Landtagswahlen – Anmerkungen zu einem Wahlabend in der Provinz

War das heute eine Kanonade von Valmy? Ist das Ancien Régime der Volksparteien zu Ende? Oder waren es bloß die Kanonaden von Mainz, Magdeburg, Stuttgart?

Herles fällt auf

In Valmy, einem beschaulichem Flecken in der Champagne, ereignete sich Anfang September 1792 Weltgeschichte. Obwohl eigentlich nicht viel geschah. Bloß ein Artillerieduell. Im Schlamm stecken geblieben waren die Armeen der französischen Revolution und der preußischen Verteidiger des alten Regimes. Nicht mehr als 184 gefallene Preußen und 300 Franzosen. Aber es war ein Wendepunkt: Die militärische Dominanz der europäischen Monarchien war beendet. Aber das wusste am Abend der Kanonade von Valmy noch niemand.

I.

Nach Ansicht der Wahlforscher von ARD und ZDF haben mehr als die Hälfte aller Bürger Angst vor einem zunehmenden Einfluss des Islam und einer Überforderung der Gesellschaft durch Zuwanderung. Aber weit weniger als die Hälfte der Wähler haben AfD und FDP gewählt, die einzigen Parteien, die diese Sorgen teilen. Heißt das, die AfD hat ihr Potential noch gar nicht ausgeschöpft? Oder taumeln die sogenannten Volksparteien durch eine Landschaft, die sie nicht mehr erkennen, weil sie sich verändert hat? Nach Sprachregelung der ehemaligen Volksparteien ist die AfD keine „demokratische“ Partei. Wollen sie so die Wähler zurückholen? Man könnte die Partei auch für einen Segen für die Demokratie halten, die eine außerordentlich Steigerung der Wahlbeteiligung bewirkt hat. Oder sind nur die Wähler Demokraten, die „richtig“ wählen statt rechts.

II.

Alle drei Amtsinhaber konnten sich behaupten, aber keine der drei amtierenden Koalitionen. Dafür gibt es ein Wort: Pyrrhussieg.

III.

Den zweiten Loser des Abend sollte man nicht ganz vergessen. Die Linke hat selbst im Stammland Sachsen-Anhalt zwei Fünftel ihrer Wähler verloren. Genügt den Deutschen eine einzige Protestpartei, egal, wo die steht?

Merkwürdig ist das schon: Die SPD verliert, ohne dass die Linke davon profitieren kann. Die AfD liegt nicht nur im Osten, sondern auch im Ländle vor der SPD. Den Parteien der kleinen Leute sind die kleinen Leute abhanden gekommen. Drei mal darf man raten, wo sie sind. Auch nicht bei der zumindest noch bundesweit stärksten der nun vier linken Parteien, der CDU.

IV.

Worte des Abends:

„Vor der Wahl geht es darum, was man will, nachher darum, was man muss“ (Winfried Kretschmann, Wahlsieger)

„Wir sind wach, wir sind dabei.“ (Julia Klöckner)

„Im Osten sind die wählerischten Wähler, die es überhaupt gibt.“ (Professor Korte, Parteienforscher, ZDF) AfD dort auf Platz zwei, weit über 20 Prozent.

„Es ist geschafft.“ (Jörg Meuthen, AfD Spitzenmann in Baden-Württemberg)

„Ich bin komplett auf der anderen Seite des Raumes“ (Stimme einer ARD-Reporterin aus dem Off in ein irrtümlich offenes Mikrophon)

Die aberwitzigste Reporterfrage (Bettina Schausten (ZDF): „Heißt dies, alle, die nicht AfD gewählt haben, also mehr als achtzig Prozent, unterstützen den Kurs von Angela Merkel?“ Sie sprach zuvor schon in ihrer Moderation von einem „Plebiszit für Angela Merkels Flüchtlingspolitik.“

V.

Warum sollte eine Weinkönig auch weinen? Julia Klöckner strahlt noch immer, als hätte sie die Kanzlerkandidatur der CDU gewonnen. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt unter kardinalsroter Jacke. Neben ihr strahlt Malu Dreyer. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt unter kardinalsroter Jacke. Das Notbündnis trägt Uniform.

Cem Özdemir (Grün) und Alexander Gauland (AfD) tragen, beieinander stehend, jägergrüne Schlipse. So sehen Sieger aus. Der CDU-Vorsitzende Strobel hat gar keinen Schlips mehr um. Als hätte man ihm den weggenommen. Oder weil die CDU keine bürgerliche Partei mehr ist, und das demonstrieren muss.

VI.

Noch ein Zitat: „Ein toller Tag!“ (Malu Dreyer). „Der tolle Tag“ ist Titel der Komödie von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, des berühmten, jahrelang verbotenen Stücks im vorrevolutionären Paris. Vertreter des Volkes nehmen es darin mit den herrschenden Eliten auf. Figaro in der Vertonung Mozarts: Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen? Der Wähler hat ein Tänzchen gewagt. Aber Frau Gräfin kann nicht tanzen. Sie ward heute Abend nicht einmal gesehen, obwohl sie doch auch Parteivorsitzende ist. Vielleicht feiert sie heimlich die grün-schwarze Koalition in Baden-Württemberg.

VII.

Dreißig Jahre nach der Kanonade von Valmy, an der als Beobachter der deutsche Schriftsteller Goethe teilgenommen hatte, veröffentlichte der in seinem Bericht „Kampagne in Frankreich“ den berühmten Satz: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ War das heute eine Kanonade von Valmy? Ist das Ancien Régime der Volksparteien zu Ende? Oder waren es bloß die Kanonaden von Mainz, Magdeburg, Stuttgart? Wir werden keine dreißig Jahre warten müssen, um es zu wissen. Sind aber schon dabei gewesen.

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Kommentare {46}

  1. Von der Leyen war am Wahlabend auf dem richtigen Weg.

    Die “nun vier linken Parteien” – das sitzt – sollten sich auch offiziell zusammenschließen zur MEP (Merkelsche Einheitspartei Deutschlands) oder – ehrlicher – zur MEF (Merkelsche Einheitspartei Fremdlands).

  2. Lieber Herr Goergen o. V. i. A.,

    was haben Sie denn gegen den von mir angeregten formalen Zusammenschluss der “nun vier linken Parteien” zur Merkelschen Einheitspartei?

  3. Dieses Land, besser: seine selbsternannte moralische Elite hat ihre Meisterin gefunden. Niemals werden sie ihr Mantra von der Hilfsbereitschaft allen gegenüber aufgeben. Diese Hilfsbereitschaft ist unverhandelbar, sie ist grundlegend, um sie dreht sich alles und wer sich diesem moralischen Sog verweigert, dem wird man sich in diesem und im folgenden Leben nie und nimmer beugen. Die werden immer die Schlechten bleiben und jene die Guten. Mag man beschwören, dass man doch selbst auch im Einzelfall edel, hilfreich und gut sei, aber niemals im “Massenanfall Geschädigter”: dort gehört der Realität des Hartherzigen, des Ausgrenzenden, des Selektierenden, ja des Diskriminierenden das Wort. Finden wir auch schlimm, geht aber nicht anders: sonst Katastrophe. Hat nicht auch Noah lediglich 1 Paar von jedem Tier (keine Pflanzen?) an Bord genommen und die Kinder der Tiere davongejagt, als “alles darauf ankam”?
    Davon wollen wir nichts hören!

    Wer sind “die einen” und wer “jene anderen”?
    Die einen sind weiblich, bunt, ewig jung, entscheiden gefühlig, haben kein Gefühl fürs Geldverdienen, lieben Fahrräder, haben einen Hang zum Religiösen, Mystischen, Esoterischen, weinen gerne und reden viel und laut.
    Jene anderen sind männlich, weiß, alt, entscheiden realistisch, lieben Geld und Autos, misstrauen allem Religiösen, Mystischen, Esoterischen, können nicht weinen und könne sich verbal nicht zur Wehr setzen.

    Zur Zeit führt das Weibliche das Wort und der Weg geht in die Katastrophe.

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