten. Dazwischen tarnen sie sich z.B. als Grüne oder angeblich Liberale in Form der fdp. Es ist wie bei dem Hase und dem Igel, egal wohin das Wahlvolk hinpendelt der Sozialismus ist schon da. So sind links Sozialismus und rechts Sozialismus zwei Seiten der gleichen Medaille. Nur so ist es möglich, dass wie z.B. in GR extreme Linke und Rechte oberflächlich betrachtet eine groteske Koalition bilden können.
    Letztendlich ist der Sozialismus für alle Massenmorde seit dem 1. WK verantwortlich, was natürlich seine Befürworter bestreiten. Das Hauptproblem ist, dass man dem Sozialismus nicht mehr entrinnen kann, da alle Länder mehr oder weniger sozialistisch sind. Solange dies die Bürger nicht realisieren, besteht keine Hoffnung auf Besserung. Erst wenn das oben beschriebene politische Pendel verschrottet wird, kann es zu einem Neubeginn kommen.

    1. »Letztendlich ist der Sozialismus für alle Massenmorde seit dem 1. WK verantwortlich, was natürlich seine Befürworter bestreiten.«

      Das tun nicht nur Sozialisten. Auch andere Lebenseinstellungen, die in Gesellschschaftskonzepte münden, führen zumindest indirekt dazu (z.B. durch Ablehnung vorhandener Verantwortung, Stellvertreterhandlungen oder Destabilisierungen, die zu Konflikten führen) oder würden dazu führen, wenn sie nicht durch soziale Konzepte aufgefangen würden.

    2. Vertreter des demokratische Sozialismus waren die einzigen, die sich gegen das drohende Jahrtausendunglück gestellt haben. Egal ob Katholiken, Liberale, Deutschnationale, alle haben sie für den Untergang gestimmt… Schonmal die Rede von Otto Wels angehört? Aber gegen soviel historische Ungebildetheit ist kein Kraut gewachsen…

  4. “Die 68er & Erben sind an der Macht” – und gesetzmäßig (!) gescheitert.
    Das pseudorevolutionäre linkspopulistische Gedankenkonstrukt von den heutigen, meist kinderlosen linken und grünen 68er & Erben- Dekadenzbratzen, die sich hauptsächlich im (Hoch-)Schulwesen, Kulturbereich, als Politiker oder “Aktivisten” und anderen Laberberufen ausgebreitet haben, ist schon über 2000 Jahre alt!
    Dieses linke sozialistische Gleichheits-Weltbild hat aber einen gewaltigen Nachteil, denn es ist nur als Traum schön, und führt bei der Realisierung seit über 2000 Jahren immer wieder in den Untergang jeder davon dominierten Gesellschaft!
    Der regelmäßige Untergang einer davon dominierten Gesellschaft ist offenbar das erste „Grundgesetz des Sozialismus/Kommunismus“ und damit jeder linkspopulistischen Gleichheitsideologie.
    Herausgearbeitet hat das im Jahr 1980 der russische Mathematiker Igor R. Schafarewitsch in seiner heute politisch nicht mehr korrekten Fleißstudie:
    “Der Todestrieb in der Geschichte. Erscheinungsformen des Sozialismus.”
    http://www.amazon.de/Der-Todestrieb-Geschichte-Erscheinungsformen-Sozialismus/dp/3548380093

  5. Mal ein bisschen was Positives zum “Kleinbürger”: Im Sinne meiner aus Ostpreußen stammenden Mutter möchte ich sagen “Auf die Haltung kommt es an” (und nicht, ob einer Bildungs- oder Kleinbürger ist). Dieter Bohlens Depp (“Mach mal einem Deppen klar, dass er ein Depp ist”) meint nicht alle Deppen, sondern den narzisstisch-penetranten Persönlichkeitstyp. Aber, leider richtig, die Haltungslosen und Haltungspenetranten sind heute die Norm. Jenseits der Unterschicht sieht es ja nicht besser aus. Dort beherrschen dann zB “Ökodeutsche” mit ihrer Einfalt und Dekadenz die Szene. Meine alte Mutter mit ihrem Haltungs- (und Bildungs)anspruch aus dem ostpreußischen Bürgertum wirkt heute so traurig isoliert, wie sie es beschreiben, Herr Spahn.
    Aber wie soll ein neues Bürgertum entstehen? Solange Fehlhaltung in der Gesellschaft Macht und Geld verschaffen, zB über Einforderung von Transferleistungen, ist der Zustand zementiert (@ Vorredner Harald Kampffmeyer: bemerkenswerte Zitate zur Weisheit der Alten). Es könnte dann logischerweise nur noch über Zusammenbruch des Systems geschehen, wenn die Menge an Leistern und Produktiven zu gering gegen die Menge der Forderer und Destruktiven wird. Meine Hoffnung ist, dass das Haltung doch noch in vielen Menschen schlummert, zugekleistert vom Zeitgeist, und sich in der Not zu regen beginnen könnte.

    1. Tja, Haltung, ein vieldeutiger Begriff…Haltung bewahren, Haltungsnoten…meine Mutter zu mir vor 1945 “Halte dich gerade, Junge!” Mein Vater in seinem ersten Brief als ich 1959 Soldat wurde “Als erstes mußt du lernen, anständig zu verrecken”, das war natürlich von ihm salopp ausgedrückt und er meinte “mit Haltung sterben”. Nein, mit dem Haltungsanspruch des preußischen Bürgertums kann ich nichts anfangen, der Begriff ist verbraucht.

  6. hm … natürlich waren die 68er eine historische Notwendigkeit nach 45. Es gibt doch kaum moderne freiheitlich-gesellschaftliche Errungenschaften die nciht wir nicht unmittelbar dieser Klientel zu verdanken hätten. Aber Sie haben Recht, die Revolution frisst eben ihre Kinder. Und jede bedeutende politische Kraft braucht eine Gegenkraft. Und die fehlt. Das aber den Enkeln der 68er anzulasten klingt mir zu billig. oder?

    1. Sie haben recht, Herr Wallasch, ein kleiner Spaß zur rechten Zeit trägt zur Erheiterung und Entspannung bei. “Man darf alles nicht so eng sehen” ist, glaube ich, auch eine “moderne freiheitlich-gesellschaftliche Errungenschaft” der 68er.

    2. Lieber Alexander Wallasch,
      so ganz erschließt sich mir der Sinngehalt Ihres Kommentares nicht.
      Als Historiker und Politikwissenschaftler kann ich an den 68ern nichts “Natürliches” im Sinne einer “historischen Notwendigkeit” erkennen. Mit gleicher Logik könnte man auch die NSdAP-Revolution als historische Notwendigkeit bezeichnen. Oder das jungtürkische Massaker an den Armeniern. “Notwendig” ist historisch nichts. Es geschieht – oder es geschieht nicht. Ist es geschehen, kann man es nicht mehr ändern. Sonst nichts.
      Ich gehe auch nicht mit Ihnen über die Brücke der “modernen freiheitlich-gesellschaftlichen Errungenschaften” die wir Ihrer Auffassung nach den 68ern zu verdanken hätten. Die Demokratie haben sie nicht erfunden – eher abgeschafft. Die Freiheit des Denkens ebenso. Die Emanzipation der Frau ist eine bürgerliche Errungenschaft – keine proletarische. Insofern bitte etwas Butter bei die Fische. Sonst bleibt die Behauptung als ausschließlich eine solche sinnfrei im Raum stehen.
      Etwas den Enkeln anlasten? Wer tut das? Angelastet wird das Desaster dem Proletariat – und seit 1920. Die 68er als von ihren Vätern zwangsweise im Stich gelassene Generation haben sich dafür rächen wollen. Aus ihrer kleinbürgerlich-proletarischen Haut konnten sie damit nicht schlüpfen. Und so wurde der Rachefeldzug gegen die Vernachlässiger zum Feldzug gegen das Bürgertum.
      Die erfolgreich indokrinierten Enkel der 68er (wie sowas funktioniert, durfte ich schon während meines Studiums erleben) sind Opfer, nicht Täter.

      1. Lieber Tomas Spahn,

        Sie wissen glaube ich ziemlich exakt, was ich meine. In der politischen Auseinandersetzung muss es auch um Anerkennung der Verdienste des vermeintlichen Gegners gehen. Da geht es eben mal nicht um die übliche bedingungslose Dialektik. So müssten Sie als “Historiker und Politikwissenschaftler” (keine Ahnung, warum Sie das erwähnen 😉 ich habe besonders in der Klientel die größten Deppen erlebt – schließe Sie da natürlich ausdrücklich aus!) doch eine Idee der Zeitenwende von 1960-1985 haben. Noch dazu als Zeitzeuge, der Sie sind. Hier geht es auch nicht um Notwendigkeiten, sondern um die Durchsetzung und Akzeptanz der auch im Grundgesetz verankerten Werte. Ein Beispiel: Auch wenn wir heute eine ziemlich kranke Genderpolitik angeboten bekommen, heißt das doch nicht, dass beispielsweise die Auseinandersetzung, das der Kampf gegen diese unsäglichen Paragraphen 175 und 218 falsch war. Im Gegenteil. Hier hat die Bewegung der 68er auch für Sie und Ihr Nachfahren Menschenrecht durchgesetzt. Ihre Töchter und Söhne profitieren heute vom damaligen politischen Aktivismus. Und wenn Sie sagen, die „Emanzipation der Frau ist eine bürgerliche Errungenschaft – keine proletarische.“, widerspricht sich das doch nicht. Die 68er waren doch Bürgerliche und keine Arbeiter. Die Behauptung, die 68er hätten „die Demokratie abgeschafft“ ist dann leider geradezu unwürdig, gemessen am von Ihnen extra argumentativ in die Diskussion eingeführten persönlichen Hintergrund (Historiker und Politikwissenschaftler) ebenso, wie die seltsame Feststellung, die 68er hätten sich rächen wollen, weil Vati an der Front war. Also bitte 😉 – Geht’s noch? Erkennen Sie doch als „Fachmann“ mal die wahren Vernichter dessen, was Ihnen so am Herzen zu liegen scheint: Diese groteske Deutschland-Verachtung der konservativ-bürgerlichen Kreise in Tradition dieses schäbigen deutschen Adels der Jahrhunderte zuvor.

    3. Eine historische Notwendigkeit von Veränderungen nach 1945 gab es sehr wohl, wenngleich es nicht die in sich unstimmigen Änderungen der 68-er hätten sein müssen. In einer Demokratie entwickeln sich Freiheiten quasi von allein, auch ohne die Kraft eines akademischen 68-er Milieus, das sich proletarisch solidarisiert hat oder solidarisieren wollte. Dafür sorgt schon die Werbepropaganda des Kommerzes sowie der davon in Anspruch genommene Reiz der Enthüllung des Verborgenen…

      Für die 68-er gilt oft genug: Mit der Hand gemacht, mit dem Hintern wieder eingerissen. Die innere Widersprüchlichkeit und auch Unvernunft sind es letztlich, die andere Formate und Kräfte nötig machen.

      Die 68-er enstanden aus Protest und dem Anders-sein-wollen bis hin zu anderen “Familien”-Lebensentwürfen, beginnend in Kommunen, der immer in seinen Genen auch etwas zu Beprotestierendes voraussetzt. Die Feindbilder leben bis heute – und wenn es keine mehr gibt, werden eben welche dazu gemacht.

      Und auf der anderen Seiten wird sich dann auch um einen neuen Nuklus ein Gegenpol bilden, der irgendwann oder auch früher seine populistischen Elemente haben wird. Zuerst geht es bekanntlich im Kopf los – da sieht man schon was. Hurra! Wir haben endlich die Polarisierung geschafft, die uns noch viel zu schaffen machen wird. Soviel auch zum Thema der freiheitlich-gesellschaftlichen Errungenschaften.

    4. Ich bin in einer bürgerlich-liberalen Familie in den frühen 70ern aufgewachsen.
      Die 68er wurden bei uns immer als Hippies, Junkies, Psychopathen und als Brutstätte für Terroristen gesehen und nicht als gesellschaftliche Befreier.
      Einer “Befreiung” hätte es auch gar nicht bedurft.
      Meine Eltern waren weder ausserordentlich streng noch piefig oder altbacken.
      Man hat uns Kinder familiär mit einem guten Schuss Liberalismus erzogen und nie wirklich gegängelt.
      Und das obwohl meine Eltern unter der Hakenkreuzfahne aufgewachsen sind!
      Zur Erkenntnis, dass Hitler ein absoluter Schweinepriester war, hat es zumindest in unserer Familie keine 68er gebraucht.
      Die Erkenntnis war schon vorher gereift.

      1. Ja, die große 68er-Story, von den Siegern in Nachgang zur Legende ausgebaut. Die Wahrnehmung in meiner Familie war ähnlich. Weder wurde die Nazizeit “tabuisiert”, noch lebten wir in “miefig-einengenden” Verhältnissen. Im Gegenteil, die 68er wurden als aggressiv-spinnerhafte Bewegung wahrgenommen, die sich plötzlich überall wichtig machte. Und vielleicht nur deshalb möglich war, weil in der Wirtschaftswunderzeit genügend Resourcen da waren, um sich jahrelang als “Student” der “Revolution” auszutoben, ohne wie heute direkt bei Hartz IV zu landen.

      2. @Wurstbürger
        Ganz genau so. Bin 62 er Jahrgang, meine Eltern ganz normaler Mittelstand, wir konnten auch sehr viel mitentscheiden, sehr liberal erzogen ohne ideologischeBrille auf der Nase. Aus uns 3 Kindern ist allesamt was geworden, wenn ich mal davon ausgehe, dass wir noch nie und in keinster Weise auf Vaters Staat Tasche gelegen haben und uns auch zu fein dafür sind, dass andere über ihre Kraft hinaus für uns zu zahlen hätten. Wir schätzen andere Menschen, sind offen für Gespräche etcpp. In unserer Familie wird viel diskutiert und vor allen Dingen ist uns Familie wichtig. Ganz anders in der Familie meines Ex-Mannes. Er war geradezu ein Paradebeispiel einer typischen 68er Familie. Ich werde mich hier kurz halten, zu emotional waren die Ereignisse. Mutter war Lehrerin, Vater Künstler. Beide führten eine Ehe gegenseitigen Misstrauens und letztendlich auch Betrugs.
        Ganz nach der Devise, wer ewig mit der Selben pennt, gehört schon zum
        Establishment. Das war in dieser Szene einfach Usus. Der jüngere, der beiden Söhne war früh den Drogen verfallen und manövrierte sich immer tiefer in diesen Sumpf hinein, bis am Ende der brachiale Selbstmord stand. Der. ältere der beiden, mein Ex-Mann, ging den gleichen Weg seines Vaters. Sein Leben war ihm immer wichtiger, als sein Kind geschweige denn seine Familie, bis es dann auch zu solche Exzessen, wie bei seinen Eltern kam, Verachtung, Betrug etcpp. Die ganze Palette eben. Ich habe in dieser Zeit auch viele Gleichgesinnte (wie Ex-Mann) kennengelernt und kann aus der Retrospektive sagen, die haben alle das gleiche Brett vorm Kopf. Linke Ideologie eben! Wasser predigen und
        Champagner saufen, um es verkürzt auf den Nenner zu bringen. Heutzutage bin ich geheilt von solchen Typen und erkenne diese schon meilenweit gegen den Wind. Egal ob Männlein oder Weiblein. Man erkennt sie! Vor allem an ihrem Tun und an ihrer Sprache.

      3. @ Cathy:

        Bringen wir es auf den Punkt:
        Die, die am lautesten nach Sozialismus schreien, sind die, die sich selbst nicht sozial verhalten.

        Ich habe da so eine Theorie entwickelt:
        Sozialisten sind oftmals die, die sich in ihrem eigenen familiären Umfeld nicht “zu hause” gefühlt haben.
        Also entweder Menschen, die sich eingeengt gefühlt haben oder vernachlässigt worden sind.
        In beiden Fällen ruft man deswegen nach staatlicher Korrektur, weil man den sozialen Umgang innerhalb der eigenen Familie nicht gelernt hat.
        Die Kausalkette wäre dann:
        mehr kaputte Familien -> mehr Sozialisten -> noch mehr kaputte Familien -> noch mehr Sozialisten -> Sozialismus als Staatsform

  7. Alles richtig, auch super Komentare, aber noch ein paar Stichpunkte, ihr wißt, was ich meine: total besoffene Kohlsche Euroeinführung, inklusive Waigel, Kohls Mädchen, transatlantische Hörigkeit, besoffene Euro- Aufnahme Griechenlands.Kohl hätte mehr mit Rußlandeinbindung leisten können. Es wird granatenmäßig schiefgehen, weil unsere Weicheier meinen, sich hinter der Eu verstecken zu können, wo doch die Lösung von Problemen auch aus meiner Lebenserfahrung nur sein kann: Zurück zur kleineren Einheit, wo Verantwortung für begangene Fehler noch zugewiesen werden kann und deshalb vorsichtiger agiert wird.

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