Deutsche Depression

Die deutsche Krankheit könnte man als manisch-depressiv bezeichnen: Mal sind wir himmelhoch-jauchzend („Wir sind Papst“, „Wir sind Weltmeister“), mal haben wir Versagensängste und trauen uns selbst nicht mehr über den Weg.

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Will man die Gegenwart erklären, muss man in die Vergangenheit schauen. Es ist wie beim Psychologen: Diagnostiziert dieser beispielsweise eine Depression, liegen die Ursachen oft in der Vergangenheit, meistens sogar in der Kindheit. Ähnlich ist es mit einem Staat, einer Gesellschaft. Auf Deutschland bezogen nennen wir diese Krankheit einfach „deutsche Depression“. Wie äußert sich diese und wie wirkt sie sich auf unser tägliches Leben aus? Sie ist der Grund für viele Missstände, die wir gerade erleben.

Das deutsche Trauma ist nach wie vor das “Dritte Reich”, vor allem in Person von Adolf Hitler. Nein, das wird keine Geschichtsrelativierung, im Gegenteil. Die Freiheit des Individuums und unsere Demokratie sind das wichtigste Gut. Beide sind allerdings in Gefahr – und es besteht ein Zusammenhang mit der deutschen Geschichte. Die deutsche Krankheit könnte man als manisch-depressiv bezeichnen: Mal sind wir himmelhoch-jauchzend („Wir sind Papst“, „Wir sind Weltmeister“), mal haben wir Versagensängste und trauen uns selbst nicht mehr über den Weg.

So viel Verleumdung war lange nicht

So wie im Moment. Faschist, Nazi, Gutmensch usw. – sind Begriffe, die man 100-mal am Tag liest. Ich habe in keinem Zeitpunkt meines Lebens so viele Menschen gesehen, die als Nazis, Faschisten oder Rassisten tituliert wurden. Dabei bin ich mir sicher, dass sie das meist nicht sind. Ist das die tolerante und aufgeschlossene Gesellschaft? Ich sehe das nicht so. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der man sagen durfte, was anderen nicht gefallen musste. Sie das aber zu tolerieren hatten und lernen mussten, mit anderen Meinungen und Ansichten umzugehen. Das ist unsere Aufklärung, das Goldstück unserer Gesellschaft, in der Humanismus und Freiheit selbstverständlich waren.

Und all das wird gerade von drei Seiten angegriffen: von Islamisten, von Rechtsextremen und von Vertretern der Political Correctness, unter die ich auch das linksextreme Spektrum subsumiere. Dieser Tage ist man für einige schon ein Nazi, wenn man den radikalen Islam kritisiert oder die Sorge äußert, dass wir es vielleicht nicht schaffen werden. Auch der Ägypter Hamed Abdel-Samad ist für einige ein Nazi. Bezeichnend, dass es ausgerechnet “linke Urdeutsche” waren, die ihn vor einem Vortrag vor ein paar Wochen angriffen. Wer sind denn jetzt die wahren Rassisten? Abdel-Samad? Faschistische Züge haben eher diejenigen, die ihn mundtot machen wollen –- und da sind sich Islamisten und die Vertreter der Political Correctness erschreckend einig.

Die politische Korrektheit macht eine ehrliche und offene Debatte unmöglich. Sie lähmt den Diskurs. Viele trauen sich nur hinter vorgehaltener Hand, Dinge beim Namen zu nennen. In den Talkshows sind es fast nur Menschen mit Migrationshintergrund, die den Islam kritisieren. Gegenüber der Mehrheitsbevölkerung herrscht in den Medien und in der Politik eine Gesinnungsethik, die einerseits dem eigenen Volk nicht über den Weg traut, andererseits aber von Fremden, die nie auch nur die Spur von religiöser Freiheit erlebt haben, die Heilung des eigenen Schuldgefühls erwartet.

Ein realistisches Bild ist nötig

Medien und Politik haben es von Anfang an versäumt, den Menschen ein realistisches Bild der Flüchtlinge zu vermitteln. Man konnte den Eindruck gewinnen, es kämen nur Familien mit Kindern oder Akademiker. Von Gewalt in Flüchtlingsheimen wurde ebenso wenig berichtet wie über gewalttätige Migranten. Eine Integration von Millionen mehrheitlich muslimischer Einwanderer in Deutschland wird angesichts der bereits bestehenden Parallelgesellschaften gar nicht möglich sein. Neben Menschen, bei denen die Integration gelingen wird, werden durch den Flüchtlingsstrom auch islamischer Extremismus, arabischer Antisemitismus, nationale und ethnische Konflikte sowie ein vollkommen unterschiedliches Rechts- und Gesellschaftsverständnis importiert.

Islamkritik wird als Rassismus abgetan. Dabei wird übersehen, dass der Islam keine Rasse, sondern eine Religion mit politischem Herrschaftsanspruch ist. Wenn ein Muslim einer Frau nicht die Hand gibt, weil sie eine Frau ist, ist man nachsichtig. Das Gleiche gilt, wenn ein muslimischer Flüchtling kein Essen von weiblichen Helfern annehmen will. Man stelle sich dagegen vor, eine Weiße würde einem Schwarzen nicht die Hand geben, weil er schwarz ist. Oder ein Nichtjude würde einen Juden nicht berühren wollen, weil er Jude ist. Der Aufschrei wäre zu Recht riesengroß. Umgekehrt bleibt er jedoch aus – im Gegenteil: Kritisiert man das, gerät man noch selbst in den Verdacht, rassistisch zu sein, weil man den Islam kritisiert.

Auch Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus bei Muslimen scheinen plötzlich nicht mehr so schlimm zu sein. Dass muslimische Mädchen nicht am Schwimmunterricht und an Klassenfahrten teilnehmen, ist für viele kein Problem. Die Verschleierung ist für viele leider kein Symbol der Unterdrückung der Frau, sondern ein sympathisches Bild von Multikulti. Dabei ist es auch das Kopftuch, das den Körper der Frau übersexualisiert und unverschleierte Frauen in den Augen konservativer Muslime als unmoralisch darstellt. Solche Sichtweisen führen zu den Verbrechen gegenüber Frauen, die wir an Silvester in zwölf Bundesländern erlebt haben. Wie das erst im Sommer werden soll, wenn Frauen und Mädchen naturgemäß weniger anhaben, verrät uns die Politik nicht, sagt stattdessen: „Wir schaffen das“ und „Wir haben kein Sicherheitsproblem“.

Bitte kein doppeltes Maß

Anderes Beispiel: Man stelle sich vor, in Köln hätten 1.000 Deutsche muslimische Frauen aufgrund ihres Aussehens sexuell belästigt, begrapscht, ausgeraubt und vergewaltigt – und dazu noch eine Moschee mit Raketen beschossen. Der Aufschrei wäre wieder zu Recht riesengroß, unendlich viel größer als der Aufschrei jetzt. Man stelle sich dann aber Leute vor, die diese Vorfälle relativierten und behaupten würden, das sei alles kein Problem einer spezifischen Gruppe, weil es so etwas zum Beispiel auch auf dem Oktoberfest und in anderen Bereichen der Gesellschaft gebe. Man müsse allgemein über Sexismus reden und dürfe das Problem jetzt nicht ausschließlich bei den Deutschen suchen. Jeder, der so argumentierte, würde allenthalben als Nazi oder Geisteskranker tituliert werden.

Umgekehrt findet man diese Relativierer aber in allen Bereichen der Gesellschaft, vor allem in den Medien. Woran liegt es, dass mit zweierlei Maß gemessen wird? Warum findet eine ehrliche Debatte nicht statt? Warum fordern wir als Gesellschaft nicht ausnahmslos ganz klar unsere Werte bei der Integration ein? Warum haben wir so wenig Vertrauen in unsere Demokratie? Passiert ein Terroranschlag oder Verbrechen wie in Köln, wiederholen die Gesinnungspolizisten fast gebetsmühlenartig den Satz, das habe alles nichts mit dem Islam oder der Herkunft zu tun. Viele wollen gar keine klare Analyse der Verhältnisse, weil die Konsequenzen entweder nicht in die eigene Weltanschauung passen oder weil sie zugeben müssten, dass sie mit ihrer anfänglichen Einschätzung der Flüchtlingswelle völlig danebenlagen.

„Wir geben den Migranten einfach das Grundgesetz auf Arabisch oder übersetzen die Neujahrsansprache entsprechend“, das war und ist der Tenor. Dass viele der jungen männlichen muslimischen Flüchtlinge außer ihrer Mutter noch nie eine unverschleierte Frau gesehen und auch keinen Respekt vor westlich gekleideten Frauen haben, wird nicht realisiert oder es herrscht die Naivität vor, das könne man mit ein paar Integrationskursen schon hinbekommen. Selbst sachliche kritische Stimmen wurden unter „Dunkeldeutschland“ oder „Pack“ subsumiert. In den sozialen Netzwerken radikalisierten sich die Fronten weiter. Pegida und die Erfolge der AfD sind die Konsequenz dieser gescheiterten Debattenkultur – und nicht zuletzt ist auch die CDU schuld, die sich unter Merkel immer mehr nach links bewegt.

Wir haben keine konservative Partei mehr. Es ist wie auf einem Boot: Wir drohen zu kentern, weil sich alle auf der “korrekten” Seite drängeln. Die politische Korrektheit geht Hand in Hand mit einer Portion Verachtung Deutschland gegenüber. Ihre Vertreter schmücken sich auch oft mit einem Helfersyndrom, das ihnen ein moralisches Überlegenheitsgefühl gibt. Kritische Stimmen haben nichts zu melden, denn auch wenn gerade die Anhänger der politischen Korrektheit sich so gern gegen Pauschalisierung wenden, tun sie umgekehrt genau das: Sie diffamieren jeden Kritiker als „rechts“.

Demokratie braucht die ehrliche, offene Debatte

Das kollektive schlechte Gewissen aufgrund des Dritten Reiches wird instrumentalisiert, obwohl teilweise noch nicht einmal die Generation unserer Eltern zu der Zeit lebte. Das schlechte Gewissen wurde uns eingetrichtert. Wir haben Hitler in der Schule gefühlt ein Dutzend Mal durchgenommen: in Sozialkunde, Geschichte, Religion, Deutsch, Ethik, Politik. Zumindest mir kam es vor, als bestünde die deutsche Geschichte zur Hälfte aus diesen zwölf Jahren. Ich möchte Hitler nicht relativieren, denn er ist einer der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte. Aber gerade deshalb können wir doch glücklich sein, dass wir jetzt in einem demokratischen Land leben – im Herzen von Europa, umgeben von Freunden, die einst Feinde waren.

Unsere einzige Pflicht als Gesellschaft besteht darin, unsere Demokratie zu bewahren, zu der auch eine ehrliche Debattenkultur gehört. Wenn aber die Vertreter der Political Correctness Themen und Meinungen tabuisieren, kann diese Debatte nicht mit der nötigen Offenheit geführt werden. Die Gesellschaft radikalisiert sich. Es passiert genau das, was wir gerade erleben. Ein schwacher Staat mit Helfersyndrom und uneingeschränkter, missverstandener Willkommenskultur, der nicht in der Lage ist, seine Grenzen zu schützen und kriminelle Flüchtlinge abzuschieben, vergiftet die Stimmung zusätzlich. In der öffentlichen Wahrnehmung werden fast diejenigen als schlimmer angesehen, die Straftaten von Migranten benennen als diejenigen, die sie verüben. Die Vertreter der Political Correctness schaden damit unserer Demokratie mehr als jeder im politisch Rechts genannten Spektrum.

Demokratie bedeutet auch Streit und verschiedene Meinungen in einer ehrlichen und sachlichen Debatte. Menschen, die diese aber aufgrund von Tabuisierungen verhindern, sind Karrieristen oder haben nicht verstanden, wie Demokratie funktioniert. „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Dieser Satz von Voltaire sollte unser Leitsatz sein. Viele haben ihn dieser Tage vergessen. Sie haben die „deutsche Depression“.

Markus Hibbeler arbeitet als Fotograf in Oldenburg für Presse und Firmen.

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Kommentare {21}

  1. Welche Ironie in dieser ‘Depression’ liegt hat Sebastian Haffner 1978 in seinen ‘Anmerkungen zu Hitler’ sehr schön beschrieben.

    Zuerst zitiert er Hitler vom 27.11.1941: “Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden.”
    Im März 1945 gab Hitler dann den Vernichtungsbefehl gegen das eigene Land, den ‘Nero-Befehl’. Er forderte die totale Zerstörung aller Lebensgrundlagen der Deutschen durch die eigenen Truppen (Speer widersetzte sich).

    Diesen Wahnsinn ordnet Haffner folgendermassen ein (letzter Absatz im Buch):
    “Die Vernichtung Deutschlands war das letzte Ziel, das Hitler sich setzte. Er hat es nicht ganz erreichen können, so wenig wie die seine anderen Vernichtungsziele. Erreicht hat er damit, dass Deutschland sich am Ende von ihm lossagte – schneller als erhofft, und auch gründlicher. […] Dreiunddreissig Jahre nach Hitlers Selbstmord hat niemand in Deutschland auch nur die kleinste politische Aussenseiterchance, der sich auf Hitler beruft oder an ihn anknüpfen will. Das ist nur gut so.
    Weniger gut ist, dass die Erinnerung an Hitler von den älteren Deutschen verdrängt ist und dass die meisten Jüngeren rein gar nichts mehr von ihm wissen.
    Und noch weniger gut ist, dass viele Deutsche sich seit Hitler nicht mehr trauen, Patrioten zu sein.
    Denn die Deutsche Geschichte ist mit Hitler nicht zu Ende.
    Wer das Gegenteil glaubt und sich womöglich darüber freut, weiss gar nicht, wie sehr er damit Hitlers letzten Willen erfüllt.”

    Wie gesagt, diese Ironie hat Haffner bereits 1978 beschrieben, und sie wird von Vielen, die ihre Parteien mantrahaft zu den “demokratischen” zählen, noch heute übersehen.
    Und diejenigen, die sich lauthals Patrioten nennen, zeigen oft nur den Anti-Reflex der Verherrlichung des erfreulicherweise überwundenen Wahnsinns.

    Wir sollten den eigentlich angebrachten ‘Europäischen Patriotismus’ nicht den Pegiden überlassen, und auch nicht der AfD, das ist alles zu klein gedacht, zu nationalstaatlich, wie auch LePen etc.
    Und ja, das wäre dann eben schon ein ‘Kulturpatriotismus’, säkular und aufgeklärt, der sich stark vom politischen Islam abgrenzt, und diesen auch ausgrenzt, denn “Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt” wie Thomas Mann im Zauberberg schrieb.

  2. Die Menschen, die nachsichtig “den Islam” für das schändliche Verhalten vieler Männer als Erklärung heranziehen, benehmen sich derart herablassend, als ob sie es mit behinderten Kindern zu tun hätten. Die Muslime können sich beruhigt zurücklehnen und die deutschen Dummköpfe belächeln. Das tun sie wahrscheinlich ohnehin, da sie die Deutschen zwar jederzeit beschimpfen, aber auch jederzeit die Unterstützungsleistungen annehmen. Da muß man sich ja für besonders schlau halten und die Gebenden verachten.

  3. „Depression“ hin, „Narzissmus“ her, man braucht gar nicht erst die Psychologie zu bemühen, das Grundproblem des „Deutschen“, des Deutschen im allgemeinen wie im besonderen, ist meines Erachtens darin zu sehen, dass er sich wegduckt vor dem, der als einziger seine Seele genesen lassen könnte. Gemeint sein kann nur Gott, und zwar nicht der von den Kanzeln eines Großteils der Kirchen gepredigte, sondern der dem Wahrheit Suchenden in der Bibel begegnende. Beispielsweise im ersten Brief des Johannes, Kapitel 1, Vers 9:

    „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.“

  4. Ich habe eben nach langer Zeit mal wieder “Maischberger” geschaut… Hätte ich nicht tun sollen !

    In unserem “demokratischen” Land ist es unmöglich, einfach mal Argumente auszutauschen, ohne denjenigen, der “auf der anderen Seite” steht, sofort zu diffamieren oder persönlich zu werden.

    Ein Vor-Kommentator schrieb sinngemäß, dass er sich als Westdeutscher so langsam vorstellen kann, wie es in der DDR gewesen sein muss.
    Ich kann ihm als Ossi nur zustimmen – Medien meist undifferenziert in dieselbe Richtung tendierend, gestern ein Professor, der aufgrund eines ungeplanten Statements an Fr. Merkel gerichtet nun juristische (!) Konsequenzen seiner Uni befürchten muss, Demos und aggressive Gegendemos und so ließe sich das ewig fortsetzen.
    Und heute dann eben Maischberger – Stegner und Augstein ohne Argumente, dafür aber Phrasen und Beleidigung, sowohl der übrigen Teilnehmer, als auch der Intelligenz der Zuschauer, orchestriert von Maischberger – ein weiteres mediales Desaster.

    Die Gesellschaft ist in – mehr oder weniger – zwei Lager gespalten und unfähig miteinander zu diskutieren und um Lösungen zu ringen. Das beginnt bei den polit. und wirtschaftl. Eliten und setzt sich quer durch fast alle Schichten fort.

    Wir sind in Europa total isoliert und tun immer noch so, als wären wir allein und es gäbe nichts zu diskutieren – WARUM ist das so und WAS kann jeder Einzelne dazu beitragen, dass sich das ändert?

    Ich werde morgen einen Mitgliedsantrag bei der Partei stellen, der ich unterstelle, derzeit allein auf weiter Flur eine liberal-konservative Politik zu vertreten und dabei auch Diskussionen nicht nur zulässt, sondern auch dazu ermutigt.
    In dieser Partei gibt es auch Menschen und Aktionen, mit denen ich nicht einverstanden bin. Aber genau deshalb braucht sie hoffentlich liberale, konservative Demokraten, die dazu beitragen, dass endlich diese gesellschaftliche Gruppe wieder eine polit. Heimat und damit auch endlich mehr Einfluss bekommt.

    Vielleicht ist dieser Entschluss naiv, aber nur auf dem Sofa sitzen und Kommentare auf Tichys “Licht”blick posten, reicht für Veränderungen immer weniger aus.

    P.S. Ein großes Kompliment an die Autoren dieser Seite – auch für diejenigen (Hr. Spahn beispielsweise), deren Meinung ich meist nicht teile. Ihnen allen gelingt ein tägliches jounalistisches Highlight !

  5. Ich habe dazu eine Anmerkung: Vor ein paar Tagen ist direkt am Kudamm in Berlin ein Obdachloser erfroren. Über seine Nationalität muss ich wohl nichts sagen.

  6. Zur Diagnose: Ich selbst halte die deutsche kollektive psychische Störung nicht für eine Depression oder eine manisch-depressive Erkrankung, sondern für eine Persönlichkeitsstörung im Bereich der Störung des Selbst(wert)gefühls.

    Meine Lieblingsdiagnose für die deutsche kollektive Psyche ist die einer narzisstischen Störung, und zwar einer solchen, in der eine tiefe Störung des Selbstwertgefühls immer wieder durch grandiose Selbstvorstellungen überkompensiert wird. Narzissten sind in dieser Hinsicht wie Borderliner: sie können niemandem gegenüber als gleichwertig gegenübertreten. Entweder sie fühlen sich überlegen oder unterlegen. Und die Überlegenheit ist brüchig; bei etwas Belastung kommen Gefühle der Selbstunwertheit und Selbstverachtung regelmäßig durch.

    Deutschlands Selbstbewusstsein schwankt schon lange. Churchill hat richtig festgestellt: “Die Deutschen sind wie Schäferhunde, entweder liegen sie einem zu Füßen oder sie gehen einem an die Kehle.” Das kaiserliche Deutschland vor dem ersten Weltkrieg hat sich unterlegen gefühlt (“Auch wir wollen einen Platz an der Sonne”), und diese gefühlte Unterlegenheit durch Militarismus und den Stolz auf die angeblich so überlegene “deutsche Kultur” kompensiert. Weimar war internationale Demütigung, Hitler dann gelebter Größenwahn. Nach dem Krieg dann Demütigung durch Bombenkrieg und Nazi-Schuld, krampfhafter Versuch der Wiedererlangung der Selbstachtung durch das Wirtschaftswunder, alles mit sehr prekärem Selbstwertgefühl: gerade zu “Verfassungpatriotismus” hat es gereicht. Nur im Fußball Neigung zur Überheblichkeit. In der Eurokrise eine Kombination von Unterwürfigkeit unter Europa mit Überheblichkeit gegenüber den Krisenstaaten (“faule Griechen”, “reformunfähige Franzosen” usw.); diese Mischung aus Unterwürfigkeit und Überheblichkeit kann die anderen Nationen hochgradig irritieren. In der jetzigen Migrantenkrise wiederum Selbstverachtung und Verachtung der eigenen Unterschicht kombiniert mit Idealisierung der Einwanderer.

    Ich möchte nicht mit jemandem in einer Wohngemeinschaft leben, der die deutschen narzisstischen Züge aufweist.

    1. Ebenso wie Sie bin ich der Meinung, dass die Diagnose Narzisstische Störung zutreffender die deutsche kollektive Störung beschreibt. Unter Mitwirkung der Massenmedien und der schulischen Erziehung wird ein Schuldkomplex am Leben gehalten. Das politische Bewußtsein fußt auf dem historischen Bewußtsein (unsere Anamnese), das hauptsächlich durch den Geschichtsunterricht geformt wird. Dieser Geschichtsunterricht vermittelt vor allem einen Tunnelblick auf die Hitlerzeit. Es fehlt die Durchlüftung dieser stickig schwülen Atmosphäre durch dem frischen Blick ausländischer Historiker, die nicht unter der deutschen Neurose leiden. Im Egozentrismus einer Neurose wird unterlassen, die Entwicklung anderer Nationen vergleichend zu betrachten wie z. Bsp. der amerikanischen Siedlungsgeschichte mit ihren ethnischen Auswirkungen, die russische Revolution mit dem nachfolgenden grausamen Stalinregime etc. Die Manifestation des Bösen als keine zeitlich und lokal einzugrenzende Erscheinung, diese Einsicht zu gewinnen, ist unter diesen Umständen erschwert. In der Fixierung auf das vergangene Böse, wofür die heutigen Generationen keine Verantwortung tragen, wird zu wenig auf das Böse im Hier und Jetzt geachtet, für das wir sehr wohl Verantwortung tragen. Dieses Böse manifestiert sich im Alltag nicht nur als Straftaten, sondern schon in menschlichen Grausamkeiten wie z. Bsp. Mobbing, zu dem schon kleine Kinder fähig sind. Es äußert sich auch in der Ausgrenzung und Diffamierung Andersdenkender durch moralistische Pharisäer der Political Correctness. Im Mainstream zu schwimmen erfordert keinerlei Mut. Einem Mobbingopfer beizustehen, das ist mutig. Im Alltag waren die Juden Opfer von Mobbing, daran hätte man sich nicht beteiligen müssen. Die ganze sogenannte Vergangenheitsbewältigung hat nicht zu einer Veränderung dieser Verhaltensweisen geführt, sondern eher zu einer neurotisch verzerrten Wahrnehmung der Realität. Man hat den Eindruck, dass auf die einströmenden Fremden das Bild der verfolgten Juden projiziert wird, an denen unsere historische Schuld gesühnt wird. Sich in ein Europa aufzulösen und damit das Deutschsein mitsamt der zentnerschweren historischen Schuld abzuwerfen, war ein naheliegender Befreiungsschlag. Jetzt, wo alle Grenzen gefallen sind, lösen wir uns in die ganze Welt auf. Das Hauptsymptom einer Psychose sind die fehlenden Grenzen zwischen Innnen- und Außenwelt, zwischen dem Eigenen und dem Fremden und so gehe ich noch einen Schritt weiter und diagnostiziere eine Psychotische Dekompensation einer Borderlinestörung.
      Da in der individuellen Seele neben den krankhaften auch gesunde Anteile existieren, ist anzunehmen, dass diese auch in der kollektiven Psyche in Form eines natürlichen patriotischen Selbsttwertgefühls lebendig sind und Anlass zu Hoffnung geben.

  7. Herr Hibbeler,
    Ihre Analyse spricht mir aus der Seele. Seit Monaten mache ich die Erfahrung, dass das Thema Migration selbst im engen Freundes- und Bekanntenkreis tunlichst gemieden wird. Man trifft sich, man spricht über alles Mögliche, nur nicht über Politik. Das war nicht immer so.

    Versuche ich, das Thema, das meiner Auffassung nach jeden Bundesbürger bewegen sollte, anzusprechen, so äußerst vorsichtig und nicht ohne darauf hinzuweisen, das ich weder Nazi, Rassist, AfD- noch Pegidamitglied bin. Die Reaktionen reichen von peinlich berührt bis mäßig verständnisvoll und das Thema wird möglichst schnell gewechselt. Merkel wird’s schon richten. Diskussion, ehrlicher Meinungsaustausch? Fehlanzeige.

    Sie haben sehr gut herausgearbeitet, wie der Rechtfertigungszwang entsteht, kein Rassist o.ä.zu sein. Ich gebe diesem Zwang leider auch nach, obwohl ich nicht den geringsten Grund dazu sehe. Rechtfertigung setzt schließlich eine Anschuldigung oder Schuldbewußrsein voraus. Die Vertreter der political correctness haben in den letzten Jahren ganze Arbeit geleistet und das Klima gründlich vergiftet. Misstrauen und Generalverdacht allgegenwärtig.

    Als Westdeutsche beginne ich langsam zu ahnen, wie sich die Bürger der DDR gefühlt haben müssen.

  8. Guter Artikel, gute Gedankenexperimente (Hand geben etc.).

    C.F.v. Weizsäcker hat 1994 geschrieben: “Der Deutsche ist absolut obrigkeitshörig, des Denkens entwöhnt, typischer Befehlsempfänger, ein Held vor dem Feind, aber ein totaler Mangel an Zivilcourage. Der typische Deutsche verteidigt sich erst dann, wenn er nichts mehr hat, was sich zu verteidigen lohnt”.

    Für mich ist das alles sehr ernüchternd. Es wäre eine wichtige Lehre aus den Ereignissen der NS-Zeit gewesen, daß der Deutsche eben nicht mehr anfällig für Ideologien und willfähriger Fahnenträger derer wird, sondern stattdessen dazu befähigt wird, selbst zu denken, “sapere aude”, kritisch sein eigenes Handeln zu reflektieren.
    Die “Bahnhofsklatscher” und “Kuchenbacker” lassen all dies vermissen. Sie gefallen sich so sehr in ihrer kitschigen Rolle des Barmherzigen, daß sie dabei ihre eigene Selbstherrlichkeit und Selbstgefälligkeit nicht bemerken. So zwingen diese Supermoralisten jeden kritischen Betrachter der Willkommenskultur in die Ecke der Unanständigen und Kaltherzigen. Und der Kadergehorsam des Political Correctness bis in die unteren Ränge von Gesellschaft und Medien tut sein übriges.

    Wie wenig eigenen Verstand und Weitsicht muß man eigentlich besitzen, um nicht zu begreifen, daß Applaus, Welcome Festivals und Tanz und Gesang (“Say it loud, say it clear, refugees are welcome here”) ein Signal an all die Verlierer in der Welt setzt: “Kommet herbei, Party, Party, Party”.

    Wieder einmal haben in Deutschland die Extremisten das Ruder übernommen. Dieses Mal sind es die Moralextremisten. Am Ausgang der Chose ändert das freilich nichts: Deutschland fährt vor die Wand. Damit nicht genug, es wird auch wieder andere Länder mitreißen: die Länder Europas.

    Deutschland ist verloren. Die EU ist verloren. Ich geh dann mal. Der Letzte macht das Licht aus.

  9. Zitat: „Die deutsche Krankheit könnte man als manisch-depressiv bezeichnen“
    Nö, „wir“ vollziehen nur die geistig-moralische Wende-Volte, weg vom „wir“ hin zum transnationalen, selbst die Grenzen des persönlichen „Ichs“ aufgebenden „Du“.
    „Wir“ haben uns jetzt einfach ‘mal alle lieb. Auch „ich“ bin „Ausländer, Migrant, Flüchtling vor der Himmelspforte, … oder was sich „unsere öffentlich-rechtlich-konfessionellen Welterklärer“ nicht noch alles für „Endsieg-Slogans“ einfallen lassen werden.

    „Wir sind Papst“, „Wir sind Weltmeister“, Unsere Identität ist es Größtes zu leisten, … Wer wenn nicht wir … dann aber eher: wir sind Hippie-Nation,
    internationale Lachnummer, ….die Facebook-Party läuft aus dem Ruder….
    wer bestellt, zahlt die Zeche….

    Der ganze vereinnahmende Wir sind …, Du bist …. – Schwulst stammt doch von „Bild“ und Co. Sind das nun wirklich die Volkspsychologen und Seelenkenner des – so es ihn generell geben sollte – deutschen „Wesenskerns“?

    Zitat:
    Auf Deutschland bezogen nennen wir diese Krankheit einfach „deutsche Depression“.
    Wer ist „wir“? Die auf „Welcome-Dauerdroge“ seiende „Wir schaffen das“?
    Vielleicht hilft ein „Knuddel-Day mit Angela“ aus dem „Wir schaffen das – Burn-out“?

    Zitat:
    „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Dieser Satz von Voltaire sollte unser Leitsatz sein. (Zitatende)
    Ich würde diesen Leitsatz umschreiben wie folgt:
    Du sollst dir dein „die Nation überwindenes“ Süppchen kochen dürfen, aber ich werde keinen Finger rühren, wenn dein Süppchen überkocht und du nicht mehr weist, wie du den Topf mit dem „süßen Brei“ wieder zum „stehen“ bringst, wie im Märchen der Brüder Grimm.

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