Im Stich gelassen

Sandkasten Brüssel: So schnell wird aus einem überzeugten Europäer ein Nationalist - nur weil die anderen uns das Förmchen geklaut haben?

Fehlender Stern in EU Fahne, Flagge Unions Austritt

Wenn es etwas gibt, das „typisch deutsch“ ist, dann ist es nicht das Oktoberfest, es sind nicht die „Meistersinger“ von Wagner und auch nicht Ausdrücke wie „Willkommenskultur“, „Trauerarbeit“ und „Zivilgesellschaft“. Es ist eine aggressive Form der Wehleidigkeit, der Wunsch, sich zum Opfer zu stilisieren, das seinen Nachbarn so viel Gutes angetan hat und dafür nichts als Undank erntet. Darum ging es auch in der letzten „hart aber fair“-Sendung mit Frank Plasberg: „Wohin mit den Flüchtlingen – lässt Europa uns im Stich?“ Und am heftigsten lassen „uns“ ausgerechnet die Staaten im Stich, die uns am meisten verdanken, nämlich ein paar friedliche und erholsame Jahre unter deutscher Vormundschaft: Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn. Rolf-Dieter Krause, der seit gefühlten 1000 Jahren für die ARD aus Brüssel berichtet, brachte es auf den Punkt:

“Und das ist ein Problem, das wir jetzt haben. Und ich sage, das ist gefährlich. Ich glaube, dass die Menschen, die da sitzen (zeigt ins Publikum), dass die deutschen Menschen, ganz normale, keine Journalisten, keine Politiker, die registrieren sehr genau, ob unser Land jetzt allein gelassen wird mit diesen Dingen oder nicht. Und dieses ist ein Land, das in Europa bisher immer solidarisch war, enormer-weise… Und die Folgen, die das hat, in unserem Land: Können sie sich vorstellen, dass eine deutsche Regierung es dann, wenn wir alleine bleiben, noch mal schaffen kann, vor ihren Wählern zu vertreten, dass die solidarisch ist gegenüber Ländern, die mit uns nicht solidarisch waren? Ich halte das für fast unmöglich. Und dann muss man sich überlegen, was das für Europa bedeutet…”

Faszinierend zu beobachten, wie schnell ein bekennender Europäer zum Deutschen regrediert. Dabei lässt er unter den Tisch der eingeforderten Solidarität fallen, dass Deutschland mehr als jedes andere Land in Europa von der EU profitiert und sich zu einem Hegemon entwickelt hat. Und nun, da die anderen nicht mitmachen wollen bei der „fairen Umverteilung“ der Flüchtlinge, wird der Pate böse. Er droht damit, die Koffer zu packen und woanders hinzuziehen. Sollen doch die Europäer zusehen, wie sie alleine klarkommen!

Solidarität ist keine Einbahnstraße. Und Geisterfahrer, das sind immer die anderen.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche/ Achse des Guten

Unterstützung
Wenn Ihnen unser Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie diese Form des Journalismus.
oder

Kommentare {29}

  1. “typisch deutsch“ – Herr Broder weiß es wie immer ganz genau, was da alles in der deutschen Seele wabert. Dabei muss man eines ganz klar herausstellen: Fast alle Bürger der Mitgliedsstaaten der EU konnten irgendwann über die Mitgliedschaft in der EU, über die EU-Verträge, darüber, ob sie Geld von der EU annehmen wollen (Griechenland), etc. persönlich und direkt abstimmen – manche sogar mehrfach. Nur wir Deutschen durften weder über die EU-Verträge, noch über die Zahlungen zur Euro-Rettung, noch über die Griechenland-Rettung, noch über die EZB-Verträge, noch über TTIP, geschweige denn über die Einladung an alle Mühseligen und Beladenen dieser Welt zur Einwanderung in unser Land abstimmen. Wir sind schlichtweg niemals befragt worden. Man hat uns all diese Entscheidungen einfach über den Kopf gestülpt. Nicht einmal unsere gewählten Vertreter im Bundestag durften das in den oben genannten Fällen mit entscheidenden, ja sie hatten nicht einmal Zugang zu den Vertragstexten, um die es dabei ging (z.B. EZB-Ermächtigung, TTIP). Stattdessen hat die Schwarz-Rote Regierung, getrieben durch die von Moraltestosteron aufgeladenen Ideologen von Linke bis Grün – in all diesen Fällen ihre verhängnisvolle Alternativlos-Politik betrieben, die den bürgerlichen Konsens in unserem Land und Europa zerstört und die Rechtstaatlichkeit schrittweise erodiert.
    Herr Border mag vielleicht nachvollziehen können, was in den Seelen obiger Polit-Protagonisten vorgeht, aber zu wissen, was den Bürger hierzulande anficht, ist eine maßlose Anmaßung. – Eben, typisch Broder.

  2. Unmittelbar nach Merkels “Einladung an alle” hat Broder das Problem in der ihm eigenen Art genial auf den Punkt gebracht:”Wer nur Mitleid hat, hat keinen Verstand!”soll das nicht mehr gelten? Merkel hat “dieGeister in völlig unverantwortlicher Weise “gerufen”, Wird sie nun nicht los” und sucht jetzt in den europ.Nationalstaaten den “Hexenmeister”, der alles wieder “gut macht” Den wird es aber anders als in Schillers Ballade nicht geben !

  3. Ein Rechtsstaat braucht einen Geltungsbereich. Das gilt auch fuer eine Staatengemeinschaft. Dieser Rechtsraum existiert in Form von Grenzen, die der Rechtstaat schuetzen muss. Wer den Schutz der Grenzen aufgibt, jeden reinlaesst, registriert oder unregistriert, gibt den Rechtsstaat auf!

    Frau Merkel hat jeden Anspruch verloren, einen Staat zu fuehren.

    Mehr als die Person Merkel erschuettern mich allerdings die Parlamentarier, Parteimitglieder, Journalisten, Unternehmer und andere exponierte Mitglieder unserer Gesellschaft, die eine solche Entwicklung zugelassen haben.

    So habe ich mir Demokratie einfach nicht vorgestellt.

  4. Eines der Probleme ist, daß die Teilnehmer an den Geschwätzrunden immer die selben sind. Auch Herr Krause ist viel, nachdem er “Meinung” bereits durch seine Nachrichten beeinflusst hat, viel zu oft im Fernsehen gesehen. Es fehlen denkende Bürger, die nicht gleichzeitig Parteimitglieder sind, oder sogenannten NGOs angehören – einfach die Mitte der Gesellschaft – die der Nadelei von Frau Illner und Ihresgleichen entgegenhält.
    So wie es jetzt ist, ist das Ganze ein zwangsfinanzierter Popanz der sein angebliches “Diskussionsversprechen” nicht einlöst (bzw. einlösen kann). Das ergibt sich zwingend bereits aus der Auswahl der Diskutanten (und des Moderators), die den Diskussionverlauf bereits vorab in groben Zügen implizieren (meist 4:1 oder 5:1). Ich schalte solche Sendungen meist sofort wieder ab. Die Frechheit ist, daß ich sie zwangsfinanzieren muß.

    1. Hallo Herr / Frau D. Pohl,

      ich möchte nur kurz Ihr Statement zur Zwangsfinanzierung der ÖR Rundfunkanstalten aufgreifen.

      Ich, für meinen Teil habe Herrn Dr. Stefan Wolf (Geschäftsführer des Beitragsservices mit Sitz in Köln) dazu aufgefordert, mir eine Stellungnahme (wie und bis wann) zur Beseitigung der offensichtlichen Missstände zu übersenden und kund getan, dass die Zwangszahlungen bis dahin ausgesetzt werden. Sicherlich wird dieses Unterfangen nicht mit Erfolg gekrönt werden, allerdings drückt es meinen Unmut zur momentanen Informationsstrategie der ÖR wider.

      Die erste Rückantwort ließ nicht lange auf sich warten, so wurde mir mitgeteilt, das mein Erstanschreiben Herrn Dr. Stefan Wolf vorläge, der Beitragsservice für die Programmgestaltung und derer Inhalte nicht verantwortlich sei und ich statt 52,50€ jetzt nun 56,50€ zu zahlen hätte.

      Gestern (22. Februar 2016) formulierte ich daraufhin das erste Gegenanschreiben. Im Wesentlichen enthält es die Unterstellung, das zwischen dem Beitragsservice und den ÖR Rundfunkanstalten in irgendeiner Weise ein Informationsaustausch stattfinden muss, sodass ein konsolidiertes Statement möglich sein sollte.

      Ich untermauerte also nochmals die ausdrückliche Aufforderung zu einem Statement wie oben erwähnt.

      Ich lass in einem Kommentar, dass allein die Erkenntnis und das Bewusstsein, nichts ändern wird, dem versuche ich hiermit entgegenzutreten, auch auf die Gefahr hin, das meine Person bei den ÖR zur “Persona non Grata” deklariert wird :-).

      Hiermit möchte ich alle Gleichgesinnte auffordern in ähnlicher Weise aktiv zu werden und hoffe auf die Macht der Massen mit gesundem Menschenverstand.

      Hoffen wir das Beste und gehen vom Schlimmsten aus.

  5. Ich habe die Sendung gesehen und genau das von ihnen gewaehlte Zitat fand ich merkwuerdig.
    Die Deutschen sind bei all dem doch gar nicht gefragt worden.
    Wie kann er annehmen zu wissen was die Deutschen fuehlen.
    Ich habe die EU immer skeptisch betrachtet, aber gerade macht es richtig Spass.
    Merkel und ihre unglaubwuerdige Menschlichkeit.
    Ein Glueck dass andere Staatsoberhaeupter ihre Laender lieben oder zumindest Angst vorm Waehler haben.
    Der 13, Maerz wird in die Geschichte eingehen.

  6. Zumal ich als ganz normale Menschin vor keiner der bisherigen “Solidaritätsbekundungen” gefragt worden bin und wohl auch in der Zukunft nicht gefragt werden würde. Witzig, Herr Krause!

Kommentare sind geschlossen.