Familienpolitik: Die verkaufte Mutter

© Viacheslav Lopatin | Shutterstock
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Sie sind aus unseren Straßen, Plätzen und Parks verschwunden: Mütter mit ihren Kindern, spielende Kinder. Ohne dass es uns bewusst wird, sperren wir sie weg. Mütter und Kinder – früher selbstverständlich – werden zur Randgruppe. Selbst im Supermarkt der Innenstadt werden sie nur noch als Hindernis wahrgenommen, die  das Band an der Kasse blockieren und den flotten Angestellten mit ihren Single-Portionen die Mittagspause stehlen: Mütter, die sich selbst um ihre Kinder kümmern statt sie in den Bewahranstalten abzugeben, werden mittlerweile brutal ausgegrenzt, benachteiligt und an den Rand gedrängt und ihre Leistung systematisch entwertet. Ein beunruhigendes Buch widmet sich der „verkauften Mutter“. 

Barbara S., 45, drei Kinder, geschieden, sammelt Flaschen. Nicht in Abfallkörben – in der Wohnung. Viele Kinder, viel PET. Flaschensammlern gilt unser Mitleid, hat sie erfahren. Ihr nicht. Sie ist ja nur Mutter. Wenn sie ihren blauen Müllsack am Flaschenautomaten leert hofft sie, dass sie nicht angemacht wird, weil sie zufällig in der Hauptverkaufszeit den flotten Singles im Wege steht. Aber der Müllsack reicht für einen Sack Kartoffeln, vier Packungen Spinat, eine Steige Eier -„wir alle können davon satt werden“. An der Kasse werden die Eier zu Bruch gehen – die Kassiererin hat keine Zeit für den umfangreichen Familieneinkauf, die Mittagspäusler mit ihren Einpersonen- Einwegmahlzeiten im zerstörungssicheren Plastikbehälter drängeln.

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Geschichten aus dem Alltag der Mütter

Es sind erschütternde Geschichten, die Mütter erzählen, die sich für Familie entschieden haben und von den Männern verlassen wurden. Sie fallen durch den Rost der neuen Sozialpolitik, die nicht mehr die früheren Ehen schützt, sondern das blitzblanke neue Glück im Auge hat. „Das Hauptziel der Politik ist die Abschaffung der Hausfrau“,  stellt eine Mutter lakonisch fest. Die kalten Frauen in der Politik wie Ursula von der Leyen und Manuela Schwesig erzwingen das Leben nach dem Leitbild der unabhängigen Frau, und das gnadenlos. Wer abhängig ist, um Kinder zu erziehen, wird dafür bestraft. Die Neuregelung des Unterhalts nach der Ehe seit 2008 hat die soziale Lage einer ganzen Generation von Hausfrauen-Müttern dramatisch verschlechtert. Sie können nicht mithalten mit den Jüngern – sie haben ihr Leben aufgebaut auf einer Regelung, die brutal gestrichen wurde: Der Versorgung in und nach der Ehe für ihre Erziehungsarbeit. Aber neuerdings ist Fremdbetreuung die Norm, Berufsarbeit die Pflicht. „Ich verdiene nun Geld, aber es ist zu wenig, und es ist immer vergeblich“, so Barbara. Denn es wird sofort wieder auf den Unterhalt angerechnet.

Wahlfreiheit gibt es nicht mehr

So sitzt eine Generation von Frauen in der Falle, getrieben von einer Gesetzgebung, die die Wahlfreiheit pro forma propagiert und faktisch hintertreibt. Mütter mit ihren Kindern gibt es nur noch in den Bereichen, in denen die wirtschaftsoptimierende Dynamik sich noch nicht entfalten konnte – in den noch nicht kolonialisierten Ausländervierteln. Ansonsten funktioniert das Zusammenspiel von Wirtschaftsverbänden, die Frauen als möglichst billige Arbeitskräfte suchen, von Gewerkschaften, die Mitglieder unter Kita-Erzieherinnen finden, aber nicht unter Müttern, und den Großparteien, die getrieben sind vom Ehrgeiz, ihr Familienbild gesellschaftlich durchzudrücken – und das Loblied des doppelten Karriere-Paares singen, bei dem Kinder zu einer staatlich betreuten Rest-Größe werden.

Jetzt wird Müttern auch noch die Würde genommen

„Die Freiheit der Frauen, sich bewusst für Familienarbeit zu entscheiden, wird durch Gesellschaft und Politik immer mehr eingeengt“, beobachten die Gründerinnen von „Kulturtat Familie“ in Frankfurt. Durch ihre Initiative wollen sie dem „Da-Sein“ für Kinder wieder zu mehr gesellschaftlicher Wertschätzung verhelfen und haben 21 Erfahrungsberichte von Müttern veröffentlicht. Es war ein harmloser Satz, der die Sache ins Rollen brachte. Die Frage: „Und Du bist auch wegen der Kinder zu Hause geblieben?“, war auf einer Geburtstagsfeier der Auslöser für eine leidenschaftliche Diskussion über die Verstaatlichung der Kindheit und über das Gefühl, von einer Gesellschaft, der die Mütterlichkeit verloren geht, verkauft zu werden. Bis eine der Frauen plötzlich sagte: „Das darf man doch gar nicht laut sagen.“ Und eine andere Frau antwortete: „Im Gegenteil.“ Aber Mütter haben gelernt, sich für Mütterlichkeit zu schämen. Die Welt gehört den Geld-Verdienern, nicht den Kinder-Großziehern. Es sei denn, es wird wieder zum Krippen-Geschäft, ausgelagert und pseudo-professionalisiert. Das Erziehen fremder Kinder schreit nach Wertschätzung – die Erziehung der eigenen wird schlecht geredet, so die Erkenntnis. An jenem Nachmittag im Jahr 2012 entstand die Idee, sich zusammen zu tun, um dem gemeinsamen Anliegen Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Kulturtat Familie“ nannten die Frauen ihre Initiative. Von Anfang an dabei waren Sabine Mänken und Bettina Hellebrand. Nur wenig später stieß Gabriele Abel dazu. Zusammen hat das Gründerinnen-Team von „Kulturtat Familie“ elf Kinder und was sie eint, ist die Erkenntnis, wie wichtig „Da-Sein“ für die Entwicklung von Kindern ist. Obwohl die drei Frauen eine akademische Ausbildung und gute Berufschancen hatten, wollten sie ihren Kindern, als diese klein waren, den Raum für ihre individuelle Entwicklung geben. „Ich freue mich an der Vielfalt und Buntheit des Lebens, von der Individualität der Kinder bin ich fasziniert“, beschreibt beispielsweise Gabriele Abel ihre Motivation dafür. Deshalb setzt sich die 49-Jährige für Freiheit in der Gestaltungsmöglichkeit des Familienlebens ein. Es ist ein Kampf gegen die mächtigen Windmühlen der Politik. Nach der materiellen Verarmung kommt jetzt Entwertung. „Jetzt wird uns die Würde genommen“, schreibt Christine, 52, drei Kinder: „So behaupten doch Studien heute, dass Kinder sich ‚besser‘ entwickeln, wenn sie NICHT von den Müttern betreut werden, sondern in Kitas ihre ‚Sozialkompetenzen‘ ausbilden können“. Die Entwertung der Mütterlichkeit, ihre Abstempelung als faul, kinderfeindlich und unfähig zur Erziehung ist sicherlich eine der erschütterndsten Entwicklung der letzten Jahre. Aber ist das Leben hinter der Aldi-Kasse erstrebenswerter als das Leben mit Kindern? Die Weichen sind gestellt. Die totale Berufsarbeit wird zur Norm, die Mütterlichkeit diffamiert und rechtlich bestraft.

Herausgeberinnen Sabine Mänken, Bettina Hellebrand. Gabriele Abel

Herausgeberinnen Sabine Mänken, Bettina Hellebrand. Gabriele Abel

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Kommentare {35}

  1. Oh, dies ist kein typischer Tichy-Beitrag auf den ich dennoch antworten möchte.

    Ich störe mich an Dramaturgie des Beitrags. Hier wird Gewicht mit mächtigen Worten verliehen (brutal, gedrängt, verlassen, gesperrt) recht plakativ, ohne Zweifel.
    Diese Art hat mit Journalismus m.E. wenig zu tun. Hier soll ein Opferbild gefüttert werden, welches in meinen täglichen Aktionen kein Beispiel findet. Das Glück ist doch nicht an Bedingungen geknüpft. Welche Mutter-Romantik wird hier angesprochen? Von den Müttern, die ich in den vergangenen 10 Jahren kennengelernt habe, waren die meisten froh ihren Beruf max halbtags ausüben zu müssen, nicht wegen der Kinder, sondern wegen der täglichen Unlust auf die Arbeit zu gehen. Ich bin immer noch der Meinung, Kinder bekommt man, weil man Kinder will, und nicht weil man dadurch mehr Geld/Status/Anerkennung/Wertschätzung erhält.

    Als Vollzeitmitarbeiter und geschiedener Vater von drei Kindern gefallen mir die Aussagen der Autoren nicht sonderlich, ohne ihre Kompetenz in Frage zu stellen. Wie viele Männer ringen um den Kontakt zu den eigene Kindern und erhalten trotz “Rechte” weder Hilfe noch Unterstützung Seitens Gesellschaft und staatlichen Institutionen. Wenn die Kinder nicht wollen, müssen sie nicht.

    Ich will das Wort “hohes Niveau” nicht in den Raum werfen. Aber wer fragt eigentlich den Mann, ob er wählen möchte. Hier wird m.E. zu stark polarisiert. Vom ersten Tag an war gemäß OLG DÜ Tabelle meine “zurückgelassene” Familie pro Pers. finanziell besser gestellt, als wir während der Ehezeit zur Verfügung hatten. Und mit oder ohne Kinder, Jeder von uns kennt den Satz: “Es ist noch zu viel Monat da, am Ende des Geldes”

    Ich kann aus diesem Beitrag nur herauslesen: “Mutter Staat, sorge Dich noch intensiver um die alleinerziehende Mutter”. Denn nur wenn es der Mutter gut geht, geht es den Kindern gut, also im Sinne der Kinder.

  2. Gestern diese Seiten entdeckt und sprachlos geworden. Meine Kämpfe für die notwendige elterliche Zuwendung meiner Kinder sind bislang bis auf zwei ! Ausnahmen von der Aussenwelt zugeschwiegen worden. Ich bin ein Mann und geschiedener Vater.
    Schön, dass es Mütter gibt, die sich ihrer komplexen Bedeutung für das gesunde Aufwachsen unserer Kinder stellen.

  3. Ich würde den Begriff “Herdprämie” als UNWORT des Jahres vorschlagen!!

    1. Das Wort “Herdprämie” ist bereits zum Unwort des Jahres 2007 gekürt worden. Erstaunlicherweise wird gerade dieses Wort dennoch weiter verwendet. Wer diese Wort heute noch einsetzt, dürfte Mütter absichtlich diffamieren wollen.

  4. Tja, warum sollte es Unterhalt empfangende Mütter besser ergehen als unterhaltspflichtige Väter? Letztere hatten nämlich auch nie Bestandsschutz, sondern dürfen bei jeder im Hinterzimmer des OLG Düsseldorf ausgeklüngelten Erhöhung der Unterhaltssätze mehr zahlen.

  5. Weil das Wort »Verstaatlichung der Kindheit« gefallen ist — hier für Interessenten der Link zum Thema »Kinderverstaatlichung« (ca. 40 Beiträge) auf meinem Blog: http://www.geiernotizen.de/taxonomy/term/59

  6. Die Zukunft des Volkes sind seine Kinder. Kinder zu bekommen und aufzuziehen ist die wichtigste Aufgabe, die Angehörige eines Volks zu bewältigen haben. Ein Mitforist hat das Beispiel der Ameisen gebracht. Die Geringschätzung dieser Leistung bzw. Nicht-Anerkennen ist für mich ein politischer Skandal erster Güte. Das Wohl des Volkes mehren … ist vornehmste Pflicht aller Politiker. Nicht irgendeines Volkes – sondern des deutschen ! Weietr : Grundgesetz , Art. 6 Abs. (4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. In Zusammenhang mit der Menschenwürde und der freien Persönlichkeitsentfaltung kann das nur wirkliche Wahlfreiheit der Eltern heißen, ergo: keine Zuschüße an Krippen als Institution sondern Aushändigen der nötigen Mittel direkt an die Eltern zur Bezahlung eines Krippenplatzes oder eben für ein anderes Arrangement, wäre für mich die Lösung – und wird angesichts der Interessenslagen nie kommen. Denn das wäre ja was ganz Neues, Bürger, die frei entscheiden können …. ohne Super-Nanny

  7. Danke den Autorinnen für das Buch und danke Herrn Tichy für den Artikel.

  8. Danke, dieser Artikel skizziert sehr treffend mein erleben mit einem schwerbehinderten Kind nach Trennung. Nicht nur erwirtschafte ich die Lebensgrundlage für mein Kind und mich, das Familienrecht hat mich mit hälftiger Kostenteilung komplett verarmt. Wir sprechen hier von dem Gegenwert eines Mittelklassewagens, ich war und bin nämlich eine der gut ausgebildeten Mütter. Eigentlich kann ich nur jeder studierten Frau raten, keine Kinder mehr zu bekommen. Im Falle von Risiken trägt frau diese Sorgen und finanziellen Verantwortungen alleine, während das andere Geschlecht anscheinend nur mehr Rechte hat. Und besonders betonen möchte ich, dass es gerade für behinderte Kinder doch in diesem Land so besonders hervorragende Institutionen gibtm nur Mütter brauchen diese Kinder anscheinend nicht mehr.

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