Wie ich aus der Gender-Falle hüpfte

In der Steigerung der Höflichkeit von Männern Frauen gegenüber scheint die Lösung zu liegen, nicht in ihrer Vermeidung.

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Höflichkeit ist für den modernen Mann ein gefährliches Unterfangen geworden: Was gestern noch als charmant galt, als untrügliches Zeichen eines charakterfesten Kavalierverhaltens, wird heute gern als gestrig verspottet oder gar als frauenverachtend gebrandmarkt — und ruck zuck hast du eine Sexismusklage am Hals! Ich bin überzeugt, das folgende Erlebnis werden einige so oder ähnlich kennen…

In einer Bahnhofshalle sah ich vor Wochen an einer zum Gleis führenden Treppe eine junge Frau mit schwerem Gepäck, bereits die erste Stufe machte ihr sichtlich zu schaffen. Klarer Fall, dachte ich und fragte sie wohlerzogen: „Kann ich helfen?“ Antwort: „NEIN, das schaffe ich schon alleine!“ Es war kein artiges Ablehnen eines Hilfsangebotes, es war das brüskierte Zurückweisen einer (so empfunden) hundsgemeinen, männlichen Unterdrückungsoffensive. Ich war verwirrt, wähnte mich aber zumindest im Glauben, nichts grob Falsches getan zu haben. Ein paar Tage später exakt die gleiche Situation: „Kann ich helfen?“ Diesmal schlug mir ein aggressiv keifendes „Nää“ entgegen gepaart mit Zähnefletschen und aufgerissenen Augen. Herrschaftszeiten, darf man(n) einer Frau heute nicht mal mehr Hilfe anbieten, ohne gleich als zeigeistinkompatibler Macho mit niederträchtigsten Absichten wahrgenommen zu werden?

Nüchtern gesehen ist die Ausgangslage klar: Männer sind grundsätzlich stärker und größer als Frauen und haben dadurch eine gottgegebene Hilfestellungspflicht. Ich weiß, jetzt werden einige sagen: „Stimmt ja gar nicht, ich hab’ da ‘ne Freundin, die hat ‘ne Cousine, die ist Basketballerin, und das lässt sich alles nicht verallgemeinern und …“ Doch, doch, das Meiste im Leben lässt sich leider sehr wohl verallgemeinern, denn ein Grundsatz bleibt ein Grundsatz, daran ändert auch das Basketballnationalteam der Frauen nix! Aber: Sogar die prägnanteste Realität bekommt Probleme, wenn eine widerborstige Ideologie sich ihr in den Weg stellt. Ich begann zu beobachten — und habe das gleiche Spielchen immer aufs Neue gesehen: Männer bieten mit Worten, Blicken oder per Handreichung ihre Dienste an, um anschließend von Frauen in Schach gehalten zu werden, stets nach dem Motto: „Wir brauchen euch nicht, wir sind stark genug, und ihr wollt doch eh alle nur das Eine!“ Mag sein, dass wir Männer letztlich das Eine wollen, doch eine prompte Umsetzung dieses Ansinnens im Klo der S6 nach Essen-Kettwig vermag auch jeder noch so einfach gestrickte Kerl zumindest als unrealistisch einzuschätzen. Es geht erstmal um Aufmerksamkeit, und (zugegeben) ebenso um das kostenlose Erhaschen eines kurzen Frauenlächelns, das es für den geleisteten Hilfsdienst potentiell zurück gibt. So war der Deal für lange Zeit in der Geschichte der Menschheit: Wir schleppen, sie lächeln. Win Win. Was gibt es Schöneres für einen Mann als das Lächeln einer Frau? Nur dafür leben wir doch! VORBEI, OVER, OUT, alles ist komplett vermainstreamt. Ich beschloss, nach meinen jüngsten Ablehnungserfahrungen fortan durch konsequente Tatenlosigkeit der drohenden weiblichen Verdammnis zu entgehen. Tja, so leicht kommst du als Mann aber nicht davon …

Letzte Woche saß ich im Abteil des HKX nach Hamburg — ausschließlich mit jungen Frauen. Eine davon stand nach ihrer Ankunft mit ihrem Trolly gleich neben meinem Sitz und blickte zum Gepäcknetz, hievte, senkte, hievte, senkte, machte „uff“. Ich schaute weg. Zeitgemäßes Handeln meinerseits, dachte ich, man(n) will ja niemanden beleidigen. Irgendwann ergriff die traute Madame das laute Wort: „Boah, können Sie mir vielleicht mal helfen, ey?“ Die anderen Frauen verdrehten sämtlichst die Augen als wollten sie sagen: „Männer heutzutage sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“ Wie du’s machst, ist es falsch! Ich steckte fest in der Gender-Falle.

Montag früh dann am Flughafen München: wieder ich, wieder Frau, Treppe, Trolly. Was nun? Plötzlich kam mir eine Eingebung, und ich benützte die Bandbreite unser Sprache: „DARF ich Ihnen helfen?“ Mit diesem Worttrick war meine Offerte nicht als miese, frauenverachtende, da Unterlegenheit verheißende fossile Floskel misszuverstehen, nein, ICH war jetzt derjenige, der die Dame um einen Gefallen ersuchte. „DARF ich Ihnen helfen?“ Antwort: „Ja!“ Ich frohlockte. Ist doch immer wieder faszinierend, was die passende Wortwahl alles zu leisten imstande ist. Also, liebe Restmänner, fragt einfach „DARF ich?“ statt „KANN ich“ oder „SOLL ich“! Es versetzt die Frau nicht in Ablehnungszwang, denn SIE ist es ja, die uns hier etwas Gutes tun kann. Sie erlaubt, du darfst — toll! Mit fremdem Frauenkoffer in der Hand blieben mir auf dem Weg zur höchsten Stufe ein paar Sekunden zum Nachdenken: Wenn SIE mir also hier mit dieser Aktion einen Gefallen tut, sollte ich mich gleich dann nicht auch konsequenterweise bei ihr bedanken? Und was wird dann passieren? „Vielen Dank“, sagte ich oben. Sie lächelte.

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Kommentare {32}

  1. Der Unterschied zwischen “können” und “dürfen” ist das klitzekleine Hebelchen, das die zwischenmenschlichen Türen öffnet. Richtig gemacht, Kompliment. Ich mache es auch so.

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