Merkels TV-Auftritt schafft den Diskurs. Und zwar ab.

Üblicherweise sind in Talkshows unterschiedliche Meinungen zu hören. Am Mittwoch hat die ARD mit Merkels TV-Auftritt bewiesen, dass sie einen Staatssender betreibt.

Herles fällt auf

Das S-Verb. Merkels Lieblingsvokabel. Es ist noch immer die Einzige, die sie zu bieten hat, gebetsmühlenhaft. Selbsthypnose. Selbstbetrug.

I.

Die große Vorsitzende allein auf dem Sockel. Neben ihr die fürs quotensteigernde Privileg dankbare Stichwortgeberin. Politische Streitkultur aber geht anders als ein Altennachmittag mit Ehrengast im evangelischen Pfarrheim.

Nur Merkel. Solo. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist wie geschaffen dafür. Wie geschaffen für die Regierungschefin, die das vielleicht aus dem DDR-Fernsehen schon kennt und für praktikabel hält. Schließlich muss der Osten doch auch etwas beitragen dürfen zum vereinten Mutterland der Zwergtätigen.

Üblicherweise sind in Talkshows unterschiedliche Meinungen zu hören. Es hätte andere Formen der Befragung gegeben. Was nun, Frau Merkel? im ZDF, Zur Sache, Kanzlerin in der ARD. Wenigstens mit zwei Journalisten im Kreuzverhör. Noch besser mit Politikern und Experten gegensätzlicher Auffassungen. Aber nein. Wenn die Kanzlerin kommt, sind andere Ansichten abgeschafft. Wären sie der Kanzlerin nicht zumutbar gewesen, weil eine Kanzlerin hierzulande als „Chefin von Deutschland“ gilt und nicht mit Unterstellten sprechen muss?

II.

Die Obrigkeitshörigkeit ist in Deutschland noch immer nicht abgeschafft. Im Gegenteil, sie wird gerade wieder groß gemacht und die politische Leitfigur der Kanzlerin zur moralischen Leitfigur erhöht, zur Hohepriesterin einer dem Politischen zutiefst entfremdeten Gesellschaft. Gottesgnadentum in moderner Version. Merkels Flüchtlingspolitik ist pseudoreligiös. Der liebe Gott habe uns das Problem eben auf den Tisch gelegt. Wenn ein Kardinal so spricht, wird ihm vielleicht verminderte Zurechnungsfähigkeit attestiert. Für eine Regierungschefin darf es keinen Nachlass geben, wenn sie den Mond anjault wie eine junge Hündin.

Und wenn schon der Links-Protestantismus die Regentschaft im Mainstream-Deutschland übernommen hat, dann darf an Luther und Kant erinnert werden. Was ist mit der Freiheit des Christenmenschen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen? Auch die Vernunft wird abgeschafft unter der Warmwasserdusche des Konformismus. Wir sind gut. Das muss genügen.

III.

Die ARD rühmt sich ihrer Unabhängigkeit und Staatsferne. Am Mittwoch hat sie in Merkels TV-Auftritt bewiesen, dass sie einen Staatssender betreibt. Erst die Merkel-Soloshow. Sofort danach die zweite Show zur ersten. Die Quotenzombies vom Gebührenfernsehen nennen das einen perfekten Audience-Flow. Da waren die Tagesthemen kein Nachrichtenformat mehr, sondern eine als Analyse getarnte Beweihräucherung des selbst veranstalteten Events. Selbstbeglückung. Selbstverzückung. Die Merkel als Entertainerin. Mit einem Augenaufschlag zwischen Weltvergessenheit und Machtbesessenheit.

So schafft sich ein Medium als kritische Instanz ab. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten kassieren Gebühren, weil ihr Programm zum demokratischen Diskurs des Landes beitragen sollen. Merkel schafft die Politik ab. Die ARD verkauft ihre Seele.

Doch auch dazu hat sich Merkel erst entschlossen, als die Zahlen, die ihr weit mehr bedeuten als die Zahl der Flüchtlinge und illegalen Einwanderer, nämlich die Zahlen der Demoskopen, Ungemach verhießen. Das Postament der Popularität schwankt.
Die Lage ist – das war die versteckte, doch unüberhörbare Botschaft ihres betreuten Monologs – nicht unter Kontrolle. Unter Kontrolle hat die Kanzlerin nur sich selbst. Sie lächelt die Krise standhaft weg. Das schafft sie noch immer.

Für politische Streitkultur ist diese Frau nicht geschaffen. Im Parlament ist der Diskurs auf den Hund gekommen mangels Opposition. Nirgends ein liberales Stimmchen, das ja nicht aus der FDP kommen müsste. Die Linke hin und hergerissen zwischen Westlinken, (die Deutschland am liebsten abschaffen würden,) und Ostlinken, (die am liebsten eine Mauer ums ganze Land herum bauen würden).

Und die Grünen? Opposition wäre der falsche Begriff für den Göring-Eckardt-Club, der sich Merkel als Schirmherrin hält.

IV.

Zum verehrten Publikum: Es will ja auch einfach mal nur entspannen, wenn spät abends die Glotze läuft. Im Netz folgt diesmal nicht der gewohnte Spott- und Shitstorm. Im Netz wird gejubelt über die so authentische, sympathische, rundum großartige Bundesmutti. Der PR-Scoop ist gelungen. Einen Orden für den Regierungssprecher, der ja mal Nachrichtenentertainer im ZDF gewesen ist und weiß wie das geht.

Da kann der größere Teil der Vierten Gewalt nicht anders als applaudieren. Merkels „beste Zitate“ bietet Spiegel-Online zum sich Noch-mal-in-Ruhe-Reinziehen. „Beste“? Warum nicht „bezeichnendsten“. Worte sind verräterisch, und es kommt dabei auf Nuancen an. Der Spiegel (vormals: Sturmgeschütz der Demokratie), bezeichnet Merkel als „unbeirrbar“, wo es „unbelehrbar“ hätte heißen müssen. „Merkels ehrlichste Regierungserklärung“? Stimmt, der Parlamentarismus ist auf die Talkshow gekommen, und es werden heute mehr Regierungserklärungen in Talkshowsesseln abgeliefert als dort, wo sie hingehören. Aber „ehrlichste“? Weshalb nicht „freundlichste“? Freundlichkeit ist keine politische Kategorie – also Merkel gemäß.

Ehrlich wäre es gewesen, hätte die Kanzlerin über die nachhaltigen Folgen des ungebremsten Zustroms islamischer Einwanderer wenigstens ein paar Gedanken verloren. Doch dazu kein Wort.

Die einstmals konservative Welt glaubt, die Zuschauer hätten einen „guten Eindruck“ von ihrer Kanzlerin erhalten. Warum nicht besser „ungeschminkten“ Eindruck? So „pur“ hätten die Deutschen sie noch nie gesehen. Gemeint ist doch wohl eher: so „ahnungslos und nackt“. Ungenauigkeit oder Weichzeichnerei? Merkel hat es auch geschafft, das Urteilsvermögen professioneller Beobachter auszuschalten. Sie war so unbestimmt und vage in der Sache wie immer. Lediglich der Tonfall etwas anders als gewohnt. Was würde ein Chefredakteur wohl mit einem Musikkritiker machen, der zwischen Tonart und Melodie nicht unterscheiden kann? Politische Kommentatoren dürfen es. Es hat nichts mit Gesinnung zutun, sondern mit journalistischem Handwerk.

V.

Ich plädiere in diesem Fall für die Wiedereinführung der Folter. Permanente Wiederholung der Sendung auf sämtlichen öffentlich-rechtlichen Kanälen. Bis jeder kapiert, was in Deutschland gerade geschaffen, beziehungsweise abgeschafft wird.

*

Von Wolfgang Herles erschien gerade das Buch: Die Gefallsüchtigen. Gegen Konfor-mismus in den Medien und Populismus in der Politik. Erhältlich hier im Shop:

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Kommentare {69}

  1. Ich habe die Sendung leider nicht gesehen und weiß jetzt nicht,
    was ich meinen soll.
    Grundsätzlich finde ich es aber gut, wenn es nur eine Meinung gibt, die
    man sich zu eigen machen soll. Bei der Flut von Quasselrunden werden immer
    so viele Meinungen geäußert, dass ich am Ende ganz
    durcheinander bin.
    Schade, dass ich das verpasst habe und jetzt ohne Meinung da stehe.
    Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber Meinung kommt ja von meins,
    denn wenn es ihre Meinung wäre, würde es ja Irrung heißen.
    Na ja, diese viel beschworene Meinungsvielfalt finde ich jedenfalls
    lästig, denn sie führt die ganze Woche über zu unnötigen Meinungsverschiedenheiten
    und lenkt so ständig von der eigentlichen Arbeit ab.
    Da beneide ich die Generation vor mir, die wahrscheinlich wegen
    der einen Meinung für alle so erfolgreich war.
    In diesem Sinne:
    Ein Volk, eine Partei, eine Führerin, eine Meinung! Basta!

  2. Spot on! Danke! Mit Zwangabgabe versehens Staatsfernsehen stellt den Jounalismus ein und mutiert zum Hofberichterstatter. Was kommt als nächstens, Rolf Seelmann-Eggebert interviewt die Kanzlerin und lullt uns ein?

  3. Toller Artikel, Gratulation!
    Sie sprechen mir aus dem Herzen. Vermutlich altersbedingt war ich jahrelang eine treue ZDF-Zuschauerin. Seit längerem schalte ich diesen Sender nicht mehr ein, denn er ist mir zu regierungstreu geworden. Könnte es am Regierungssprecher der Kanzlerin liegen?! Aber weshalb ist die ARD staatstreu?
    Für widerliche und verletzende Mohammed-Karikaturen geht man im Namen der Pressefreiheit auf die Straßen. Mich wundert es nicht, dass durch unsere jetzigen Medien viele Ostdeutsche an ihr damaliges Staatsfernsehen erinnert werden.
    Aber es gilt halt jetzt, die Bevölkerung zu beruhigen, besser noch mit Durchhalteparolen zu motivieren. Fast wie im Krieg, wenn der Gegner zu übermächtig wird!

  4. Mir wird seit 1998 regelmäßig schlecht; ich habe inzwischen auch keinen Fernsehapparat mehr und musste mir das zum Glück nicht antun.

  5. Nicolaus Fest berichtet in diesem http://nicolaus-fest.de/humanitaet-als-totschlag/ Blogpost:

    “Aus sicherer Quelle: Letzte Woche habe Frau Merkel die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender eingeladen respektive einbestellt, und alle seien gekommen. Die Unabhängigkeit von ARD und ZDF. Dabei muss sich die Kanzlerin gar keine Sorgen machen: Die Sender haben sich doch längst selbst gleichgeschaltet.”

  6. Es wird Zeit, dass Merkel geht..

    https://www.youtube.com/watch?v=i6ZDKDDxpu4

  7. Sehr treffender Kommentar. Wer Koepersprache “lesen” kann, muss im uebrigen erkannt haben, dass Merkel KEINEN Plan hat. Der skeptische Blick von Frau Will war allerdings auch das einzige Merkmal einer kritischen Journalistin. Ansonsten das uebliche “keiner fragt, Frau Merkel schwurbelt infantiles Zeug”!
    Das sie mit diesem Ruestzeug an die Spitze dieses Landes kommen konnte, unterstreicht das immer noch Unpolitische in den Deutschen. Es ist Ihnen nicht zu helfen.

  8. Nun, die erste Maßnahme des zivilen Ungehorsames wäre ja dann wohl klar…keine Zwangsgebüren mehr für die “öffentlich Rechlichen”

Kommentare sind geschlossen.