Warum Moral in der Flüchtlingsfrage kein guter Ratgeber ist

Anabel Schunke hält es für einen grundsätzlich falschen Ansatz zur Integration von Flüchtlingen, von Anfang an mehr Anpassung von den Helfern zu fordern als von den Flüchtlingen selbst. Und meint: Es ist dringend an der Zeit uns zu fragen, ab wann Moral nicht mehr moralisch ist und welche Art von Hilfe wirklich hilft. Und vielleicht ist dieser Ansatz letztlich der Moralischste von allen.

Helping_Hands

Es gibt viele Gründe für ein Politikstudium. Einer dieser Gründe ist, dass man spätestens bei Erstkontakt mit der politischen Theorie beginnt Begrifflichkeiten des Alltags zu hinterfragen. Begrifflichkeiten, die man vorher im alltäglichen Diskurs selbstverständlich verwendet hat und dadurch erst ihre eigentliche Bedeutung erhalten, werden ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit beraubt und das ist eine wahnsinnig spannende Angelegenheit! Man spricht nicht mehr einfach von Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Moral und Co. Stattdessen fragt man, worum es sich bei diesen Werten überhaupt handelt. Das mag auf den ersten Blick banal erscheinen. Als ob man nicht auch ohne Politikstudium Dinge auf ihren Gehalt prüfen würde. Aber fragen Sie sich doch einmal selbst, was z.B. soziale Gerechtigkeit für sie bedeutet. Oder wie Freiheit in ihren Augen definiert ist. Plädieren Sie eher für einen negativen oder positiven Freiheitsbegriff und wie legt man fest, was gerecht und was ungerecht ist? Haben Sie auf Anhieb klare Antworten darauf? Dann nehme ich alles zurück. Haben Sie sich nicht, grämen sie sich nicht. Das ist normal, zeigt uns aber eben jene Selbstverständlichkeit auf, Begriffe zu verwenden, die wir oft gar nicht genau für uns definieren können und deren Bedeutung deshalb gar nicht richtig erfasst wird.

Ist uns das erst einmal bewusst, setzt jedoch ein Prozess ein, der schlussendlich dafür sorgt, dass plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist. Jedes Wort ist nicht mehr einfach nur Wort und wird mehr oder weniger standardisiert benutzt. Die hohle Phrase, das einfache Dahersagen gilt nicht mehr. Das eigene Denken wird grundlegend auf die Probe gestellt und nicht selten erschüttert. Aber lässt man sich auf die Erschütterung ein, ist sie stets positiv im Sinne der Erweiterung des eigenen Horizonts zu sehen. Das gilt für ganze Theorien genauso wie einzelne Begrifflichkeiten Dabei sorgt die Erschütterung des eigenen Denkens schließlich dafür, dass man sich an immer mehr gedankliche Grenzen herantraut und sie überschreitet. Am Anfang wagt man sich an so etwas wie Gerechtigkeit und Freiheit, bis man irgendwann bei den Begrifflichkeiten landet, die oft noch viel selbstverständlicher erscheinen und es noch weniger sind. Einer ist die Moral.

„Moral?“ höre ich jetzt einige sagen. Was kann an Moral, an moralischem Handeln schon schlecht sein? Sorgt die Moral nicht dafür, dass wir zusammenhalten, dass wir hilfsbereit sind? Es widerstrebt uns, an einem Begriff, der so selbstverständlich positiv konnotiert ist, etwas Schlechtes zu finden. Aber fragen Sie sich auch hier einmal, was Moral überhaupt für Sie ist.

Der Moral wohnt die Intoleranz inne

Hier offenbart sich der diffuse Charakter und das Problem von Moral. Zweifelsohne ist sie, sofern sie überhaupt klar definiert werden kann, nämlich für jeden etwas anderes und dennoch wohnt ihr stets ein absoluter Wahrheitsanspruch inne. Welche Konflikte sich daraus ergeben können, wird nicht zuletzt ersichtlich, wenn wir die bekanntesten Formen von Moralvorstellungen, die Religionen, betrachten. Moral wirkt, das hat schon Niklas Luhmann hervorgehoben, potentiell desintegrierend, weil sie durch ihren ganzheitlichen Wahrheitsanspruch in der Kommunikation einen Angriff nicht auf ein bestimmtes Argument einer Person darstellt, sondern immer einen Angriff auf die ganze Person an sich, sofern diese Person eine andere Vorstellung von Moral besitzt.

Da ich davon ausgehe, dass es meinen Gott gibt, kann es deinen nicht geben. Du liegst falsch und mit dir dein ganzes moralisches Fundament. Der Moral wohnt die Intoleranz inne. Nicht verwunderlich also, dass Luhmann die Moral nah an den Streit und folglich auch nah an die Gewalt rückt. Moral führt nicht zu Einigung, sondern eher zu Kommunikationsabbruch, weil sie argumentativ ob ihres diffusen Charakters und ihres Wahrheitsanspruchs nicht angegriffen werden kann. Die Glaubenskriege der letzten Jahrhunderte belegen das.

Wenn sie sich mit einem Kirchenmann unterhalten und dieser argumentiert damit, dass es Gottes Wille ist, können sie ihm das nur schwerlich absprechen, weil sie dafür erstens belegen müssten, dass es Gott gibt oder nicht gibt und zweitens, wenn es ihn gibt, dass er es nicht so gemeint hat, wie ihr Gesprächspartner es behauptet. Treffscharf bemerkte Luhmann: „Mit Moral immunisiert man sich gegen die Evidenz des Nichtwissens, weil die moralisch bessere Meinung sich mit ihren eigenen Argumenten bestätigen kann.“. Damit zeigt er auf, was klar sein sollte: Moral hat im politischen Diskurs und als Grundlage politischen Handelns nichts zu suchen.

Zweifelsohne ist das auf den ersten Blick eine harte Aussage, weil sie dazu zwingt, sich von dem Glauben zu verabschieden, dass Moral oder Berufung auf Moral im politischen Diskurs und Handeln per se etwas Gutes ist. Ja, sich mit der Erkenntnis anzufreunden, dass sie sogar etwas Schlechtes sein kann, von dem wir in bestimmten Bereichen Abstand nehmen sollten, weil sie der weit verbreiteten Annahme zuwider mehr schadet als hilft.

Moral setzt ein, wo Argumente fehlen

Dennoch ist es nicht verwunderlich, dass sich in politischen Diskussionen und Handlungen immer wieder auf sie bezogen wird. Nicht nur in privaten Diskussionen über Politik, sondern auch von Politikern, Journalisten und allen anderen, die in der politischen Debatte um ihre Meinung gefragt werden oder selbst politisch handeln. Der Grund ist einfach und bereits angesprochen: Was Luhmann mit der „Immunisierung gegen die Evidenz des Nichtwissens“ meint, ist nichts anderes als die Tatsache, dass Moral da ansetzt, wo die rationalen Argumente ausgehen. Deswegen wird sie so gern verwendet. In der Religion, genauso wie in der Politik.

Übertragen wir dies auf die Flüchtlingskrise, so lässt sich erahnen, dass dieser Umstand nicht zuletzt all jenen zu Gute kommt, deren eigene Weltsicht durch eben jene Krise gerade ordentlich auf die Probe gestellt wird. Es spricht alles dagegen, dass wir die Aufnahme weiterer Flüchtlinge kulturell und wirtschaftlich verkraften? Aber unsere Humanität, die Moral gebietet es doch! Wer will da schon widersprechen und sich dem Vorwurf aussetzen, kalt, herzlos und unmoralisch zu sein?

So ist die hiesige Flüchtlingskrise wohl das beste Beispiel dafür, weshalb Moral kein guter Ratgeber ist und die Frage aufwirft, ob Moral selbst letztlich immer moralisch ist. Denn nur weil mit der Moral argumentiert wird, heißt es nicht, dass den Menschen am Ende durch das aus der moralischen Argumentation abgeleitete Handeln mehr geholfen wird als durch jenes Handeln, was sich aus einer rational politischen Argumentation ergibt. Ja was ist, wenn das Argument der Moral sogar dafür sorgt, dass wir am Ende niemandem mehr richtig helfen können, dass Wut und sogar Hass auf Fremde ob des Verteilungskampfes und der verschiedenen Vorstellungen von Gerechtigkeit weiter zunehmen? Wie viel Moral kann man sich in der politischen Debatte erlauben? Und was, wenn uns Moral am Ende unmoralisch macht?

Ich lasse Merkel an dieser Stelle bewusst heraus, weil ich schlicht nicht daran glaube, dass die Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage aus moralischen Gründen gehandelt hat. Auch die vor diesem Hintergrund aufkommende Frage, was Kirchen- und Verbandsvertreter von religiösen Vereinigungen in Polit-Talkshows zu suchen haben, soll hier nicht weiter vertieft werden. Nicht zuletzt, weil ich glaube, dass sie vor dem Hintergrund dieses Textes selbstklärend ist.

Nein, an dieser Stelle soll es im weitesten Sinne um die Helfermoral gehen. Um jene Moralvorstellungen, die dazu führen, dass sich Menschen in der Flüchtlingskrise engagieren. Was ist, wenn Helfen am Ende nicht wirklich hilft?

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Kommentare {68}

  1. Ich befürchte ein Problem mit
    den Asylentscheidungen:
    Die Leute wurde durchgewunken mit dem Ergebnis, dass unzuständige Stellen darüber befunden haben. Nicht das Erstland.
    Also ein Anfechtungsgrund für abgelehnte Bewerber.

    Das BAMF will nun trotzdem neue «Ankunftszentren» in allen Bundesländern einrichten, um den enormen Rückstand mit Hilfe von 48-Stunden-Schnellverfahren abzubauen. Geplant sind etwa 20 solcher Zentren, also mindestens eins pro Land.

    Die Entscheidung über den Antrag auf Asyl soll in 48 Stunden erfolgen???? Ein Witz.
    Warum dauert es überhaupt so lange??

    Immigranten:
    Ausländerinnen und Ausländer aus anderen Herkunftsländern benötigen grundsätzlich ein Visum.

    Bamf:
    “Ein Visum müssen Sie noch in Ihrem Heimatland persönlich bei der deutschen Auslandsvertretung beantragen, in deren Amtsbezirk Sie leben
    Wenn Sie in Deutschland arbeiten möchten, müssen Sie grundsätzlich ein Visum beantragen.”
    Also wer kein Visum hat, ist in 5 min abgefertigt.
    Wer keine Papiere hat, hat auch kein Visum.

    Asyl
    Zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ist mit dem Antragsteller vorab ein persönliches Gespräch zu führen. Stellt ein Mitgliedstaat fest, dass ein Asylantrag in einem anderen Mitgliedstaat zu bearbeiten ist, stellt er ein Übernahmeersuchen/Wiederaufnahmeersuchen an den betreffenden Mitgliedstaat. Stimmt dieser zu, erhält der Antragsteller hierüber Mitteilung in Form eines Bescheides.

    99,9% sind über Drittstaaten eingereist.

    Was dauert da 48 Stunden??

  2. Ich halte mich meistens aus Diskussionen über Moral oder Ethik mangels philosophischer Kenntnisse heraus. Auch deswegen, weil mit diesen Begriffen zu viel Schindluder, und zwar nicht nur von Berufsgruppen mit dem Vorwort Sozial, getrieben wird. Gerne werden die Worte als ideologische Schutzschilde zur Rechtfertigung des eigenen Handelns missbraucht und das nicht erst seit dem Tag, an dem eine Ethikkommission sich angemaßt hat, über die Energiegewinnung in unserem Land zu entscheiden.
    Für mich zählt nun einmal die Praxis.
    Und die zeigt jetzt, dass ich für die Ethik der Anderen bezahlen soll.
    Nun mag es ja besonders ethisch sein, wenn ich dazu beitragen darf, einigen Lobbygruppen im Energiesektor die Taschen zu füllen, aber ich bin da etwas altmodisch und würde schon gerne vorher gefragt werden.
    Genau so verhält sich es mit den Heerscharen von Helfern, die neuerdings aus allen Ecken der Republik herbeiströmen, um am liebsten gleich den gesamten Planeten in einem Blitzkrieg von allem Unbill zu befreien.
    Von mir aus gerne, aber mit welcher Summe bin ich in diesem Unterfangen eingeplant?
    Und wann darf ich, nicht linientreu, anmelden, dass ich das nicht schaffe?
    Ich kenn noch eine Zeit, in der der Staatsfunk schlicht Fernsehen hieß und aus zwei Sendern bestand.
    In einem der Beiden lief dann manchmal als Vorgeschmack auf die Zukunft
    ein Unterhaltungsprogramm mit dem Namen” Spiel ohne Grenzen”, was deswegen exotisch klang, weil wir von vielen Grenzen umgeben waren.
    Wie gut diese bewacht wurden, konnte man bei jedem Urlaub erfahren.
    Das erstrebte Urlaubsgefühl stellte sich immer in dem Augenblick ein, wenn man die gut bewaffneten Grenzschützer hinter sich gelassen hatte.
    Die strengsten Kontrollen fanden jedoch oft erst bei der Rückkehr statt, und zwar bei der Einreise ins eigene Land. Das fühlte sich dann manchmal an wie die Erstürmung einer Burg, nachdem man das Bollwerk von Fragen, Kontrollen und Leibesvisitationen überwunden hatte und glaubhaft versichern konnte, dass man nicht dem IS, der damals noch RAF hieß, angehörte.
    Diese Kontrollen waren, wie ich in der Schule lernen durfte, der Hauptgrund für die Berechtigung von Steuereintreibungen.
    Innere und äußere Sicherheit.
    Das musste man schulterzuckend zur Kenntnis nehmen.
    Jetzt hat sich mein prozentualer Steueranteil fast verdoppelt, aber eine Grenzsicherung soll angeblich nicht mehr machbar sein. Wo ist das Geld bloß hin?
    Über die jetzt offene belgische Grenze?
    Vielleicht bin ich ja auch nur zu ungeduldig und es erwartet uns alle eine fette Steuererstattung, weil wir ja keine teure Grenzsicherung mehr brauchen.

  3. Warum Anabel Schunke keine gute Ratgeberin in der Flüchtlingsfrage ist
    Eine kritische Auseinandersetzung

    „Es gibt viele Gründe für ein Politikstudium. Einer dieser Gründe ist, dass man spätestens bei Erstkontakt mit der politischen Theorie beginnt Begrifflichkeiten des Alltags zu hinterfragen. Begrifflichkeiten, die man vorher im alltäglichen Diskurs selbstverständlich verwendet hat und dadurch erst ihre eigentliche Bedeutung erhalten, werden ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit beraubt und das ist eine wahnsinnig spannende Angelegenheit!“

    Wir gratulieren der Autorin zu ihrem vermutlich erfolgreichen Politikstudium. Verbleiben aber mit der Verwunderung, ob ihr entgangen ist, dass das systematische Hinterfragen von Begrifflichkeiten eine Grundfertigkeit einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen und im Besonderen der Philosophie ist. Im Rahmen eines sinnvollen Diskurses ist es daher auch angebracht, genau anzugeben, was man selbst unter den verwendeten Begrifflichkeiten versteht. Wie wir im Nachfolgenden erkennen können werden, scheint ihr diese gängige Praxis nicht durch das Politikstudium näher gebracht worden zu sein.

    „Man spricht nicht mehr einfach von Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Moral und Co. Stattdessen fragt man, worum es sich bei diesen Werten überhaupt handelt.“

    Hier sei angemerkt, dass es sich bei Moral nicht um einen Wert handelt. Bei „und Co“ ebenfalls nicht. Moral ist vielmehr zu verstehen, als die Gesamtheit an von der Mehrheit akzeptierten Verhaltensregeln in einer bestimmten Population oder Gruppe von Menschen. Diese Regeln sind auf die Menschheit bezogen weder universal noch eine fixe Entität, die über die Zeit hinweg bestehen würde. Die Diskriminierung zum Beispiel Homosexueller Paare, die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts oder die Haltung von Menschen als Sklaven, galten früher mal als durchaus moralisches Verhalten.

    „Das mag auf den ersten Blick banal erscheinen. Als ob man nicht auch ohne Politikstudium Dinge auf ihren Gehalt prüfen würde.“

    Ja vielleicht machen das auch andere Menschen, die nicht in den Genuss eines Politikstudiums gekommen sind. Manche haben hierfür eventuell noch ein ganz anderes Set an Fertigkeiten dafür. Generell hilft hier die wissenschaftliche Methodik aus oder auch die philosophische Praxis. Das Problem scheint hier jedoch nicht im Politikstudium zu liegen, sondern, dass ausser den Erkenntnissen, die sich aus diesem Studium gewinnen lassen, von der Autorin keine andere Disziplin zu Hilfe genommen wird.

    „Aber fragen Sie sich doch einmal selbst, was z.B. soziale Gerechtigkeit für sie bedeutet. Oder wie Freiheit in ihren Augen definiert ist. Plädieren Sie eher für einen negativen oder positiven Freiheitsbegriff und wie legt man fest, was gerecht und was ungerecht ist? Haben Sie auf Anhieb klare Antworten darauf? Dann nehme ich alles zurück.“

    Zumindest meine Wenigkeit hätte hier Antworten parat. Antworten, die auch gerne wieder zur Diskussion gestellt und dadurch um Einsichten ergänzt werden können. Dummerweise habe ich aber den Fehler begangen, meine positive Freiheit dahingehend zu nutzen, den Artikel zu Ende zu lesen.

    „Haben Sie sich nicht, grämen sie sich nicht. Das ist normal, zeigt uns aber eben jene Selbstverständlichkeit auf, Begriffe zu verwenden, die wir oft gar nicht genau für uns definieren können und deren Bedeutung deshalb gar nicht richtig erfasst wird.“

    Wenn man etwas für sich nicht definieren kann, ist das in der Tat kein Problem. Man darf aber dennoch den Aufwand betreiben, nachzusehen, ob es da schon Definitionen gibt, auf die sich Personen geeinigt haben, die sich mit den relevanten Konzepten befassen. Wenn man schon beginnt, seine eigenen Definitionen zu verfassen, dann möge man diese bitte auch klar darlegen und nicht damit im Verborgenen halten.

    „Ist uns das erst einmal bewusst, setzt jedoch ein Prozess ein, der schlussendlich dafür sorgt, dass plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist. Jedes Wort ist nicht mehr einfach nur Wort und wird mehr oder weniger standardisiert benutzt. Die hohle Phrase, das einfache Dahersagen gilt nicht mehr. Das eigene Denken wird grundlegend auf die Probe gestellt und nicht selten erschüttert. Aber lässt man sich auf die Erschütterung ein, ist sie stets positiv im Sinne der Erweiterung des eigenen Horizonts zu sehen. Das gilt für ganze Theorien genauso wie einzelne Begrifflichkeiten Dabei sorgt die Erschütterung des eigenen Denkens schließlich dafür, dass man sich an immer mehr gedankliche Grenzen herantraut und sie überschreitet.“

    Ob man von Denken schon sprechen kann, wenn einem grundlegende Bedeutungen von Wörtern und Konzepten, die sich dahinter verbergen können, gar nicht bewusst sind, sei dahingestellt. Dass durch das Hinterfragen von Bedeutungen schon das Denken erschüttert wird, ebenfalls. Man kann auf jeden Fall durchaus den Schluss ziehen, dass man sich beim Nachdenken deutlich leichter tut, wenn man über ein Mindestmass an Bildung verfügt und gelegentlich den Blick über den eigenen Tellerrand gewagt hat.

    „Am Anfang wagt man sich an so etwas wie Gerechtigkeit und Freiheit, bis man irgendwann bei den Begrifflichkeiten landet, die oft noch viel selbstverständlicher erscheinen und es noch weniger sind. Einer ist die Moral.“

    Wenn man das Pferd hierbei nicht von hinten oder den Politikwissenschaften aus aufzäumt, dürfte man sich vorher die grundlegendere Frage gestellt haben, wie die Begriffe „gut“ und „böse“ überhaupt zu definieren seien und worauf man diese Definition aufbauen möge. Ist ein Löwe, der eine Antilope tötet, böse? Ist „gut“ etwas Zweckgerichtetes und wenn ja, wie sähe dieses Ziel, was mit dem Zweck bewirkt werden soll denn dann aus? Ist gut und böse also von vornherein festgelegt oder wird diese Einteilung nicht mitunter höchst individuell vorgenommen und hängt dabei noch vom verfolgten Ziel ab?

    „„Moral?“ höre ich jetzt einige sagen. Was kann an Moral, an moralischem Handeln schon schlecht sein? Sorgt die Moral nicht dafür, dass wir zusammenhalten, dass wir hilfsbereit sind?“

    Moral ist leider etwas viel zu Komplexes, um diese Frage allzu leichtfertig zu beantworten. Oder anders formuliert, diese Fragen sind so nicht stellbar, wenn man nicht definiert hat, was man mit Moral genau meint. Wäre es besser für eine Gesellschaft keinerlei Übereinkunft darüber zu haben, was zu tun und zu lassen ist? Sicher nicht. Das mündete bereits im Strassenverkehr in Chaos und in tödlichen Unfällen, wenn man das Gebot der Rücksichtnahme hier völlig verwerfen würde. Andererseits, wenn die Moral lautet, zwei sich liebende Menschen dürfen aufgrund ihrer Gleichgeschlechtlichkeit nicht ein zufriedenes und gesellschaftlich akzeptiertes Leben miteinander verbringen, dann hat die Moral, hier als Mehrheitsansicht in der Bevölkerung zu verstehen, dennoch keine argumentative Grundlage hinter sich. Ausser einer vielleicht, die sich aus alten Büchern mit universellem Wahrheitsanspruch speist, als solche aufgeklärten und selbst denkenden Menschen leider völlig wertlos erscheint und daher auch nicht akzeptiert wird.

    „Es widerstrebt uns, an einem Begriff, der so selbstverständlich positiv konnotiert ist, etwas Schlechtes zu finden. Aber fragen Sie sich auch hier einmal, was Moral überhaupt für Sie ist.“

    Ja. Die selbstverständliche positive Konnotation. Wird hier moralisiert? Von einem selbsternannten Moralapostel mit Doppelmoral oder sogar falscher Moral? Soviel zur stets positiven Konnotation. Aber welche Antwort gibt Frau Schunke denn nun auf die Frage, was Moral letztendlich sei? Diese bleibt sie stets schuldig, folgert aber gleich höchst wagemutig, dass der Moral die Intoleranz inne wohne:

    „Der Moral wohnt die Intoleranz inne
    Hier offenbart sich der diffuse Charakter und das Problem von Moral. Zweifelsohne ist sie, sofern sie überhaupt klar definiert werden kann, nämlich für jeden etwas anderes und dennoch wohnt ihr stets ein absoluter Wahrheitsanspruch inne.“

    Ernsthaft? Diffuser Charakter? Weil sich der Autorin hier eine schwarz-weiss Ansicht auf ein komplexes Wertesystem verschliesst? Wahrheitsanspruch der Moral? Da wird ganz neues Terrain betreten!

    „Welche Konflikte sich daraus ergeben können, wird nicht zuletzt ersichtlich, wenn wir die bekanntesten Formen von Moralvorstellungen, die Religionen, betrachten.“

    Man hätte hier seit dem Mittelalter eventuell nochmals eine Bibliothek aufsuchen können, um festzustellen dass es sehr wohl von den Religionen gelöste Moralvorstellungen gibt. Sehr zu empfehlen wäre die Lektüre eines gewissen Immanuel Kant und einiger nachgeborener Philosophen.

    „Moral wirkt, das hat schon Niklas Luhmann hervorgehoben, potentiell desintegrierend, weil sie durch ihren ganzheitlichen Wahrheitsanspruch in der Kommunikation einen Angriff nicht auf ein bestimmtes Argument einer Person darstellt, sondern immer einen Angriff auf die ganze Person an sich, sofern diese Person eine andere Vorstellung von Moral besitzt.“

    Luhman sprach hierbei von „moralischer Kommunikation“. Nicht von Moral. Wenn man hierbei die regeln der Diskursethik verletzt, mag Luhmans Beobachtung auch tatsächlich richtig sein. Besonders Mitmenschen, die über eine geringe Fähigkeit zur Differenzierung verfügen und in alles-oder-nichts Denkschienen gefangen sind, werden Probleme haben, Menschen zu respektieren, die andere moralische Auffassungen vertreten als sie selbst. Falls man aber in der Entwicklung soweit fortgeschritten ist, dass man durchaus zwischen einzelnen Denkinhalten und der Gesamtheit an Eigenschaften und Gefühlen, die eine Person ausmachen, unterscheiden kann, dürfte der desintegrierende Bestandteil nicht geteilter moralischer Ansichten verfliegen.

    „Da ich davon ausgehe, dass es meinen Gott gibt, kann es deinen nicht geben. Du liegst falsch und mit dir dein ganzes moralisches Fundament. Der Moral wohnt die Intoleranz inne.“

    Religion ist nicht mit Moral gleichzusetzen. Religion ist auch ein äusserst dürftiges Fundament für moralisches Handeln. Man öffne Geschichtsbücher, um von den Konsequenzen zu erfahren, die dieser Verwechslung geschuldet sind. Der Religion wohnt allerdings die Intoleranz inne. Tür an Tür mit der Erkenntnisfeindlichkeit.

    „Nicht verwunderlich also, dass Luhmann die Moral nah an den Streit und folglich auch nah an die Gewalt rückt. Moral führt nicht zu Einigung, sondern eher zu Kommunikationsabbruch, weil sie argumentativ ob ihres diffusen Charakters und ihres Wahrheitsanspruchs nicht angegriffen werden kann. Die Glaubenskriege der letzten Jahrhunderte belegen das.“

    Nochmal: Hier wurde Luhman falsch zitiert. Nicht Moral selbst, sondern die Diskussion über Moral ist bei Luhman an dieser Stelle gemeint. Das ist ein beachtenswerter Unterschied. Ausserdem wird hier diffus argumentiert. Eine moralische Regel kann nicht wahr oder falsch sein. Akzeptiert oder nicht, ja. Individuen können unterschiedlicher Ansicht sein, ob eine moralische Vorgabe eingehalten werden muss. Hier darf und soll diskutiert werden. Dass argumentativ Unterlegene hier gerne zur Gewalt greifen, belegt die Geschichte der Religionen zu Hauf. Die Anwendung von Gewalt war allerdings auch über Jahrhunderte hinweg die kirchliche Strategie beim wissenschaftlichem Disput und wird hier noch heute gerne von etlichen Religionen angewandt. Im Gegensatz zur Moraldiskussion ist aber die wissenschaftliche deutlich leichter aufzulösen. Vorausgesetzt, man trifft nicht auf die völlige Unfähigkeit oder Unwilligkeit zu Erkenntnis. Wer die Erde heute noch immer für eine Scheibe hält, dem muss man vermutlich im Besonderen zur Seite stehen. Diese Menschen dürften in einigen Lebensbereichen durch grosse Defizite in ihrer Denkfähigkeit beeinträchtigt sein.

    „Wenn sie sich mit einem Kirchenmann unterhalten und dieser argumentiert damit, dass es Gottes Wille ist, können sie ihm das nur schwerlich absprechen, weil sie dafür erstens belegen müssten, dass es Gott gibt oder nicht gibt und zweitens, wenn es ihn gibt, dass er es nicht so gemeint hat, wie ihr Gesprächspartner es behauptet.“

    Warum sollte man sich mit einem Kirchenmann unterhalten, wenn man etwas über Moral erfahren will. Was um alles in der Welt hat Gott mit Moral zu tun? Warum sollte man erst einmal völlig unbelegbare Thesen belegen wollen oder deren ebenso nicht überprüfbares Gegenteil nachweisen wollen, wenn man sich die Frage stellt, nach welchen Regeln wir real existierenden Menschen miteinander leben sollten? Die Ausgestaltung des moralischen Regelwerks sollte ohne imaginäre Freunde auskommen. Dies hätte vielleicht auch auf Dauer eine höhere Akzeptanz zur Folge. Vernunft, Perspektivenübernahmefähigkeit und eine Zielsetzung, die mit dem Überleben und Wohlergehen der Menschheit befasst ist, könnten hier ein besserer Taktgeber als über Generationen gepflegte Hirngespinste sein.

    „Treffscharf bemerkte Luhmann: „Mit Moral immunisiert man sich gegen die Evidenz des Nichtwissens, weil die moralisch bessere Meinung sich mit ihren eigenen Argumenten bestätigen kann.“. Damit zeigt er auf, was klar sein sollte: Moral hat im politischen Diskurs und als Grundlage politischen Handelns nichts zu suchen.“

    Wiederum ein sehr spezieller begriff der Moral, der bei Luhman als moralische Kommunikation verwendet wird und dort im Kontext auch Sinn ergibt. Diesem Satz vorangestellt ist die Beobachtung Luhmans, dass „kognitive und moralische Fragen sich oft vermischen und dass Meinungen über Wahrscheinliches bzw. Unwahrscheinliches wie moralische Verpflichtungen behandelt werden.“ Es bleibt dem Leser überlassen, ob die Schlussfolgerung gerechtfertigt ist, dass man auf Grund eines falsch verstandenen Satzes von Luhman, dem man hierbei übrigens auch im richtig verstandenen Sinne nicht zwangsläufig zustimmen muss, die Gesamtheit an moralischen Regeln sowohl aus dem politischen Diskurs verbannen muss und sie fortan auch nicht mehr als politische Handlungsgrundlage dienen dürfen.

    „Zweifelsohne ist das auf den ersten Blick eine harte Aussage, weil sie dazu zwingt, sich von dem Glauben zu verabschieden, dass Moral oder Berufung auf Moral im politischen Diskurs und Handeln per se etwas Gutes ist. Ja, sich mit der Erkenntnis anzufreunden, dass sie sogar etwas Schlechtes sein kann, von dem wir in bestimmten Bereichen Abstand nehmen sollten, weil sie der weit verbreiteten Annahme zuwider mehr schadet als hilft.“

    Schuldig bleibt die Autorin hier wiederum die Definition von gut und schlecht.

    „„Moral setzt ein, wo Argumente fehlen
    Dennoch ist es nicht verwunderlich, dass sich in politischen Diskussionen und Handlungen immer wieder auf sie bezogen wird. Nicht nur in privaten Diskussionen über Politik, sondern auch von Politikern, Journalisten und allen anderen, die in der politischen Debatte um ihre Meinung gefragt werden oder selbst politisch handeln. Der Grund ist einfach und bereits angesprochen: Was Luhmann mit der „Immunisierung gegen die Evidenz des Nichtwissens“ meint, ist nichts anderes als die Tatsache, dass Moral da ansetzt, wo die rationalen Argumente ausgehen. Deswegen wird sie so gern verwendet. In der Religion, genauso wie in der Politik.““

    Abgesehen davon, dass rationale Argumente in der Religion einen noch höheren Seltenheitswert besitzen als in der Politik, wird hier ein Schluss gemacht, der an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist. Moral fliesst durchaus auch in rationale Entscheidungen mit ein, ja ist sogar von eigentlich unübersehbarer Wichtigkeit. Wenn man nicht will, aus moralischer Sicht, dass tausende Unschuldiger sterben, dann ist es ein völlig rationales Argument, keinen Krieg zu beginnen. Die Moral und die in ihr enthaltenen Werte, wie zum Beispiel die Regel, dass menschliches Leben wertvoll und zu schützen sei, ist hier der Takt- und Zielgeber für das Handeln, nicht das in letzter Verzweiflung hervorgebrachte Argument. Dass es bei vielen Menschen allerdings auch Moralvorstellungen gibt, die wiederum diesem Wert des menschlichen Lebens keine besondere Bedeutung zuzumessen scheinen, kann man auf unserem Erdball täglich beobachten.

    „Übertragen wir dies auf die Flüchtlingskrise, so lässt sich erahnen, dass dieser Umstand nicht zuletzt all jenen zu Gute kommt, deren eigene Weltsicht durch eben jene Krise gerade ordentlich auf die Probe gestellt wird. Es spricht alles dagegen, dass wir die Aufnahme weiterer Flüchtlinge kulturell und wirtschaftlich verkraften? Aber unsere Humanität, die Moral gebietet es doch! Wer will da schon widersprechen und sich dem Vorwurf aussetzen, kalt, herzlos und unmoralisch zu sein?“

    Was spricht genau alles dagegen, dass wir die Aufnahme weiterer Flüchtlinge kulturell und wirtschaftlich nicht verkraften? Leidet die Autorin bereits Hunger, musste ihren Schmuck mit fremden Frauen teilen und wurde all ihrer anderen Luxusgüter beraubt? Warum ist unsere Kultur in Gefahr von aussen, wo doch schon viele der hier Ansässigen von unsrer Kultur keine Ahnung haben? Es sei denn man meint mit Kultur natürlich das Privatfernsehen und nicht die westlichen Philosophen und Moraltheoretiker. Was weiss die Autorin also, was wir nicht wissen? Und wer will gern ein Arschloch sein? Diese Menschen mag es geben. Unsere Gesellschaft leiten sollten sie vermutlich nicht, wenn unser Minimalkonsens die Vermeidung von menschlichem Leid ist.

    „So ist die hiesige Flüchtlingskrise wohl das beste Beispiel dafür, weshalb Moral kein guter Ratgeber ist und die Frage aufwirft, ob Moral selbst letztlich immer moralisch ist. Denn nur weil mit der Moral argumentiert wird, heißt es nicht, dass den Menschen am Ende durch das aus der moralischen Argumentation abgeleitete Handeln mehr geholfen wird als durch jenes Handeln, was sich aus einer rational politischen Argumentation ergibt. Ja was ist, wenn das Argument der Moral sogar dafür sorgt, dass wir am Ende niemandem mehr richtig helfen können, dass Wut und sogar Hass auf Fremde ob des Verteilungskampfes und der verschiedenen Vorstellungen von Gerechtigkeit weiter zunehmen? Wie viel Moral kann man sich in der politischen Debatte erlauben? Und was, wenn uns Moral am Ende unmoralisch macht?“

    Und hier wird es nun wirklich schauerlich wirr. Immer noch eine Definition von Moral schuldig bleibend, wird eine Frage aufgeworfen, die in ihrer Sinnhaftigkeit mit der Frage, ob der Papst katholisch sei, gleichzusetzen ist. Die Gegenfragen hier lauten: Macht uns Bildung dumm? Sollten wir all unsere Kapazitäten zu helfen, solange schonen, bis alle verreckt sind? Wäre das Elend der Flüchtlinge nicht durch rational politisches Erschiessen am ehesten zu beenden? Und das noch endgültig? Oder aber sollten wir uns der blinden Wut und dem ungerechtfertigten Hass entgegen stellen und dafür sorgen, dass Menschen in Not nicht die Hilfe verweigert bekommen? Oder sollten wir Artikel schreiben, welche die Menschen in ihrem Hass noch bestätigen? Oder sollten wir uns auch eventuell überlegen, wie es nicht zu Verteilungskämpfen kommt und was effiziente Hilfsmassnahmen sind?

    „Ich lasse Merkel an dieser Stelle bewusst heraus, weil ich schlicht nicht daran glaube, dass die Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage aus moralischen Gründen gehandelt hat. Auch die vor diesem Hintergrund aufkommende Frage, was Kirchen- und Verbandsvertreter von religiösen Vereinigungen in Polit-Talkshows zu suchen haben, soll hier nicht weiter vertieft werden. Nicht zuletzt, weil ich glaube, dass sie vor dem Hintergrund dieses Textes selbstklärend ist.“

    Wird Frau Merkel hier wirklich ganz bewusst heraus gelassen? Oder wird dabei doch eher impliziert, dass sie aus niederen Motiven und nicht als moralisch zu wertenden Gründen gehandelt hat. Also namentlich nicht aus Verständnis für Menschen in einer Notlage, sondern eiskaltem Kalkül? Und wenn ja, was hätte davon denn die Absicht sein können? Herauslassen schaut also anders aus! Zu der andern gestellten Frage im obigen Abschnitt: Das darf man sich generell Fragen. Auch was genau die Präsenz von Religionsvertretern in Ethikkommissionen und Rundfunkräten rechtfertigt. Das wird eine interessante Debatte, die leider (noch) nicht von der Öffentlichkeit geführt wird. Selbsterklärend jedoch ist bei ihrem Text leider rein gar nichts. Genau genommen erklärt der Text eigentlich überhaupt nichts.

    „Nein, an dieser Stelle soll es im weitesten Sinne um die Helfermoral gehen. Um jene Moralvorstellungen, die dazu führen, dass sich Menschen in der Flüchtlingskrise engagieren. Was ist, wenn Helfen am Ende nicht wirklich hilft?“

    Was ist, wenn trinken am Ende den Durst nicht stillt oder Essen den Hunger nicht. Ja was ist dann? Da hat sich die Autorin jetzt eine fürchterliche Sackgasse manövriert.

    „Und wenn Helfen am Ende nicht wirklich hilft?
    Mit dieser Fragestellung bewegt man sich in den Augen Vieler durchaus auf dünnem – und da haben wir es wieder – unmoralischem Eis. Menschen dafür kritisieren, dass sie helfen? Das geht doch nicht! Helfen wird noch mehr als seine moralische Fundierung per se als etwas Gutes angesehen. Weil auch hier der Aktionismus im Vordergrund steht. Handeln ist besser als Nichthandeln und von außen kritisch kommentieren oder mit Bedacht darüber nachzudenken, ob und was genau getan werden sollte und von wem, eher verpönt.“

    Unmoralisches Eis. Sehr gut. „I shall be under it when it breaks!“ Menschen dafür zu kritisieren, wenn sie anderen dabei helfen Gewaltattentate zu verüben ist durchaus im Rahmen unseres von der Gesellschaft akzeptierten Moralkodex verankert. Und diese Art von Hilfe ist vermutlich bei dem gängigen Begriff davon, was als „gut“ zu erachten ist, auch nicht mit eingeschlossen. Empathie für Notleidende zu empfinden und ihnen Hilfe anzubieten hingegen schon. Falls Frau Schunke selbst in die Verlegenheit kommen sollte, Hilfe zu benötigen, weil sie von Gewalt oder andern widrigen Umständen bedroht sein sollte, darf man davon ausgehen, dass sie dann nicht gegen den Aktionismus von Umstehenden wettern würde. Es bleibt ihr zu wünschen, dass ihr in einer solchen etwaigen Situation geholfen und nicht nur kritisch von aussen kommentiert wird.

    „Würde es die vielen Flüchtlingshelfer nicht geben, wäre doch schon längst alles Krachen gegangen. Vor dem Hintergrund dieser Annahme erlaube ich mir zwei provokante Fragen:
    1. Ist dem wirklich so?
    2. Und wenn ja, wäre das wirklich so schlimm gewesen?“

    Frage 1 ist nicht zu wirklich zu beantworten und Frage zwei dürfen wir gerne an Menschen richten, deren Not und Leid durch unterlassene Hilfeleistung nicht abgewendet bzw. verschlimmert wurde.

    „Dabei erscheint es wichtig zu betonen, dass hier Niemandes Moralvorstellungen kritisiert werden sollen. Wie jeder andere Mensch habe auch ich moralische Vorstellungen, die mich beeinflussen. Dieser Beeinflussung sollte man sich jedoch bewusst sein, um differenzieren zu können, wo sie angebracht ist und wo eher nicht. Es hier nicht im Sinne einer ethischen Theorie darum, Moralvorstellungen ihrem Inhalt nach als gut oder schlecht zu bewerten, sondern um einen Versuch, zu belegen, dass Moral in bestimmten Bereichen nicht Grundlage von Argumentation und Handlungen sein sollte. Zumindest, wenn es sich nicht um institutionalisierte und in geltendes Recht gegossene Moral handelt. Alltagsmoral ist nicht politische Ethik. Diese Unterscheidung ist elementar.“

    Die moralischen Vorstellungen der Autorin scheinen frei von gesellschaftlichen Konventionen zu sein. Zum Glück ist sie sich der Beeinflussung durch diese Vorstellungen bewusst. Und zum Glück werden wir von persönlichen Auslegungen, was gut und was schlecht sei verschont. Dennoch ist das Asylrecht in Deutschland eine institutionalisierte und in geltendes Recht gegossene Moralvorstellung. Diese Erkenntnis ist elementar!

    „Ein kleines Gedankenexperiment zur Veranschaulichung: Was wäre denn passiert, wenn sich die Politik in den letzten Monaten nicht auf all die ehrenamtlichen Helfer hätte verlassen können? Richtig. Sie hätte handeln müssen – und das schneller und effektiver und vermutlich restriktiver, als sie es in all den letzten Monaten getan hat. Was wäre die Folge eines schnelleren, effektiveren, restriktiveren Handelns in der Flüchtlingskrise gewesen? Meines Erachtens wäre ein Großteil der aufkommenden Besorgnis, der Ängste, der Wut und teilweise des Hasses im Keim erstickt worden. Die Grande Peur, die die Menschen spätestens nach Köln ergriffen hat, wäre nicht aufgekommen und das schlicht aus dem Grund, dass die meisten Menschen nämlich keine Rassisten sind, sondern Leute, bei denen sich ob der gefühlten Handlungsunfähigkeit der Politik und der Ignoranz der Medien ein diffuses Gefühl der Angst eingestellt hat, welches sich mittlerweile fast tagtäglich aufgrund des immensen Politikversagens steigert und in manchen Fällen in Wut und irrationalen Hass umschlägt.“

    Wie dieses Handeln der Politik hätte aussehen sollen, wird nicht erwähnt. Wenn man gleich auf die Menschen an der Grenze geschossen hätte, wären die Rassisten im Land auch arbeitslos geworden. Wenn Menschen im Land irrationale Ängste plagen, ist es in der Tat geboten, dagegen vorzugehen. Wut und Hass sollten ebenfalls mit klugem Handeln begegnet und entmachtet werden. Eigentlich hätte die Politik auch wichtigere Aufgaben, als sich mit den Wutbürgern auseinander zu setzen und sich ob der Flüchtlingskrise für komplett handlungsunfähig erklären zu lassen. Die Bürger haben allerdings hier auch eine Pflicht, zumindest die Intellektuellen des Landes: Und zwar mit kreativen Ideen Lösungen zu diskutieren und vorzuschlagen, welche von der Politik umgesetzt werden können, ohne dass dabei jemand hinten runter fällt. Zu den anderen Aufgaben der Politik würde gehören, ein Land zu gestalten und an einer Welt mitzuarbeiten, die sich nicht selbst in den Untergang reitet, sondern auch für unsere Nachfahren noch bewohnbar bleibt.

    „Die Frage, ob wirklich alles krachen gegangen wäre, würde ich vor diesem Hintergrund also verneinen. Es hätte lediglich dafür gesorgt, dass man von Seiten des Staates die Hilfe hätte professionalisieren und das gegebene Asylrecht hätte strikter anwenden müssen. Das beantwortet zugleich die zweite Frage, ob es wirklich schlimm gewesen wäre, wenn es so gekommen wäre. Vermutlich nicht.“

    Gegen eine Professionalisierung der Hilfe und eine effizientere Prüfung des Asylrechts spricht nichts. Und schon gar nicht die Hilfe von Freiwilligen. Das ist keine entweder oder Frage.

    „Helfermoral und Helfersyndrom
    Was wir stattdessen erlebt haben, ist eine auf Grundlage eines diffusen Moralbegriffes geführte Debatte, die jede rationale Herangehensweise und sachliche Argumentation, die die Dinge konsequent zu Ende denkt, als unmoralisch, kaltherzig oder gar rassistisch gebrandmarkt hat und es trotz Köln und all den anderen Dingen, die allmählich an die Oberfläche schwappen, in Teilen immer noch tut. Das Ergebnis ist evident: Keine konkreten Lösungen, dafür munteres Weiterstreiten und Uneinigkeit in Politik und Medien. Ein groteskes Schauspiel, bei dem der Bürger als eigentlicher Souverän dazu verdammt ist, von außen zuzuschauen.“

    Zur Klärung des Moralbegriffs wurde hier aber auch schon kein Iota nicht beigetragen, was eventuell von Nöten für eine sachliche, rationale und dabei nicht menschenverachtende Debatte wäre.

    „Aber zurück zur Flüchtlingshilfe und der Frage, ob Hilfe wirklich immer hilft. So zeigt nicht zuletzt auch die fehlende Professionalisierung von Flüchtlingshilfe und die Herangehensweise von Politik und Helfern an das Thema der Integration, dass eine diffuse Moral auch hier kein Ratgeber sein sollte.“

    Wer die Moral um Hilfe sucht, wie man eine effiziente Integration bewirken kann, dem ist angeraten, sich auch nochmals anderweitig umzusehen.

    „In den letzten Wochen häuften sich in der Presse die Berichte desillusionierter Flüchtlingshelfer. Was dabei vor allem herausstach, war die Helfermoral dieser Menschen. Einige sprachen sogar selbstkritisch von Helfersyndrom. Und das ist das Problem. Es spricht nichts gegen ein gesundes Maß an Helfermoral beim Einzelnen. Zweifelsohne wäre unsere Gesellschaft nicht dieselbe, wenn wir nicht auch jeder Züge in uns hätten, die dafür sorgen, dass wir Mitleid mit anderen empfinden und dass es zu unserem moralischen Anspruch gehört, dort zu helfen, wo unsere Hilfe gut tut.“

    Bei manchen mag Mitleid mit andern zu empfinden tatsächlich nur ein Zug sein. Empathiefähigkeit als Streifschuss in der Persönlichkeit. Die Gesellschaft von Individuen, denen jedes Mitleid fehlt, will man sich in der Tat nicht ausmalen.

    „Schwierig wird es dann, wenn die Moral zum Helfen pathologisch wird.“

    Aha. Jetzt ist man doch vom Politikstudium ausgehend soweit in die Psychologie und Psychiatrie vorgedrungen, dass man sich an die Definition von mentaler Krank- und Gesundheit wagt. Erstaunlich!

    „Wenn sich daraus ein moralischer Anspruch ableitet, der z.B. im Falle der Flüchtlingskrise das Abwägen politischer und gesellschaftlicher Konsequenzen von Hilfe verhindert. Moral wird in diesem Fall zum Selbstzweck, zum unreflektierten Helfersyndrom, was mitunter vielleicht sogar mehr schadet als hilft. Es ist diese pathologische Helfermoral, die Deutschland aufgrund vielfältiger Gründe in weiten Teilen immer noch fest im Griff hat und die einen der Hauptgründe dafür darstellt, dass ich sage, dass wir das in Deutschland mit der Integration einfach nie vernünftig hinbekommen werden, so lange wir davon nicht abrücken.“

    Ob es sich hierbei um die Resultate der Anwendung komplexer sozialpolitischer Simulationen handelt, auf deren Grundlage die Autorin zu ihrer Projektion gelangt ist, oder sie sich gleich noch hellseherische Fähigkeiten anmasst, die völlig ohne Methodik in die Zukunft blicken lassen, bleibt offen.

    „Meine erste direkte Selbsterfahrung mit diesem moralischen Anspruch hatte ich in der Uni. Ich hatte damals selbst vor, in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden und ging deshalb zu einem Informationsabend einer neugegründeten Uni-Gruppe für Flüchtlingshilfe. Von all den Dingen, die uns an diesem Abend erzählt wurden, war es vor allem eine Information, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Es ging darum, dass die fremde Kultur den Leuten näher gebracht werden sollte. Mit fremder Kultur war dabei allerdings nicht die deutsche Kultur gemeint und mit Leuten auch nicht die Flüchtlinge. Gemeint war, dass wir Workshops besuchen sollten, die uns die kulturellen Gepflogenheiten der Flüchtlinge näher bringen.
    Das mag dem ein oder anderen an dieser Stelle nicht verwerflich erscheinen. Für mich war es nach einigen Tagen Bedenkzeit der Grund, weshalb ich dort nicht aktiv geworden bin. Nicht, weil ich andere Kulturen nicht spannend finde oder gerne etwas darüber lerne, sondern weil ich es für einen grundsätzlich falschen Ansatz in Bezug auf die Integration von Flüchtlingen halte, dass man von Anfang an mehr Anpassung von den Helfern als von den Flüchtlingen selbst fordert.“

    Sicherlich trägt das Lernen über die Kultur der andern nicht dazu bei, diese besser zu Verstehen und auf sie zugehen zu können. Sehr hinderlich ist es bestimmt auch mit Hilfe dieses Wissens, ihnen unsere Werte und unsere Kultur näher zu bringen. Könnte die Autorin hier Daten liefern, die belegen das dieser Ansatz integrationshinderlich ist?

    „Integration funktioniert auch durch Integrationsdruck und der kommt durch diese Art von Hilfe nicht auf.“

    Druck ist immer das Mittel der Wahl. Strafe übrigens auch. Anreize für erwünschtes Verhalten zu schaffen und zu belohnen ist mehrheitlich unwirksam. Oder halt, sagen Dekaden psychologischer Forschung da nicht genau das Gegenteil davon?

    „Dieses Problem ist in der Flüchtlingshilfe kein Einzelfall. Das Problem, dass Helfer Flüchtlinge zur Unselbstständigkeit „erziehen“ ist keine Seltenheit und kommt vor allem dort vor, wo Hilfe nicht professionalisiert ist und jeder nach seinem eigenen Gutdünken und auf Grundlage seiner Alltagsmoral handeln kann.“

    Wie genau leitet man aus dem vorhin gesagten ab, dass die Helfer die Flüchtlinge zur Unselbständigkeit erziehen und wo genau sind die Belege für diese krude Behauptung?

    „Vor allem in der freiwilligen Hilfe zeigt sich hierbei zudem nur allzu oft, dass es in erster Linie vor allem um Selbsthilfe in Form der Beruhigung des eigenen Gewissens und Befriedigung des eigenen Helfersyndroms geht und nicht um adäquate Integration und angemessene Hilfe zur Selbsthilfe von Flüchtlingen.“

    Wohl dem dessen Gewissen es hergibt, der Not der Menschen unbekümmert zuzusehen! Das sei der gepriesene, der ideale Mensch, dessen Vorbild wir folgen mögen!

    „Das betrifft den Bereich der Sprache genauso wie die falsch verstandene Toleranz gegenüber kulturellen Eigenheiten, die sich manchmal auch darin äußert, dass man nicht versteht, weshalb die eigene Frau nicht geschlagen werden darf.“

    Wer genau toleriert diese „Eigenheiten“ und wer lernt arabisch, oder einige der vielen anderen Sprachen, um so die Flüchtlinge zu integrieren?

    „Die Konsequenz sind ganze Einwanderergenerationen, die keinen Respekt vor der deutschen Kultur haben und einen regelrechten Integrationsunwillen an den Tag legen. Wieso auch sollten Einwanderer sich integrieren, wenn sie doch so durchkommen? Und warum sollten sie als Menschen, die derart stolz die eigene Kultur vor sich hertragen, Respekt vor einer Bevölkerung haben, die ihre Kultur so bereitwillig über Bord wirft?“

    Das kann natürlich wieder nichts mit entgegen gebrachten Chancen zu tun haben. Aber Moment, heisst das, man hätte diesen Flegeln den Respekt vor der deutschen Kultur und der Bevölkerung einprügeln müssen anstatt die Kultur über Bord zu werfen? Und wo genau fliegt unsere Kultur über Bord? Auf den seeuntauglichen Schlepperschiffen auf dem Mittelmeer?

    „Moral in Form von Schuldgefühl, schlechtem Gewissen und daraus erwachsener Vorstellung, Helfen zu müssen, darf keine Grundlage sein, weder für die Diskussion, noch für die Handlung in der Flüchtlingskrise. Als individueller Kompass im Hinterkopf ist sie zweifelsohne von Bedeutung, aber ihr Einfluss auf das eigene Denken gehört reflektiert.“

    Letztlich doch noch der völlig misslungene Versuch zu beschreiben, was die Autorin unter Moral versteht. Leider zu spät und auch an sämtlichen gängigen Definition vorbei.

    „Eine Krise im Ausmaß der jetzigen Flüchtlingssituation löst man nicht mit Moral, die für jeden etwas anderes ist, sondern mit rationalen politischen Erwägungen, die die Konsequenzen in alle Richtungen aufzeigen und auf Grundlage dessen nach Lösungen suchen. Es ist dringend an der Zeit, uns zu fragen, ab wann Moral nicht mehr moralisch ist und welche Art von Hilfe wirklich hilft. Und vielleicht ist dieser Ansatz letztlich der Moralischste von allen.“

    Bleibt letztlich der Vermerk, dass Menschen, die sich beim Denken dermassen im Kreis drehen und sich fragen wann Moral nicht mehr moralisch ist, scheinbar nicht zu denjenigen gehören, von denen wir erwarten dürfen, dass sie auch nur halbwegs sozialverträgliche Lösungen hervorbringen oder die Fähigkeit besitzen, die Konsequenzen von politischem und sozialem Handeln abzuschätzen.

  4. Den Überbau der”Moral” stellt die Ethik. Sie stellt gleichsam die Regeln menschlichen Verhaltens auf. Sozusagen sind die Regeln der Ethik die Verkehrsregeln im Umgang miteinander; trotz unterschiedlicher Auffassung von Moral. Moral ist deshalb nicht unbedingt identisch mit Ethik, weil Moral subjektiv vom persönlichen Empfinden abhängig ist. Moral kann somit in ein Desaster führen, wenn die Ratio gleichzeitig ausgeschaltet wird und der Imperativ der Ethik in den Hintergrund tritt – z.B. zugunsten der politischen Korrektheit. So funktioniert Politik nicht. In diesem Zustand schwammiger, identitätsloser Politpraxis in Sachen Massenmigration befindet sich derzeit Deutschlands Dilemma.

    1. Ethik ist die Theorie, Moral die Praxis. Aber die andere Bedeutung von ethics im Englischen schwappt wie üblich schlampig ins Deutsche.

    2. Was ist eine Moralpredigt oder ein Moralist? Theorie oder Praxis?

      Wipipedia versucht eine klarere Trennung zwischen Ethik und Moral, die aber m.E. nicht dem allgemeinen Sprachgebrauch entspricht. Im Duden gibt es hingegen überschneidende, teils austauschbare Erklärungen. (Ähnliches gilt für Kultur vs. Zivilisation).

      Mir fällt in Deutschland allgemein ein Bedürfnis zu festen Definitionen auf. Das ist anstrengend aber auch lustig: Bestehende Worte haben schon eine scharfe oder unscharfe Definition, sonst gäbe es sie nicht. Es kann einzig noch darum gehen, sie begrifflich zu erfassen. Auch dann, wenn sich die Begrifflichkeit erweitertentwickelt. Der Kontext ergibt, wie es gemeint ist. Darauf kommt es letztlich an.

      1. Ethik ist die Theorie, Moral die Praxis.

      2. Herr Goergen, das hatte Sie schon voher geschrieben. Kann aber keiner für die Allgemeinheit postulieren, einfach weil es nicht allgemein so gesehen wird.

  5. Es gilt das Bismarck-Zitat:

    “Das Motiv ändert die Wirkung nicht”

    Exzellenter Artikel. Danke.

  6. Zuerst dachte ich, als ich von der Willkommensorgie am Hauptbahnhof erfuhr, an eine Art moralischer Trunkenheit, dann an Massenhysterie. Später verglich ich “Wir sind Papst”, “Wir sind Weltmeister”, “Wir sind Steffi Graf” mit diesem “Wir sind alle Ausländer”. Aber weder mit der Vermutung einer vorübergehenden Bewußtseinstrübung noch mit der Annahme der (schon lang sich abzeichnenden) allgemeinen Infantilisierung komme ich weiter. Da fiel mir auf, wie oft doch sog. Feuerteufel, also Brandstifer, aus den Reihen der Feuerwehr stammten.
    Helfersyndrom – das erklärt es: die Pathologie der Waffenlieferungspolitik, derDestabilisierung und Verwüstung rührt genau da her; denn der Helfer braucht als Daseinsberechtigung immer einen, dem er helfen kann. Und das verlangt von ihm, andere erst einmal in die Hilfsbedürftigkeit zu treiben. “Damit ich dich retten kann, mußt du erst am Ersaufen sein”; und leider ersaufen manche dann wirklich.
    Daß wieder andere, die ganz handfeste materielle Interessen haben, sich der Helfer nur zu gern bedienen, werden diese nie wahrhaben wollen (können).

    1. Und unsere Helfer haben jetzt das Debakel in Syrien angerichtet und sorgen sowahl auf dem Balkan wie auch in halb Afrika dafür, dass dort wirtschaftliche Zustände herrschen, die nur noch zu Davonlaufen sind? Damit sie dann in Deutschland endlich ihren Helferfetsich befriedigen können? Falls Sie dies nicht so gemeint haben, erschliesst sich mir Ihre Argumentation nicht.

  7. Moral der Selbstzerstörung überwinden

    Fallbeispiel: Eine junge Frau, Anfang 20 und recht attraktiv, empfindet Schuldgefühle, weil sie tief in der Nacht die Straßenseite wechselt, wenn ihr “mehrere (5) Flüchtlinge – Arabertyp” entgegen kommen. Das könnte als Zeichen von Ablehnung, Rassismus, Vorurteilen empfunden werden, und das nach allem, was diese armen Menschen angeblich durchgemacht haben.

    Zugleich empfand sie tiefe Furcht, zumal es nach Mitternacht war, und außer den “Flüchtlingen” niemand mehr sonst zu sehen war, bis auf gelegentlich passierende Autos. Sie folgte ihrem gesunden Überlebensinstinkt, rein um nicht unnötig Nähe und Aufmerksamkeit zu erwecken, oder auch, weil sie “unbewusst wusste”, daß ein weiteres zugehen auf die “Flüchtlinge” von diesen als Einladung zur Annäherung verstanden werden könnte, und sie damit zugleich moralisch auf die unterste Stufe aus Sicht derartig Sozialisierter degradiert.

    Die verinnerlichte Moral der Willkommenskultur, keine Vorurteile trotz aller widersprechender Erfahrungen haben zu wollen, bereitet ihr ein schlechtes Gewissen, so daß es ihr schwer fällt, sich einem realistischen Vergewaltigungs- oder sogar Ermordungsrisiko zu widersetzen !!!!!

    Im Prinzip verhält sich so die gesamte deutsche Gesellschaft, sogar die gesamte westliche Zivilisation, nur die Osteuropäer haben noch einen intakten Überlebensinstinkt, weil dort nicht die psychologische Massenmanipulation der 68iger stattgefunden hat.

    Genau besehen geht man sogar noch weiter: Die Auswirkung gezielt herbeigeführte Einwanderung von Personen, welche zum Großteil Kriterien des Rechtsextremismus in ihren Wertvorstellungen verinnerlicht haben, wie Fremdenfeindlichkeit, Judenhaß, Überlegenheitswahn, ect. plus ausgeprägter Verachtung für selbstbestimmte Frauen, wird in ihren Konsequenzen bezüglich der faktsichen Abschaffung der Menschenrechte ignoriert.

    Jeder Verweis auf die Wirklichkeit gilt als unmoralisch, weil man damit die Legtimation der Masseneinwanderung mit dem Endresultat der Minorisierung der deutschen/westlichen Bevölkerungen, sowie dem gewollten verschwinden lassen westlicher Zivilisationsstandards, in Frage stellt. Die herrschende Moral als unmoralisch offensichtlich macht. Moral dienst somit als reines Machtinstrument, das vor allem auf der psychologischen Ebene den Gehorsam der Untertanen garantiert.

    Allerdings konnte der jungen Frau geholfen werden: Indem ihr vermittelt wurde, daß es keineswegs unmoralisch ist, sich gegenüber rassistischen, frauenfeindlichen Personen ablehnend zu verhalten. Selbst wenn es sich um “Flüchtlinge” handelt, denn es sind ja nicht alle so, sondern nur jene, die sich konkret bedrohlich verhalten.

    Mit dieser Argumentation konnte ihr Gewissen entlastet werden. Es fehlten ihr nur die richtigen Worte, um Gefühl und Gewissen wieder in Einklang zu bringen.

    Und hier liegt das eigentliche Problem mit der aktuellen, von grün-linken bestimmten Moralität: Es gibt praktisch niemand in der gesamten westlichen Welt, der deren Wertesystem geschickt mit ihren eigenen Moralbegriffen in Frage stellt. Nur so kann man widersprechen ohne Furcht vor Ausgrenzung, ohne sich selbst schmutzig und böse zu empfinden.

    Sie, Frau Schunke, argumentieren hierbei bemerkenswert und auf der richtigen Spur, indem sie die psychologische Methodik unserer Manipulation und letztlich Unterdrückung transparent machen. Es gibt nur extrem wenige Menschen, die in der Lage sind, diese psychologischen Mechanismen zu durchschauen. Darum danke für Ihren Betrag.

  8. Sehr geehrte Frau Schunke,
    wieder einmal haben Sie ein überaus aktuelles und wichtiges Problem hervorragend analysiert und auf den Punkt gebracht.
    Ergänzend möchte ich darauf hinweisen, dass viele “Helfer” aus ihrer vermeintlich überlegenen moralischen Position sogar das Recht für sich in Anspruch nehmen, mit Lüge, Diffamierung und Desinformation arbeiten um ihre Ziele zu befördern. Denken Sie z.B. an den Berliner “Helfer” (und die zugehörige Organisation) diese Geschichte von dem gestorbenen “Flüchtling” in die Welt gesetzt hat und damit Polizeikapazitäten gebunden hat, die in der augenblicklichen Situation sicherlich an anderer Stelle bitter nötig gewesen wären. Oder denken Sie an die Helferorganisationen, die regelmäßig die kommunalen Verwaltungen öffentlich anklagen, die “Flüchtlinge” nicht gut genug zu betreuen und zu versorgen. Kein Gedanke daran, dass diese Verwaltung eigentlich für ganz andere Aufgaben da ist und dass die Ursache für die angeblich schlechte Versorgung vielleicht einfach ein Zeichen dafür ist, dass zu viele versorgt werden wollen.

  9. Die letzten 2/3 des Beitrages sind exzellent. Die Einleitung ist meines Erachtens missglückt. Die Absätze

    “„Mit Moral immunisiert man sich gegen die Evidenz des Nichtwissens, weil die moralisch bessere Meinung sich mit ihren eigenen Argumenten bestätigen kann.“. Damit zeigt er auf, was klar sein sollte: Moral hat im politischen Diskurs und als Grundlage politischen Handelns nichts zu suchen.

    Zweifelsohne ist das auf den ersten Blick eine harte Aussage, weil sie dazu zwingt, sich von dem Glauben zu verabschieden, dass Moral oder Berufung auf Moral im politischen Diskurs und Handeln per se etwas Gutes ist. Ja, sich mit der Erkenntnis anzufreunden, dass sie sogar etwas Schlechtes sein kann, von dem wir in bestimmten Bereichen Abstand nehmen sollten, weil sie der weit verbreiteten Annahme zuwider mehr schadet als hilft.”

    sind sicher die Krux der einleitenden Fehl-Analyse. Ich würde “ja” sagen, wenn der Begriff Moral durch “Gesinnungsmoral” ersetzt würde. In der Tat ist die Immunisierung der eigenen Position das Problem vieler Menschen mit HelferSyndrom oder vieler sog. Gutmenschen. das hat aber primär nichts mit Moral zu tun. Das gleiche Phänomen erleben Sie bei Wissenschaftlern, die Mainstreampositionen verteidigen auch. Z.B. beim Klimawandel werden Immunisierungsargumente gesammelt. Diese primär pseudo-wissenschaftlichen Argumente werden dann moralisch überhöht und diesen der Immunisierung. Ähnlich auch die Moral von Utopisten politischer Ausrichtung. Die Stilisierung des Proletariers zum Guten war keine primär moralische, sondern eine soziologische Frage, die moralisch überhöht und immunisiert wurde. Es ist ungerecht, ausgerechnet die christliche Moral als Gesinnungsmoral zu behandeln. Sie ist vielmehr das Gegenteil und absolut rational – zumindest solange sie nicht politisch missbraucht und zur Gesinnungsmoral instrumentalisiert wird. Das macht Frau Merkel. Moral ist intolerant – ja. Aber das ist nichts schlechtes. Denn Moral erkennt falsches, lehnt aber nicht per se denjenigen ab, der falsches tut oder verbreitet. Schlecht ist die Immunisierung von Positionen, das Entziehen der Position aus dem offenen Diskurs und aus dem Ringen um die beste Lösung. Wer amoralisch handelt, wird auch und noch viel mehr Immunisieren, z.B. durch praktische Gewalt (wie in der Tyrannei) oder durch Verdrehung der Wahrheit (wie in der DDR oder dem NS-Regime oder vielfach schon in unserer Republik, die keine per se moralische Sichtweise immunisiert, sondern eine materialistische Sichtweise gesinnungs-moralisch überhöht und als “Freiheit” deklariert). Letztendlich ist nur die Moral, die um die Wahrheit weiß und sich an der Vernunft messen lässt, gefragt. Ich denke nicht, dass ohne diese Moral Lösungen möglich sind. Aber eines muss Moral aushalten: die Ambiguität der Wirklichkeit – sprich: Helfen als Programm ist weder der Wahrheit entsprechend per se gut, noch ist es ein Maßstab, der über der Wirklichkeit stehen kann. Oder noch einfacher: Helfen, wo es geboten ist und den Verstand einschalten, wo das Gegenteil geboten ist. Insofern sind eine Grenzschließung und die Hilfe für die wirklich Verfolgten unter den Migranten zwei Seite der gleichen Medaille – moralisch, der Wahrheit entsprechend und vernünftig – aber nicht billig zu haben.

  10. In jeder Hinsicht haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen Frau Schunke. Die “Regierung” kann doch nur froh sein, das sie salopp gesagt genug nützliche Idioten gefunden hat die ihr die Arbeit abnehmen.

    Bei allem gebotenen Respekt, aber das sind für mich Leute die fernab jeglicher Realitäten und in einer nicht existierenden Traumwelt leben. Wenn diejenigen auch bereit sind, die ganzen “Gäste” die nächsten fünf bis zehn Jahre über massive Steuerzahlungen zu alimentieren, bitte.
    Dazu zeigen sie den Damen und Herren ja noch, wie sie sich im Sozialstaat am besten zurechtfinden.

    Der Chef der Bayer AG Marjin Dekkers hat letztes Jahr im Manager Magazin geäußert, das die Flüchtlinge mindestens fünf bis zehn Jahre alimentiert werden müssen, bevor sie überhaupt auch nur ansatzweise für Unternehmen in Frage kommen. Und diese Einschätzung ist bei weitem nicht falsch…

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