Hysterie und Hetze

Die sind nicht nur in den USA ein Thema, wie das im gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampf zu erleben ist. Donald Trump gilt als das Sinnbild für eine aus dem Ruder laufende Debatte. Das bestimmt zunehmend auch das Mediensystem. In Deutschland wird diese Entwicklung allerdings mittlerweile nachvollzogen.

Hysterie und Hetze

Vor acht Jahren änderte sich an einem Montag die Welt. Ein bis dahin unbekannter Senator aus dem amerikanischen Kongress gewann in Iowa die Vorwahl zur Nominierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten gegen die haushohe Favoritin Hillary Clinton. Erst ab diesem Zeitpunkt reagierte die deutsche Öffentlichkeit auf diese tektonische Verschiebung in der amerikanischen Innenpolitik. Deutschland stand damals noch unter dem Eindruck der Präsidentschaft des jüngeren Bush, der alles verkörperte, was man an den USA verabscheute. Barack Obama geriet so in Deutschland in die Rolle des Messias, der Amerika vom Bösen erlösen sollte. Die spätere Enttäuschung war absehbar. Kein Präsident einer Supermacht kann metaphysische Erlösungsphantasien auf dem alten Kontinent befriedigen.

Erst in späteren Jahren wird man die Bedeutung von Obama einzuordnen wissen. Etwa seine Bereitschaft zur internationalen Kooperation in der Außenpolitik und seine Skrupel gegenüber der unilateralen Intervention in Konflikten wie in Syrien. Obama setzte gegen massive Widerstände eine Krankenkassenreform durch, an der alle demokratischen Präsidenten seit 1945 gescheitert waren. In der Ukraine, beim Einsatz von Drohnen oder der NSA vertrat er dagegen robust die Interessen der USA als Weltmacht. Das erzeugte Konflikte mit Gegnern wie Verbündeten. Die gab es im Verhältnis zu den USA zu allen Zeiten. Daran wird sich auch nichts ändern, gleichgültig wer in den USA der nächste Präsident werden sollte.

+++ Ob es Donald Trump wird? Der Spiegel macht ihn mit Beginn der Vorwahlen zum Titelbild. Darauf stehen folgende Worte: “Wahnsinn. Amerikas Hetzer Donald Trump.” Dessen Wahlkampfstrategie kann man so beschreiben. Er mobilisierte in seiner bisherigen Kampagne die Teile der Wählerschaft, die den gegenwärtigen Präsidenten aus vollen Herzen hassen. Trump steht für Maßlosigkeit und maximale Polarisierung. Er radikalisiert damit eine politische Strategie der konservativen Republikaner, die schon seit Jahrzehnten den Kulturkampf zur Grundlage ihrer Hegemonie in der amerikanischen Politik gemacht haben. Da war das Recht auf Waffenbesitz wichtiger als der Zugang zu einer Krankenversicherung. Trumps Kampagne lebt allerdings bisher vom Widerwillen gegen ein politisches Establishment, wo es vor einem Jahr noch nach einer Neuauflage des Duells zweier politischer Patrizier-Familien aussah: Clinton gegen Bush.

Davon haben viele Wähler in den USA erkennbar die Nase voll. Deshalb wurde jetzt sogar ein linker Flügelmann der Demokraten wie Bernie Sanders für Frau Clinton zu einer ernsthaften Bedrohung. Vielleicht sollten die Medien besser die anstehenden Vorwahlen abwarten. Die Wähler haben in der Vergangenheit keinen Kandidaten zum Präsidenten gewählt, der nicht den Mainstream der amerikanischen Politik traf. Die Nominierung von Außenseitern wie Trump oder Sanders könnte daher etwas anderes einläuten: Das Ende des bisherigen Parteiensystems. Die Aufgabe der Medien kann es aber in den kommenden Monaten nicht sein, das deutsche Unverständnis über die amerikanische Politik zum Ausdruck zu bringen. Sie sollten vielmehr ihrem Publikum deren Mechanismen erläutern.

+++ Die Debatte um Trump grenzt an Hysterie. Diese folgt einer paradoxen Logik. Je maßloser Trump argumentiert, um so mehr Resonanz findet er in den Medien. Was einen Kandidaten zu früheren Zeiten diskreditiert hätte, verschafft ihm jetzt einen Mobilisierungsvorteil in den ihm zugänglichen Wählermilieus. Das sind in seinem Fall nicht die Leser der New York Times. In einem durch das Internet hoch fragmentierten Mediensystem erzeugt eine Warnung der Times vor Trump das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Es bestätigte dessen Wähler, weil sie für deren Argumente nicht mehr zugänglich sind. Das klassische Mediensystem wird zunehmend durch fragmentierte Medienangebote ersetzt, wo das Publikum vor allem in seinen Erwartungen bestätigt wird.

Die USA waren in dieser Entwicklung ein Vorreiter. Mittlerweile hat das Europa und Deutschland erreicht. Der Spiegel nennt Donald Trump einen Hetzer. Dieser Begriff war schon fast aus der Mode gekommen, weil er etwa in Diktaturen wie der DDR diskreditiert worden war. Dort gehörte der Vorwurf der Hetze zum Repertoire staatlicher Propaganda, um abweichende Meinungen strafrechtlich zu sanktionieren. Es ist erstaunlich, wie dieser Begriff in den vergangenen Monaten ein selbstverständlicher Teil des politischen Umgangston werden konnte, trotz der nachvollziehbaren Abscheu vor den rhetorischen Ausdünstungen in den sozialen Netzwerken. Bundesjustizminister Heiko Maas hat den Kampf gegen die Hetze im Netz sogar zu seinem wichtigsten Anliegen gemacht. In einem Gastbeitrag für die FAZ erläuterte er den Sinn demokratischer Verhältnisse:

“Wer seinem politischen Gegner die demokratische Legitimität abspricht und dessen Tun in den Ruch des Unrechts rückt, der meint, über Inhalte nicht mehr diskutieren zu müssen. Wir sollten uns hüten, durch verbale Hysterie auch in Deutschland unser politisches Klima zu demolieren.”

Maas erklärt anschließend, was darunter zu verstehen ist. Es geht in Wirklichkeit darum, die Rechtsposition der Bundesregierung dem demokratischen Meinungsstreit zu entziehen. Maas hat den Kritikern dieser Rechtsposition, darunter ehemalige Bundesverfassungsrichter, geistige Mittäterschaft vorgeworfen:

“Das Gerede vom angeblichen Rechtsbruch des Staates ist Wasser auf die Mühlen von Pegida und Verschwörungstheoretikern im Internet. Wenn selbst honorige Juristen suggerieren, dass eine Regierung permanenten Rechtsbruch begehe, ja gar kriminell handele, müssen sich dann rechte Wirrköpfe nicht ermutigt fühlen, zur Tat zu schreiten und dagegen ‘Widerstand’ zu leisten? … Niemand sollte dieses Augenmaß verlieren, und jeder muss sich der Verantwortung für seine Thesen und Worte bewusst bleiben. Auch ein juristischer Diskurs kann entgleiten und zur geistigen Brandstiftung beitragen.”

Damit wurden die ehemaligen Verfassungsrichter Udo Di Fabio und Hans-Jürgen Papier in die Haftung genommen, “Wirrköpfe ermutigt” und “zur geistigen Brandstiftung” beigetragen zu haben. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Aufsehen diese Passagen erzeugt haben. Sie dokumentieren die Verwahrlosung in der Debatte.

+++ Daher muss sich niemand mehr darüber wundern, wenn sich Journalisten nicht mehr als Berichterstatter, sondern als Akteure im politischen Meinungskampf definieren. An diesem Wochenende ging es um die Frage, ob deutsche Grenzpolizisten gegenüber Flüchtlingen von der Schußwaffe Gebrauch machen dürfen. Solche Gewaltphantasien über erschossene Flüchtlinge findet man in den sozialen Netzwerken, auch im Umfeld der AfD. Allerdings nicht nur dort. Die Befürworter der Politik der Grenzöffnung benutzen ebenfalls dieses Argument. Wie wolle man den Zustrom von Flüchtlingen sonst stoppen, außer sie zu erschießen?

Beide Lager sind sich in dieser Hinsicht in gespenstischer Weise einig. Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Niemand wird deutschen Grenzpolizisten befehlen können, ein Massaker an unschuldigen Flüchtlinge zu verüben. Ein anderer Fall wäre der Versuch, mit Gewaltanwendung die Einreise in die Bundesrepublik Deutschland zu erzwingen. Dann könnten deutsche Grenzpolizisten, wie jeder andere Polizeibeamte auch, im Rahmen der geltenden Gesetze Gewalt anwenden. Aber wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario? Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry war dazu vom Mannheimer Morgen befragt worden.

“Was passiert, wenn ein Flüchtling über den Zaun klettert?

Petry: Dann muss die Polizei den Flüchtling daran hindern, dass er deutschen Boden betritt.

Und wenn er es trotzdem tut?

Petry: Sie wollen mich schon wieder in eine bestimmte Richtung treiben.

Noch mal: Wie soll ein Grenzpolizist in diesem Fall reagieren?

Petry: Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.

Es gibt in Deutschland ein Gesetz, das einen Schießbefehl an den Grenzen enthält?

Petry: Ich habe das Wort Schießbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Flüchtling schießen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt. Entscheidend ist, dass wir es so weit nicht kommen lassen und über Abkommen mit Österreich und Kontrollen an EU-Außengrenzen den Flüchtlingszustrom bremsen.”

Lediglich Falk Steiner vom Deutschlandfunk machte sich die Mühe, diese Aussagen von Frau Petry einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Ansonsten dominierte die Schlagzeile, Frau Petry wolle Flüchtlinge an der Grenze erschießen lassen. Davon konnte nicht die Rede sein, schon eher bei der späteren Stellungnahme ihrer Stellvertreterin Beatrix von Storch. Steiner erläutert das in seinem Update. Politiker dürfen die Aussagen der AfD-Politikerinnen für ihre Zwecke instrumentalisieren. Das ist ihr Job. Aber der journalistische Umgang mit dem Interview wirkt wie der empirische Beleg für die These, die Peter Sloterdijk im aktuellen Cicero formulierte.

“Journalisten sollten sich klarmachen, dass sie immer die dritte Partei sind, nicht Ankläger, nicht Verteidiger, nicht Darsteller, nicht Gegendarsteller. Ohne den Dritten sind die streitenden Zwei a priori verloren. Heute treten die Verwahrlosung im Journalismus, die zügellose Parteinahme allzu deutlich hervor. Wo gibt es noch eine Bemühung um Neutralisierung, um Objektivierung, hoch ausgedrückt um Vergeistigung? Die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.”

Das ist ein Pauschalurteil. Falk Steiner ist nämlich ein gutes Beispiel für die “dritte Partei”. Man sollte sich ihn zum Vorbild nehmen. Ansonsten geraten wir in die Verhältnisse, wo Hysterie und Hetze nicht nur Merkmale unserer politischen Debatte werden, sondern am Ende den Journalismus bestimmen.

Aber jetzt warten wir gespannt auf die Ergebnisse der Vorwahlen in den USA.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf evangelisch.de

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Kommentare {34}

  1. Bei aller Sympathie: Hier energischer Widerspruch:

    “Etwa seine Bereitschaft zur internationalen Kooperation in der Außenpolitik und seine Skrupel gegenüber der unilateralen Intervention in Konflikten wie in Syrien.”

    Dieser Versuch eines regimes changes über einen von außen orchestrierten Umsturzversuch der Alawiten-Regierung Assads im Auftrag der USA durch islamistische Söldnerbanden, die von Saudi-Arabien und Quatar finanziert und von der Türkei und dem britischen Geheimdienst trainiert wurden, geht eindeutig auf das Konto Obamas. Er wurde in dessen Regierungszeit geplant, begonnen und durchgeführt.

    “Obama setzte gegen massive Widerstände eine Krankenkassenreform durch, an der alle demokratischen Präsidenten seit 1945 gescheitert waren.”

    Das war eine Gesundheitsreform, die die Amerikaner nicht wollten. Die wollen Kostenreduzierungen, nicht aber eine gesetzliche Zwangskasse.

  2. Hallo Herr Lübberding ! Hatte sich Frau Petri nicht von politisch voreingenommenen Journalisten auf das Glatteis führen lassen ! Ein Festessen für die einschlägig bekannten Propagandisten des öffentlichen Fernsehens und Radios ? ! Gibt es nicht einen sogenannten Gesinnungsjournalismus welcher politisch motivierte Fangfragen stellt , welcher die alleinige Absicht verfolgt einen missliebigen politischen Gegner zu Fall zu bringen ? Dementis und Richtigstellungen interessieren solche verlogenen Zeitgenossen überhaupt nicht , weil sie nur das hören wollen was ihnen in ihr dreckiges Geschäft passt ! Sie verfolgen aus ideologischen und machtpolitischen Gründen ein Geschäft was ihren Gegnern mit Verleumdungen , Stigmatisierungen und Unterstellungen um ihre bürgerliche Existenz und ihre Gesundheit bringen kann ! Und das alles zu allen Überfluss im Namen einer höheren Idee , zu dessen Nutznießer sie sich mit ihrer moraltriefenden Existenz gemacht hatten ? Ihre Trümpfe sind ihre Mikrophone , und Sender die ihre Propaganda millionenfach in die Wohnzimmer , einer durch Medienbeschuss verblödeten Bevölkerung transportiert ! Haben wir nicht schon bald wieder Wahlen ? Was wir in diesen Lande brauchen ist eine Aufklärung der Leute darüber wie Gehirnwäsche und Meinungsbeeinflussung funktioniert ( Ob rechte oder linke Meinungsbeeinflussung ist egal ! ) Am besten in der Schule durch Lehrer welche nicht durch einseitige parteipolitische Präferenzen aufgefallen sind !

  3. Vielen Dank für den treffenden Kommentar. Unser Justizminister Linksaußen macht mir seit geraumer Zeit Angst und Bange, will er Stück für Stück den demokratischen Rechtsstaat abschaffen. Unglaublich, wie so jemand in diese Position gelangen kann!
    Man muss kein Freund der AfD sein, aber diese polemische Entgleisungen der etablierten Parteien, weil es Frau Petry wagte, an geltendes Recht zu erinnern, sind unerträglich. Hier wäre ein Kommentar interessant, der nochmal an die ureigensten Staatsaufgaben erinnert.
    Der eigentliche Skandal ist nämlich nicht ein möglicher Schußwaffeneinsatz an der Staatsgrenze, sondern dass ALLE Politiker der etablierten Parteien diesen konsequent ablehnen! Damit kündigt der Staat seinen Vertrag mit den Bürgern, deren Schutz und den ihrer Klubgüter auf. Ohne gesicherte Grenzen gibt man Deutschland der Staatsauflösung und Anarchie preis! Und sowas dürfen gewählte “Volksvertreter” ungestraft in die Welt hinausposaunen? Auch das ist eine absolute Verwahrlosung der Demokratie.
    Wenn ich Unsummen an Steuern zahlen soll, erwarte ich, dass die Regierung die Staatsaufgaben erfüllt und kein pseudohumanitäres verantwortungsloses Gesülze absondert. Wie wird die Grenzsicherung des EU- Söldners Erdogan ausschauen, wenn er seine 5 Milliarden € (aus deutschen Steuertöpfen) erhalten sollte, mit Wasserpistolen??? Warum lässt man die deutschen Grenzen sperrangelweit offen? Weil unsere Politelite genau weiß, dass die vielen “Schutzsuchenden” ebenso respektlos und brutal gegen Polizisten und Grenzsicherungsanlagen vorgehen werden wie in Ungarn und Mazedonien. Da könnte ein Waffeneinsatz ganz schnell Wirklichkeit werden. Weil niemand unserer Politelite den Mumm hat, das offen anzusprechen und Verantwortung zu übernehmen, versucht man, rationale Stimmen zu diffamieren, wird unser Staat lieber mit einer unkontrollierten muslimischen Massenmigrationwelle geflutet mit allen daraus resultierenden negativen Konsequenzen für die Bürger.
    Unsere Politelite hat unser Land der weltweiten Lächerlichkeit preisgegeben!

    1. an D .Bauer

      Das haben unsere Macher doch vor ca. 13 Jahren schon mit der nach Afghanistan entsandten Bundeswehr vorexerziert. Da war von angang an zur Besänftigung der hiesigen Medien-Meinungsführer nur vom Brunnen- u. Schulbau, vorzugsweise für Mädchen, die Rede. Von Krieg zu reden, war offener Tabu-Bruch. So erinnere ich mich noch, daß sich der Verteidiger demokratischer u. deutscher Werte am Hindukusch namens Struck (damals SPD-Verteidigungsminister) anläßlich eines Rekatenabschusses der Taliban bei seinem Besuch dort mit Truppe 2 Stunden in den Bunker setzte, bis man sicher war, daß die Angreifer abgezogen waren. Ein vorrückender Bundeswehrtrupp mit vielleicht einem erschossenen Afghanischen Angreifer auf dem LKW hätte das von der hies. Politik friedensschaffende Bild gestört. Das Theater um die bombardierten Tanker ist noch hinlänglich bekannt, bei dem angeblich nur Zivilisten ums Leben kamen, wobei bis heute keiner, der die dort lebenden Volkschaften u. ihre eigenarten, z. B. daß ein Mann auch eine Waffe trägt, erklären kann, woran man sodann einen Taliban oder Al-Kaida-Kämpfer von einem Zivilisten unterscheiden kann. Wir werden ind er Weld als das gesehen, was wir aus uns als Nation gemacht haben, den Michel mit der Schlafmütze.

  4. Zu Hetze fällt mir Folgendes ein:
    Als Kinder hatten wir eine einfache Wahrheit.
    Wenn einer einen beleidigen wollte, antworteten wir nur:
    Wer´s sagt ist´s selber.

    Mehr muss man zu Gabriel, Maas und anderen auch nicht sagen.

  5. VERWAHRLOSUNG VON JOURNALISMUS ALS PARTEINAHME
    Hysterie und Hetze Von Frank Lübberding Mo, 1. Februar 2016

    In einem durch das Internet hoch fragmentierten Mediensystem erzeugt eine Warnung der Times vor Trump das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Es bestätigte dessen Wähler, weil sie für deren Argumente nicht mehr zugänglich sind. Das klassische Mediensystem wird zunehmend durch fragmentierte Medienangebote ersetzt, wo das Publikum vor allem in seinen Erwartungen bestätigt wird.

    Zit. Heiko Maas: “Wer seinem politischen Gegner die demokratische Legitimität abspricht und dessen Tun in den Ruch des Unrechts rückt, der meint, über Inhalte nicht mehr diskutieren zu müssen. Wir sollten uns hüten, durch verbale Hysterie auch in Deutschland unser politisches Klima zu demolieren.”
    Maas erklärt anschließend, was darunter zu verstehen ist. Es geht in Wirklichkeit darum, die Rechtsposition der Bundesregierung dem demokratischen Meinungsstreit zu entziehen. Maas hat den Kritikern dieser Rechtsposition, darunter ehemalige Bundesverfassungsrichter, geistige Mittäterschaft vorgeworfen:
    “Das Gerede vom angeblichen Rechtsbruch des Staates ist Wasser auf die Mühlen von Pegida und Verschwörungstheoretikern im Internet. Wenn selbst honorige Juristen suggerieren, dass eine Regierung permanenten Rechtsbruch begehe, ja gar kriminell handele, müssen sich dann …“
    Es ist schon erstaunlich, wie wenig Aufsehen diese Passagen erzeugt haben. Sie dokumentieren die Verwahrlosung in der Debatte.
    Petry: Ich habe das Wort Schießbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Flüchtling schießen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt. Entscheidend ist, dass wir es so weit nicht kommen lassen und über Abkommen mit Österreich und Kontrollen an EU-Außengrenzen den Flüchtlingszustrom bremsen.”
    Lediglich Falk Steiner vom Deutschlandfunk machte sich die Mühe, diese Aussagen von Frau Petry einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Ansonsten dominierte die Schlagzeile, Frau Petry wolle Flüchtlinge an der Grenze erschießen lassen. Davon konnte nicht die Rede sein, …
    Der Satz von Frank Lübberding (siehe oben) „In einem durch das Internet hoch fragmentierten Mediensystem erzeugt eine Warnung der Times vor Trump das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Es bestätigte dessen Wähler, weil sie für deren Argumente nicht mehr zugänglich sind.“ trifft auch voll auf die gleichgeschaltete Verleumdungs-Kampagne gegen Frau Petri zu. Korrekt wäre sie zu zitieren:

    „AfD-Chefin Frauke Petri will nicht auf Flüchtlinge schießen.“

    Das würde sie vielleicht Wähler kosten, aber bestimmt nicht die verleumderische Hetze, die ihre Aussage ins Gegenteil verkehrt.
    Wer bisher so wie auch ich einer pauschalen Beschuldigung als „Lügenpresse“ noch differenziert gegenüber stand, hat jetzt Anlass, seine Zurückhaltung bei der Wahl der Begriffe neu zu überdenken? „… erzeugt eine Warnung der Times deutschen Presse vor Trump der AfD das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll.“ Sollte ein AfD-Funktionär wirklich etwas Bedenkliches geäußert haben oder in Zukunft äußern, wird man auch deren seriösen Kritikern kaum noch etwas glauben.
    Sind die tonangebenden deutschen Medien und die Vorturner unter den deutschen Politikern dabei, charakterliches Harakiri zu begehen? Cui bono?
    1. 2. Februar 2016 um 4:02 von Arthur Dent „Danke, danke und noch einmal danke. Ich hatte schon den Glauben an guten Journalismus verloren. Aber es gibt doch noch einige wenige Journalisten, die kritisch und nicht ideologisch verblendet sind.“

    Rudolf Krause

  6. Es fängt schon vorher an.

    siehe hier
    http://www.nrwz.de/aktuelles/region/handgranatenanschlag-in-villingen-ermittler-aeussern-zweifel-an-fremdenfeindlichem-hintergrund/20160131-1954-108001

    dies erinnert mich an den Anschlag auf eine Moschee in Berlin. Erst waren alle wie immer sehr empört – Anschlag auf die Religionsfreiheit etc. etc. und die Täter waren schon ausgemacht, Siggi, der den Ort besuchte, verlangte mal wieder nach dem Verfassungsschutz.
    Und wer war es? Ein Moslem – natürlich, so die Medien sei der Mann geistig gestört gewesen (was ich jetzt denke darf ich nicht schreiben).

    Ja und bevor ich es vergesse: Danke für den Artikel und Danke für den Blog

  7. Lieber Herr Lübberding,
    wirklich sehr hilfreich, die Grundlage dessen darzustellen, was Frau Petry gesagt haben SOLL.
    Die QUELLE (Interview Mannheimer Morgen) ist tatsächlich äusserst aufschlussreich.

    Genau SO geht eigentlich “guter” Journalismus = die FAKTEN aufzeigen, eine nachvollziehbare Quelle benennen.
    Seine Schlüsse daraus ziehen, das könnte jeder Leser-Zuschauer dann genaugenommen selber.
    Aber diese Zeiten sind offenkundig längst vorbei hierzulande.

    Dieser kleine Leuchtturm Tichy hier – der wird nicht ausreichen, um noch genügend Licht ins Dunkel(Deutschland) zu bringen.

    Denn WO war eine vergleichbare und eben deutlich differenzierte Darstellung,
    z. B. in der Tagesschau, bei Heute, im Spiegel, bei t-online, bei gmx, usw., usw., usw. zu finden ?

    MIR wäre in dem o. g. Zusammenhang grad keine solche aufgefallen, aber die Schuld liegt sicherlich mal wieder am dummen Leser und TV-Betrachter.

    Der schafft es einfach nicht, die Spreu vom Weizen zu trennen.
    Oder (schlimmer Verdacht)…er SOLL es vermutlich auch gar nicht.

    Obwohl GUT und BÖSE, links oder rechts, doch immer so einfach auf der Hand liegen.
    Wenn es in erster Linie nur um werbewirksame Hetze geht, nicht um wirklichen Journalismus.

    Zur Hysterie in Sachen Kandidat Donald Trump wäre noch anzumerken:

    Fast schon vergessen, dass in Deutschland bzw. in dessen wichtigsten Medien seinerzeit auch ein grosser Hype um Mr. „yes,we can“-“wir schaffen das“ Obama veranstaltet worden ist.

    Der war damals der „Gute“.
    Um ein Haar hätte er als Kandidat direkt vor dem Brandenburger Tor sprechen sollen.

    So wie, im umgekehrten Sinn, jetzt hierzulande so ziemlich alles GEGEN den „Bösen“, den „Hetzer“ Trump läuft.

    Von den meisten Leuten ist vermutlich nicht wahrgenommen worden, welche unterschwelligen Beeinflussungen so ganz nebenbei in die Leute reingeprügelt werden sollen.

    Unten bei n-tv lief in der letzten Zeit in der Nachrichtenzeile immer ein schöner Satz, der in etwa lautet:

    „Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich Hillary Clinton als Präsidentin“

    Wie „journalistisch“ ist das denn ?

    Diese Botschaft ohne jede nachvollziehbare Grundlage von Fakten, die soll wohl lauten:

    Die Deutschen wollen auch für Amerika so eine Art „Angela“ !

    An dieser Stelle kommt mein persönlicher „Glauben“ zum Tragen.
    Ich glaube nämlich nicht, dass sich in Amerika allzuviele Leute, vor allem nicht Politiker, wirklich dafür interessieren, was „die Deutschen“ wollen.

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