Tanz auf dem Vulkan

Finanzwelt: Die neue Normalität hoher Volatilität ist politisch verursacht und nicht marktwirtschaftlich.

Vulkan
  • Der Vulkan, auf dem wir tanzen, besteht in der Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft. Krankes Geld, kranke Welt.
  • Je größer diese Differenz wird, desto größer werden die Zweifel, ob es den staatlichen Akteuren weiterhin gelingen wird, durch verstärkte unkonventionelle Maßnahmen der Geldpolitik und andere Rettungspolitiken die erzeugten Illusionen, Phantasien und Visionen aufrechtzuerhalten. Die Abstürze kommen in kürzeren Abständen. Die Realität klopft immer häufiger an die Tür. Die Volatilität wird größer.

Im August testete die in Planungsillusionen gefangene People’s Bank of China, wie man am geschicktesten in den weltweiten Abwertungswettlauf der Währungen einsteigen könnte, verunsicherte dadurch die Märkte und brachte weltweit die Börsen zum Platzen. In dieser Woche lösten die neuesten Zahlen über die chinesische Industrieproduktion und insbesondere weitere Abwertungen des Yuan erneut weltweite Börsenabstürze aus. China versucht, durch Währungsabwertungen ein Ventil für die heimischen Überkapazitäten zu öffnen. Diese Überkapazitäten stehen im engen Zusammenhang mit der Überschuldung in China. Überkapazitäten wurden seit 2009 durch erhöhte Kreditvergaben verfestigt und zusätzlich angeheizt. Eine Bereinigung soll geld- und währungspolitisch verhindert werden.

Planungs-Illusionen in Peking wie bei EZB & Fed

In der europäischen Überschuldungskrise erfüllte Anfang Dezember EZB-Präsident Mario Draghi nicht vollständig die geldpolitischen Erwartungen, die in den Wochen und Monaten zuvor von ihm und seinem Chefvolkswirt Peter Praet und EZB-Direktor Benoit Coeure geschürt worden waren. Vielleicht sollte man besser von Phantasien oder Visionen sprechen. Der DAX brach ein.

Die Fed traute sich im Dezember nach langem Zögern, einen ersten Zinsschritt zu gehen, verkündet aber insgesamt ein behutsames Vorgehen, um die Märkte nicht zu verunsichern. Ihr langes vorheriges Warten dürfte mehr Unsicherheit als Stabilität erzeugt haben.

Zentralbanken sollen offiziell die Stabilität des Geldes und der Geldordnung sichern. Darüber hinaus verfolgen sie makroökonomische Ziele wie Vollbeschäftigung und die Unterstützung der konjunkturellen Entwicklung und betreiben verdeckte Staatsfinanzierung. Da aber selbst Zentralbanker nur über unvollkommene Informationen und imperfekte Vorausschau verfügen, sind sie zu den größten institutionellen Destabilisatoren der Weltwirtschaft mutiert. Die neue Normalität hoher Volatilität ist politisch verursacht und nicht marktwirtschaftlich.

Das Publikum im wirtschaftspolitischen Staatstheater starrt begierig auf die geldpolitischen Staatsschauspieler, um möglichst viel Nutzen aus den nächsten geldpolitischen Manipulationen des Marktgeschehens – aus der Ausschaltung der Marktmechanismen – zu ziehen. Die Differenz zwischen dem auf der Bühne des Staatstheaters aufgeführten Stück und den Entwicklungen in der Realwirtschaft liegt dem Publikum dabei offen zu Tage und bildet die Ursache für die in immer kürzeren Abständen auftretenden Panikattacken. Je größer diese Differenz wird, desto größer werden die Zweifel, ob es den staatlichen Akteuren weiterhin gelingen wird, durch verstärkte unkonventionelle Maßnahmen der Geldpolitik und andere Rettungspolitiken die erzeugten Illusionen, Phantasien und Visionen aufrechtzuerhalten. Die Abstürze kommen in kürzeren Abständen. Die Realität klopft immer häufiger an die Tür. Die Volatilität wird größer.

Zeitzünder international Krisenherde

Wann der Vulkan ausbrechen wird, weiß niemand. Die Erde bebt aber bereits. Der Tanz auf dem Vulkan geht weiter. Er ist angeblich ohne Alternative. Die Illusion der Alternativlosigkeit folgt dabei aus den Erholungsphasen zwischen den Abstürzen. Es ist noch immer gut gegangen… Welches Ereignis den Vulkan zum Ausbruch bringen wird, ist offen. Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran ist dazu genauso geeignet wie eine mögliche Verschärfung des türkisch-russischen Konflikts oder eine Ausweitung des verdeckten russisch-ukrainischen Krieges.

Bislang hat man in der europäischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, daß Putin Ende Dezember eine neue Militärdoktrin unterzeichnet hat, mit der Russland vorgibt, auf die angebliche Gefahr eines globalen Militärschlags der USA zu reagieren. Oder was passiert, wenn China seine Nachbarn mit seinen Gebietsansprüchen weiterhin reizt und Vietnam ein chinesisches Militärflugzeug abschießen sollte. Nord-Korea wird die derzeitige Lage wohl kaum atomar beruhigen. Und falls Donald Trump im Januar 2017 ins Weiße Haus einziehen sollte, dürfte das sehr wenig zur Entspannung der weltpolitischen Lage beitragen. Ökonomisch geht die größte Gefahr allerdings von einem verschärften weltweiten Abwertungswettlauf der Währungen aus, der ein Negativsummenspiel darstellt. Trotzdem gilt: anything goes.

Der Vulkan, auf dem wir tanzen, besteht in der Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft. Krankes Geld, kranke Welt. Ist die Realwirtschaft von Anfang Januar 2015 bis Mitte April 2015 in dem Maße besser, effizienter oder profitabler geworden, in welchem die Aktienkurse gestiegen sind? Natürlich nicht! Ist die Realwirtschaft am 24. August 2015 in dem Maße schlechter, ineffizienter oder unprofitabler geworden, in welchem die Kurse an diesem Tag eingebrochen sind? Natürlich nicht! Das heutige Kursniveau folgt nicht primär aus den Erwartungen über die zukünftige Entwicklung der Realwirtschaft, die natürlich auch schwanken können und volatil sind, sondern aus den Erwartungen, in welchem Umfang es der Geldpolitik gelingt, einen Ausbruch des Vulkans abzufangen, – ein hoffnungsloses Unterfangen und eine unbegründete Hoffnung auf Gelingen. Erwartungen über Illusionen, Phantasien und Visionen sind indes deutlich volatiler als solche über die reale Welt. „Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten“, heißt es in Immanuel Kants „Träume eines Geistersehers“. Zudem hat die Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft jahrelang Strukturanpassungen verhindert und die Überschuldungs-Krisen sowohl in China als auch den westlichen Industrienationen überhaupt erst ermöglicht.

Politische Insolvenzverschleppung

Ökonomisch trocken formuliert: Damit die aus dem Kreditgeldsystem folgende Überschuldung nicht zur Schuldendeflation, also zur schmerzhaften Abschreibung von faulen Krediten und zum Zusammenbruch der Bank- und Finanzwirtschaft führt, drücken die Zentralbanken die Zinsen. Durch diese Zinsmanipulation schießen die Bewertungen an den Aktienmärkten in die Höhe. Die Bewertungen hängen damit mehr von den Launen der Zentralbanken ab als von der realen Gewinnentwicklung der Unternehmen. Da auch Zentralbanker nur über unvollständige Information und imperfekte Voraussicht verfügen, verfehlen sie regelmäßig die Erwartungs-Erwartungen der Anleger. Sowohl dieses Zentralbanken-Versagen als auch jedes andere politische Ereignis können bei den Anlegern Panik-Attacken auslösen, die zu Börseneinbrüchen und hoher Volatilität führen, was zur Zeit immer häufiger der Fall ist. Denn die Realitäten klopfen als reale Budgetrestriktion in immer kürzeren Abständen an die Tür der Finanzwirtschaft. Die Panikattacken nehmen zu.

Als Gegenstrategie verbleibt dem Einzelnen nur, erstens höhere Volatilität als gegeben zu akzeptieren und zweitens nur in solche Unternehmen zu investieren, die aufgrund ihres Geschäftsmodells und geringen Schuldenstands den Vulkanausbruch einer Finanzkrise mit Schuldendeflation überleben könnten. Als Versicherung gegen den Ruin des Fiat-Geldsystems in der nächsten Krise bleibt Gold interessant.

Letztlich kann der Tanz auf dem Vulkan aber nur beendet werden, wenn die faulen Kreditmassen unter Maßgabe eines nichtmanipulierten Zinses abgeschrieben, eine Anpas-sungsrezession und Strukturwandel zugelassen und die Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft zurückgedrängt werden. Das Land, das sich als erstes traut, diese Zukunftsinvestitionen zu tragen, wird als erstes gesunden. Der Tanz auf dem Vulkan kann lang, aber nicht ewig dauern.

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Kommentare {8}

  1. Ja, alles richtig analysiert. Was soll/kann man noch dazu schreiben? Das geht nun seit acht Jahren so. Die Menschen gewöhnen sich auch an den Tanz auf dem Vulkan. Viele glauben, die Zentralbanken haben doch den Stein der Weissen gefunden und man muss nur alles manipulieren und fleissig weiter Grüne und braune Scheine drucken. In gewisser Weise stimmt das sogar. Mit Lehman hat das Finanzsystem noch einmal einen gewaltigen Fehler gemacht und wäre fast in die unheilvolle Politik der dreissiger Jahre zurückgefallen. Danach haben alle kapiert, dass wenn man alles manipuliert, das System eine Zeitlang überleben kann. So stellt sich allein die Frage, welches ist der schwarze Schwan, der das System zum Kippen bringt? Und dann? Mein Gott, offene Währungsreform (statt verdeckter wie bisher), was sonst? Es wäre ja nicht die erste in der Geschichte der Menschheit. Resettaste drücken und dann Neustart.

  2. Erst nimmt man den Geld seine regulierende Wirkung indem man die Zinsen gegen Null drückt und Geld einfach druckt und dann wundert man sich das die Wirtschaft nicht mehr läuft. Geld drucken entfacht nur kurz anhaltende Strohfeuer. Ist das Stroh verbrannt hilft alles Geld drucken nicht mehr. Die Wirtschaft lässt sich nicht mehr stimulieren. Diesen Punkt haben wir längst überschritten. In Europa kommt noch dazu das die kaputte Euro-Währung von den noch starken Staaten gestützt wird. Längst insolvente Staaten können sich so durch Geld drucken immer noch refinanzieren ohne das der Wert der Währung in den Keller fällt; sprich das neu erzeugte Geld wird noch als wertiges Zahlungsmittel akzeptiert. Ein ungemeiner Fehlanreiz der jede Gesundung der Eurozone verhindert.

  3. Den Tanz auf den Vulkan beenden?

    Der Finanzkreislauf ist vom Güterkreislauf entkoppelt! Mit anderen Worten: die kulturelle Evolution ist von der nichthumanen Evolution entkoppelt!

    Die kulturelle Evolution (Körper 1) begann später und läuft schneller als die nichthumane Evolution (Körper 2). Wenn Körper 1 den Körper 2 überholt ohne den Integrationsschritt von (n/n) nach ((n+1)/(n+1)) zu praktizieren, reagiert die >unsichtbare Hand der EvolutionSpaltung von Arm und Reich, Finanzkrise, Gütermarktkrise um in einen Krieg< zu münden! Aufgrund evolutionstheoretischen Überlegungen ist statt einen Weltkrieg ein Kollaps humaner Existenzbedingungen (Aussterben der Menschheit) denkbar.

    Da mir das Risiko zu hoch ist, biete ich auch eine Lösung an: m. E. werden Sie ohne einer neuen globalen Währungsbindung scheitern!

  4. “Als Gegenstrategie verbleibt dem Einzelnen nur, erstens höhere Volatilität als gegeben zu akzeptieren und zweitens nur in solche Unternehmen zu investieren, die aufgrund ihres Geschäftsmodells und geringen Schuldenstands den Vulkanausbruch einer Finanzkrise mit Schuldendeflation überleben könnten. Als Versicherung gegen den Ruin des Fiat-Geldsystems in der nächsten Krise bleibt Gold interessant.”

    Mich würde einmal interessieren ob Beteiligungen an Goldminen-Betreibern ähnlich interessant sein könnten wie reine Gold-Anlagen.

  5. Wir stehen kurz vor der Wiederholung von 1929.
    Und zwar mit all den daraus folgenden Konsequenzen.
    Die Mischung aus politischen Visionen und spekulativer Zockerei ist das Rezept für die völlige Zerlegung der Wirtschaft und dann folgend: Die völlige Zerlegung der Gesellschaft.

    Hier geht es nicht mehr um Wertanlage und Wertvermehrung durch Produktivität.
    Es geht um (spekulative) Hoffnung.
    Gespeist aus Visionen von Leuten, die das System und seine Zusammenhänge nicht verstanden haben.
    Das ganze wird dabei rasant beschleunigt durch schnelles Abgreifen der Leute, die es verstanden haben.

    Sie haben vollkommen recht:
    Wir brauchen mehr Nähe zwischen Finanz- und Realwirtschaft.
    Das setzt voraus, dass wieder eine gesunde Portion Realismus in die Politik Einzug hält.
    Hier gibt es zur Zeit zu viele Visionen die in der Praxis nicht funktionieren und zu wenig Bereitschaft dies zu erkennen.

  6. Entsprechend der Bildung von Bad Banks , Hypo Real-Estate und Co., könnte
    man doch die börsennotierten, überbewerteten AG’s, deren Efficiency-Index
    ( Verhältnis Realgüterproduktion zu long-term bereinigtem Börsennachfrageumsatzanteil) analog auslagern in Bad Stock Markets, in denen z.B. das Draghi’sche
    “Spielgeld” verbrannt, verzockt oder vernichtet werden kann ohne Auswirkungen auf die Realwirtschaft.

  7. “Letztlich kann der Tanz auf dem Vulkan aber nur beendet werden, wenn die faulen Kreditmassen unter Maßgabe eines nichtmanipulierten Zinses abgeschrieben, eine Anpas-sungsrezession und Strukturwandel zugelassen und die Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft zurückgedrängt werden.”

    Dieser Problemlösungsvorschlag ist nach den vorangegangenen Ausführungen zumindest unvollständig. Dort wurden die Zentralbanken und das Schuldgeldsystem zurecht als Teil des Problems benannt. Ergo müssen diese beiden Problemursachen ebenfalls beseitigt werden. Das staatliche Geldmonopol muss weg. Überlasst den Bürgen, wie sie zahlen wollen. Das beste Geld wird sich im freien Markt sehr schnell durchsetzen.

  8. In EU-Deutschland heißt der politische Vulkan, der alles an Wohlstand und Marktfreiheit = Gesellschaftliche Freiheit vernichten wird…..

    -das politische und damit marktfeindliche EEG Abgabenzwangssubventionsgesetz. Basierend auf einer asozialen Energiewende…die das Geld von Arm zu Reich verteilt.

    -der politisch und marktfeindliche Maastricher Vertragsbruch mit seinen ESM.

    -die Sozialsystem und Gesellschaftlich Vernichtende Asylpolitik durch Asylrechtsbruch und der Auflösung des deutschen und des EU Staates durch die nicht Einhaltung von Recht und Ordnung.

    -die Selbstkasteiung einer auferlegten und diktieren (unfreien und nicht selbstbestimmten) Russland Sanktionspolitik.

    -eine politische Ideologie einer CO2 freien Gesellschaft und damit die Vernichtung unserer EU-Deutschen Volkswirtschaft(en). Mangel und Armut werden in Deutschland und in der EU mehr und mehr dabei zum Alltag gehören. Das DDR Plansystem lässt grüßen!

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