Hurra, endlich Deflation

Weihnachten, Kinders, da wird`s was geben diesmal! Endlich haben die Menschen zwar nicht wesentlich mehr Geld in der Tasche – aber mehr Kaufkraft. Viele Preise sinken. Öl- und Benzinpreis sinken; eine Tankfüllung ist um 6 € billiger zu haben. Selbst die Nebenkosten beim Wohnen sinken; spätestens ab Januar gibt´s für viele Mieter satte Rückzahlungen für die aus heutiger Sicht überhöhten Strom- und Heizkostenvorauszahlungen. Gemüse, Obst, Salat – alles billiger; und wer nicht essen will, sondern wischen: Preise für Tabletts und Smartphones sinken um 5 Prozent.

Das ist die gute Nachricht – endlich kommen wir in den Genuss einer Entwicklung, die Deflation heißt: Die Preise sinken.

Ist das jetzt gut oder schlecht? Es ist sogar eine Katastrophe, sagt die Europäische Zentralbank. Die EZB freut sich nicht über Deflation – sie bekämpft sie. Mit allen Mitteln – neuerdings sogar mit Negativzinsen. Denn sie will, dass die Inflation jährlich um zwei Prozent steigt. Dieses Ziel ist nicht mehr erreichbar. Aber ist das so schlimm? Es wäre schlimm, wenn das Szenario stimmen würde, das hinter diesem Geldmengenziel steckt: Wenn alles billiger wird, dann hören die Konsumenten auf, zu kaufen, weil ja nächste Woche alles billiger wird. Und dann hören die Firmen auf zu produzieren, weil sie mit den dauernd sinkenden Preisen nicht mithalten können. Nur die Schulden bleiben hoch und müssen verzinst werden. Das ruiniert die Wirtschaft. Soweit die Theorie, basierend auf Erfahrungen aus den USA aus den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Deshalb bekämpft die EZB die Deflation.

Der absichtsvolle Fehler der EZB

Aber wenn man genauer hinschaut – warum sinken die Preise? Die Strompreise sinken, weil wir einen regnerischen Sommer hatten. Das bedeutet, es wurde weniger Solarstrom produziert, und da Solarstrom vom Verbraucher bezuschusst wird, heißt die Lösung: Weniger Sonnenstrom – niedrigere Stromkosten. Die Energiepreise sinken auf breiter Front, weil Kohle aus den USA billigst zu haben ist – dort kommt ungeheuerlich viel Erdgas durch Fracking und versaut die Preise für jede andere Energieform. Obst und Gemüse wird billiger, weil Russland als Antwort auf das Embargo lieber in die eigenen sauren Äpfel beißt als ins Bodenseeobst. Das ist für die Bauern belastend.

Aber ist es irgendeine Katastrophe für die deutsche Wirtschaft, für Arbeitsplätze oder für wen auch immer, wenn importierte Energie billiger wird, Subventionen für die Solarbonzen fallen oder Smartphones aus China und Taiwan billiger werden? Wer leidet darunter, wenn Urlaubsflüge billiger werden, weil gesparte Treibstoffkosten aufs Ticket verbilligend durchschlagen?

Niemand leidet, alle gewinnen. Deflation ist eben nicht Deflation – es kommt auf die Gründe an. Ist diese neue Art von Deflation also so giftig, dass man sie bekämpfen muß?

Nicht im Ernst.

Das Problem ist die EZB. Sie faselt von der Gefahr einer Deflation, die es so bedrohlich nicht gibt. Ihr eigentliches Ziel ist ein anderes: Wegen der angeblich mörderischen Deflation hat sie die Zinsen auf Null gesenkt. Das ist gut für die Staaten, die damit ihre gigantische Staatsverschuldung leichter finanzieren können. Ein kleines, nicht-griechisches Beispiel: Müsste Wolfgang Schäuble normale Zinsen bezahlen, gäbe es keinen schuldenfreien Haushalt. Da läge ohne diesen Zinsgewinn die zusätzliche Neuverschuldung bei 50 Milliarden Euro – bei dieser Grenze wurde die rot-grüne Bundesregierung aus dem Amt gewählt. Nur ein deutsches Wirtschaftsmagazin faselt von „Strafzinsen“, die endlich die Deutschen zu Recht aufgebrummt bekämen. Hier scheint sich eine Art evangelikale Bußfertigkeit mit volkswirtschaftlichem Unverstand anzubiedern und alle Deutschen zur pekuniären Kollektivschuld zu verdammen.

Warum die EZB Nullzinsen wirklich will

Es ist vielmehr Mario Draghi und seine EZB, die mit gezinkten Karten spielen. Sie sind nicht die Vertreter der Bürger, sondern der Schuldenstaaten, die sie auf Teufel komm raus finanzieren wollen und müssen.

Übrigens: Deutsche Politiker auch. Jetzt soll die kalte Progression, also die überhöhte Besteuerung von rein inflationären Gehaltserhöhungen, erst ab 2018 reduziert werden, sagt die CDU. Das ist keine gute Nachricht. Die CDU will offenbar ihren Ruf als Schröpfpartei verteidigen; schließlich steht sie ja im Wettlauf mit der SPD um die höchste Besteuerung der Bürger.

Aber ehe Sie sich darüber aufregen: Vergessen Sie es.

Die Deflation entlastet erstmal. Ihr netto wird einfach mehr Wert, Ihre Shopping-Power steigt. Hurra, Deflation ist da, sie ist gut für Verbraucher. Genießen Sie die sauertöpfischen Mienen der Steuererhöher und Zins-Enteigner, die jetzt mal in die Röhre schauen.

Weihnachten kann`s was geben. Und wenn es im kommenden Sommer wieder viel regnet, dann ist das schlecht für Freibäder und gute Laune – aber gut für den Geldbeutel. Der liebt jedes watt Sonnenstrom nicht kostet, sagt der Volksmund. Volkswirtschaft hält sich nicht an alte Lehrbücher. Märkte erfinden sich immer wieder neu.

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Kommentare {10}

  1. Deflation plus Nullzinsen könnte Sparer zu Konsumenten wandeln? Scheint aber nur bedingt zu funktionieren. Insbesondere die Vorsorge- (Rentenlückenausgleichs-)Sparer
    werden des Jammerns nicht müde. Gemeinsam mit der Versicherungsbranche wird das hohe Lied der niedrigen Zinsen gesungen. Verschwiegen wird die Kursgewinne der Anleihen in den Portfolios, denn jede Zinssenkung im Markt hebt die Kurse der Anleihen im Bestand. Und: für den Nicht-Rentenausgleichssparer entsteht durch den Tichy-Effekt der Deflation ein Kaufkrafthebel, vorausgesetzt er ist bereit davon Gebrauch zu machen. Hm, vielleicht ist das vom Otoo-normalverbraucher zuviel an wirtschaftlichem Sachverstand verlangt…

    1. “Verbrauchen” – schafft kein “Vermögen” – das ist die Tatsache, die gewusst wird ! – Anscheinend fehlen diese Informationen, einem großen Teil der Bevölkerung. – Echtes Investieren, bedeutet: dasjenige Geld, das eingesetzt wird, “arbeitet”, in dem Sinne, dass etwas “geschaffen” wird, möglich wird – (BIP.. u.s.f) – wer immer nur “verbraucht” – und “was” denn – gibt sein Geld aus – dann ist es nicht-wirtschaftend “weg” – und bei “Anderen” – letztendlich bei Fonds und “Konsorten” — bestimmt nicht beim Unternehmer, den man mit seinem Einkauf unterstützen wollte. – Das zeigen die tatsächlichen Untersuchungen – und das ist keine Mutmassung! –

  2. Vielleicht ist es nur eine Pseudodeflation, eine Rückkehr zum “Normalzustand”, denn die Wachstumsraten der Wirtschaftswunderzeit werden nie mehr erreicht. Wir leben in saturierten Überflussgesellschaften. Auch in Ländern mit hohen Wachstumsraten wird es künftig magerer ausfallen., was ja jetzt schon deutlich in China sichtbar wird. Die theoretische Ökonomie geht immer noch vom Begriff “Wachstum” aus, es muss Wachstum her. Ich spreche statt dessen lieber von Fortschritt.
    Die Wirtschaft wird sich wohl darauf ausrichten müssen: Wachstum ist begrenzt, Fortschritt im weiten Sinne bringt Wohlstand. Und die jetzige “Deflation” ist vielleicht gar nicht so übel, sie könnte irgendwie ordnend wirken.

  3. Wieder einmal unglaublich dämliches Geschreibe von Tichy.
    Die europäische Austeritäts- und Deflationspolitik zerstört die Gegenwart
    und die Zukunft von 25% einer ganzen Generation.
    Aber, natürlich: Man muss bedenken, für welche Kreise Tichy den
    Journalisten-Clown gibt.
    Mark Blyth: “Austerity makes complete sense – if you’re rich.”

  4. quergedacht und zielgerichtet
    Direkte Steuern runter und indirekte Steuern hoch, dann macht mit mehr Netto vom Brutto für den Verbraucher der Konsum wieder Spaß

  5. Was mich am meisten schockiert:Warum nicken unsere Volksvertreter (SPD/CDU/Grüne) und die Massenmedien diese katastophale Eurorettungspolitik weiter kritiklos ab?Lieber Herr Tichy,auch ich möchte Ihnen für Ihre klaren und fundierten Analysen danken- die Wirtschaftswoche wird für Ihr widerwärtiges und verlogenes Verhalten Ihnen gegenüber mit Sicherheit weiter Leser verlieren und wenn sie in diesem Sinne weitermachen irgendwann Pleite gehen.Ich kaufe diese Zeitung jedenfalls nicht mehr.

  6. Auch moderate Inflation ist kein Problem, wenn sich Habenzinsen parallel nach oben entwickeln

  7. Danke, Herr Tichy, interessant, und mal endlich kluge Information !

  8. Die Finanzleute sind einfach deshalb gegen “Deflation”, weil dadurch die üblichen Mechanismen der Finanzwelt und ihre daran gekoppelte Gestaltungsmacht nicht mehr so funktionieren wie sonst. Für den Verbraucher ist Infla- oder Deflation meistens schon deshalb egal, weil im jeweils umgekehrten Verhältnis dazu die Zinsen steigen oder fallen. Das gilt im übrigen auch für die vielfach als Instrument zur Steuerung des Außenhandels angepriesenen Auf- oder Abwertungen. Abgesehen von einem ganz kurzen (Schein-)Effekt in der unmittelbaren Übergangsphase ist danach alles wieder beim Alten, wenn sich der Kurs der verschiedenen Währungen wieder irgendwo stabilisiert. Geld ist letztlich nur ein Umrechnungsfaktor für Waren. Ob alle Waren einen Durchschnittsgeldwert von x haben oder aufgrund der Inflation von x + … oder aufgrund Deflation von x – … ist letztlich Jacke wie Hose. Entscheidend ist immer die Wirtschaftskraft, also die Produktion von Gütern.

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