Wahl des guten Rechts

Der Druck des Marktes und des Wettbewerbs erzeugt ein besseres Rechtssystem für alle. Es wäre ein atmender Rechtsrahmen, der schlechtes Recht verschwinden ließe und gutem Recht zum Durchbruch verhelfen würde.

SchaefflersFreisinn

Die ökonomischen Probleme in weiten Teilen Europas sind hausgemacht. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Überbordende Bürokratie, mangelnde Rechtssicherheit, nicht vorhandener Schutz des Eigentums, prohibitive Steuern und falsche Anreize in den Sozialsystemen sind nur einige der Ursachen. Die derzeitige Politik in Europa versucht, dies durch Druck zu ändern. „Zuckerbrot und Peitsche“ sollen die am Tropf der Gemeinschaft hängenden Krisenstaaten gefügig machen.

Und das läuft dann so: Veränderungen, die sich Bürokraten im fernen Brüssel ausgedacht haben, müssen zunächst verwirklicht werden, damit man dann weitere finanzielle Hilfen durch die Staatengemeinschaft erhält. So zumindest die Theorie. Doch das funktioniert nicht – und zwar aus zwei Gründen: Erstens sind Risiko und Verantwortung entkoppelt. Wer nicht selbst für sein Handeln haftet, sondern die Haftung auf eine größere Gemeinschaft abwälzen kann, geht meist den vermeintlich einfacheren Weg. Zweitens: die Möglichkeiten einer Insolvenz innerhalb oder eines Ausscheidens aus dem Euro-Club werden gar nicht erst in Erwägung gezogen. Dadurch kommen die Retter in die Position des Erpressers gegenüber den Geretteten. Je länger sie anhält, desto schlimmer wird sie. In den vergangenen sechsJahren der vermeintlichen Rettung war das so.

Die Kraft des Besseren

Doch wie wäre es, würde man von einem zentralistischen Reformansatz zu einem non- zentralistischen übergehen? Vorbilder gibt es einige. Die ökonomischen Erfolge Singapurs und Hongkongs sind Beispiel dafür, wie sich kleine und flexible Staaten im unmittelbaren Umfeld von zentralistischen Ländern wesentlich besser entwickeln können als die großen Platzhirsche in der Nachbarschaft. Auch in Europa tun sich Länder wie Luxemburg, die Schweiz oder die baltischen Staaten wesentlich leichter als Russland, Frankreich oder Italien. Die Entwicklung Hongkongs oder Singapurs ist jedoch besonders anschaulich. Denn sie hatte nicht nur ökonomische Vorteile für die dortige Bevölkerung, sondern für die ganze Region. Ohne den ökonomischen Druck Hongkongs hätte es wahrscheinlich kein Wirtschaftswunder in China gegeben. Es war der tagtägliche Anschauungsunterricht, der der chinesischen Nomenklatura das Scheitern der staatlichen Planwirtschaft vor Augen führte und sie offen für die Marktwirtschaft machte.

Die Vorteile der Kleinstaatlichkeit enden jedoch nicht an den Außengrenzen des jeweiligen Landes. Die Idee, eine marktwirtschaftliche Ordnung zu schaffen, kann auch innerhalb eines Staates oder in Teilgebieten eines Staates verwirklicht werden. Die Antwort Chinas auf den ökonomischen Erfolg Hongkongs war zum Beispiel die Schaffung von Freihandelszonen, wie zum Beispiel in Shanghai. Dort werden wirtschaftliche Reformen in einem abgesteckten Areal realisiert, ohne sofort auf das ganze Land übertragen zu werden. So werden diese Zonen nicht nur Versuchslabor, sondern sehr oft eben auch Avantgarde.

Freihandelszonen in Europa

Warum sollen solche Freihandelszonen nicht auch in Europa entstehen? Wieso nicht in Teilen Griechenlands, Portugals oder auch Deutschlands? Und die Idee der Freihandelszonen muss nicht nur auf Investitionserleichterungen konzentriert werden. Warum kann in solchen Regionen nicht viel mehr ausprobiert werden? Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Romer schlug vor einigen Jahren ein Konzept vor, das er „Charter City“ nannte. Der Grundgedanke dieser Idee besteht darin, in einer bestimmten Region eines ökonomisch angeschlagenen Landes ein fremdes Rechtssystem zu implementieren, um damit Vertrauen bei Investoren zu schaffen und diese zu Investitionen zu animieren. In Teilen Griechenlands würde man dann entscheiden, dass dort zum Beispiel englisches Recht gilt. Das englische Recht ist in Griechenland nicht gänzlich fremd. Ein Teil der griechischen Staatsschulden wurden nach englischem Recht emittiert. Im Vergleich zu Anleihen, die nach griechischem Recht herausgegeben wurden, genießen diese ein wesentlich höheres Vertrauen. Als 2012 die privaten Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten mußten, galt dies nur für die Gläubiger, die Anleihen nach griechischem Recht gekauft hatten. Das griechische Parlament enteignete die Gläubiger einfach durch die Einführung einer nachträglichen Umschuldungsklausel bei bestehenden Anleihen. Wer sich nicht „freiwillig“ auf eine Forderungsverzicht von 53,5 Prozent einlassen wollte, konnte unter bestimmten Bedingungen dazu gezwungen werden. Bei den Anleihen nach englischem Recht gelang eine rückwirkende Änderung des Rechts nicht. Diese wurden ordnungsgemäß bedient und zurückgezahlt.

Wettbewerb des Rechts

Was in bestimmten Regionen möglich ist, könnte auch auf einzelne Bürger, Unternehmen oder Vertragspartner angewandt werden. Warum sollten Vertragspartner ihren Gerichtsstand nicht frei wählen können? Im Handelsrecht ist dies bei uns heute schon möglich. Aber wieso soll die Wahl des Rechtssystems nicht auch im Steuerrecht, im Mietrecht oder im Arbeitsrecht möglich sein? Am Ende entstünde ein Wettbewerb des Rechts. Es wäre stabiler und weniger missbrauchsanfällig als viele derzeitige Rechtssysteme in Europa. Derzeit wird in Griechenland unter anderem nicht investiert, weil es keine ausreichende Eigentumsgarantie gibt, weil die Behörden korrupt sind und das Arbeitsrecht kompliziert ist. Diese Mängel könnten durch eine freie Wahl des Rechts durch die jeweiligen Vertragsparteien auf einen Schlag überwunden werden.

Wird Schindluder mit einem Rechtssystem getrieben, dann wird es bei neuen Verträgen nicht mehr angewandt und verschwindet. Ist der Gerichtsstand mit korrupten Richtern bestückt, dann wird er von den Vertragsparteien gemieden. Werden Baugenehmigungen verschleppt, verzögert oder nur unter hohen Auflagen erteilt, dann suchen sich Vertragspartner künftig die Bauordnung ihrer Wahl. Und dauert der Handelsregistereintrag beim örtlichen Amtsgericht zu lange, wird künftig ein anderes gewählt. Der Druck des Marktes und des Wettbewerbs erzeugt ein besseres Rechtssystem für alle. Es wäre ein atmender Rechtsrahmen, der schlechtes Recht verschwinden ließe und gutem Recht zum Durchbruch verhelfen würde. Ludwig von Mises hat dies sehr gut auf den Punkt gebracht: „Aller Fortschritt der Menschheit vollzog sich stets in der Weise, dass eine kleine Minderheit von den Ideen und Gebräuchen der Mehrheit abzuweichen begann, bis schließlich ihr Beispiel die anderen zur Übernahme der Neuerung bewog.“

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Kommentare {15}

  1. Apropos Recht, dem Vernehmen nach hat Schäuble die deutschen Spareinlagen bei der EZB als Sicherheit hinterlegt.

    Einfache Frage: Darf der das?

    Wie organisiert man einen Volksentscheid gegen sowas, wäre dann die nächste Frage…

  2. So etwas gab es natürlich früher schon! Die deutschen Städte im Mittelalter hatten Lübisches oder Magdeburgisches Recht (Sachsenspiegel). Im übrigen waren alle Staaten im Mittelalter wohl Personenverbandsstaaten – mit jeweils unterschiedlichem Recht (Familienrecht!) für die einzelnen Religionsgemeinschaften (Christen, Juden, Muslime).

    Das Lübische Recht (auch Lübsches Recht) war das von der Reichsstadt Lübeck übernommene Recht, das in über 100 Städten im Ostseeraum Geltung erlangte. Das Recht der Stadt Lübeck selbst heißt „Lübeckisches Recht“.

    Es wurde aber abgeschafft, weil es zu kompliziert war! Denn man sich dann nämlich durchaus bei verschiedenen Verträgen in unterschiedlichen Rechtssystemen bedienen! Und man braucht auch immer jemanden, der dann die Rechtsdurchsetzung überwacht.

  3. Wettbewerb von Ideen. Insbesondere zum Wirtschafts-, Handels- und Steuerrecht. Glänzende Idee, Herr Schäffler; Ihre Beispiele überzeugend! Man muß sich natürlich genau anschauen, in welchen Sektoren und mit welcher Intensität ein Wettbewerb des Rechtes geschehen kann (faktisch geschieht er ja schon durch Staatssubventionen für unterentwickelte Regionen etwa in Deutschland-Ost) und vor allem nicht der Dammbruch allen Rechts eintritt: daß auf ein und demselben Staatsgebiet überall mit zweierlei oder dreierlei Recht gemessen wird. Sonderwirtschaftszonen wird es in der EU aber solange nicht geben, wie dort der Sozialismus und die Gewerkschaften das Sagen haben und es noch einen gibt, der die Arbeitslosigkeit und bürokratische Ineffizienz stets wieder ausgleicht. Bremen als Sonderwirtschaftszone – unmöglich in Deutschland, solange Bayern, BW und Hessen noch den Finanzausgleich für alle anderen finanzieren. Lieber soll alles verkommen. Das alte Lied.

  4. Schäffler hat wieder einmal zu viel Hayek gelesen!

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