Pegida-Ukrainer: Wir sind eben alle Nazis, jedenfalls latent

Die Nachricht ist von der Meinung zu trennen – das ist einer der ersten Lehrsätze, die man als junger Journalist lernt. Das klingt gut, klar – und ist im Alltag schwer zu bewältigen. Was ist eine Nachricht, was ist es wert, berichtet zu werden? Ist es die Geburt von Zwillingen am monegassischen Fürstenhof, der, ACHTUNG MEINUNG! sich im wesentlichen dadurch über Wasser hält, dass er Steuerflüchtlingen Exil gewährt? Oder ist es die Nachricht von Bombardierung im Donnezk; wobei die Frage, wer da wen bombardiert nicht so leicht zu klären ist, wie man meinen mag. Was waren also Nachrichten und Meinungen in diesen Tagen?

Die Tagesschau gewährt Einblick in ihrer Arbeitsweise

Insofern ist es gut, wenn beispielsweise die Redaktion der Tagesschau darüber diskutiert, wie ihre Berichterstattung über Pegida und Ukraine besser werden kann; in beiden Fällen steht ja die Tagesschau massiv in der Kritik.

Und die erste Erkenntnis der Tagesschau-Mitarbeiter ist gar nicht so verkehrt:

Bei Pegida „geht (es) um Kritik an der etablierten Politik, Skepsis gegenüber der EU, um eine Entfremdung vom politischen System im Allgemeinen und Kritik an den Medien im Besonderen.“ Das ist schon mal ein Fortschritt, denn wenn es auch um diese Themen geht, ist die Verkürzung auf „Rassisten und Ausländerfeinde“ schon nicht mehr möglich. Und Recht haben die Redakteure, Verzeihung: Redakteure und Redakteurinnen, auch mit der Feststellung:

„Und es hilft auch nichts, diese Protestbewegung kollektiv als rechtsextrem zu brandmarken.“ Es folgt viel Selbstkritik, für Journalisten, die wir eigentlich alle professionelle Rechthaber sind, eine ungewöhnliche Einsichtsfähigkeit.

Aber dann folgt schon die erste Einschränkung. Es sei ja klar, „dass wir eine Haltung haben, wir stehen zu Demokratie und Menschenrechten. Das heißt aber eben nicht, dass wir bestimmte Strömungen bekämpfen, Meinungen nach unserem Geschmack befördern oder unterdrücken“. Brav gesagt. Journalisten brauchen eine Haltung, sonst fehlt jeder Standpunkt. Wie immer bei jeder Kritik ist es aber auch interessant, den Text im Spiegel zu lesen – dann sieht man an der Betonung dessen, was sein soll, was nicht ist: Dann liest sich das so: „…dass wir bestimmte Strömungen bekämpfen, Meinungen nach unserem Geschmack befördern oder unterdrücken“.  Und weiter unten: „Das schließt Protestbewegungen nicht aus, die die Tagesschau auf der Basis von Fakten – da waren wir uns heute alle einig – kritisch und fair begleiten wird.“ Also in Zukunft? Aber wenn ihr das so betonen müsst – was war dann in der Vergangenheit? Es ist eine sehr schauerliche Selbstkritik, die da durchschimmert.

Genau darin besteht die Befürchtung: Dass die Tagesschau eben nicht mehr berichtet, was ist, sondern was nach Ansicht ihrer Mitarbeiter und Hierarchien sein soll. Dass als Meinung im Fokus steht, und nicht die Nachricht; Die Manipulation und nicht die Aufklärung. Danke Tagesschau, dass wir da hineinschauen durften. Das ist ja schon mal was…. Nachzulesen im Tagesschau-Blog. Es kann nur noch besser werden mit Euch.

Der Latenznazi wird erfunden

Überhaupt sind ja diese Tage von einer Art Verwirrung geprägt. Auf Spiegel Online erfand Sascha Lobo eine neue Art von Nazi – den Latenznazi. Er schreibt:

Es komme „mit Pegida ein neuer politischer Bürgertypus auf die Bühne – der unbewusst Rechtsextreme oder Latenznazi. Also Leute, die rechtsextreme Positionen vertreten, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, dass sie rechtsextrem sind.“

Das ist wunderbar. So macht man sich die Nazis, über die man sich dann aufregen kann. Denn wer weiß denn nun, was ein Latenznazi ist? Vermutlich nur einer – Sascha Lobo und seine Freunde. Sie sind da, um zu richten über Gerechte und Ungerechte, die Nazis von den Guten zu scheiden und die Nazis zu richten. Man kann nur noch mit biblischen Paraphrasierungen arbeiten, um diese ungeheure Anmaßung zu begreifen: Auch wer noch nie ein Nazi war und das alles verabscheut – tief drinnen, verborgen, im Unbewußten, da ist der Betreffende eben doch ein Nazis. Es kommt ans Licht, wenn Sascha Lobo genau hinschaut. Übrigens haben so die Stalinisten Millionen von Menschen zum Tode verurteilt: Ein Klassenfeind musste gar nicht wissen, dass er einer ist; das wussten schon die Sozialisten und Kommunisten für ihn. Es war die Klasse, die da gerichtet hat oder gerichtet wurde. (Die noch immer beste Darstellung dazu: Wolfgang Leonhard; Die-Revolution-entlässt-ihre-Kinder. Leider nicht im Netz, weswegen Internet-Künstler so was wohl nicht kennen können) Aber sicherlich ist das sogar zu viel der Ehre. Bleiben wir beim “Gedankenverbrecher”, den Georg Orwell in seinem Buch 1984 vom eigenen Sohn ins Gefängnis schicken läßt. Mit dem Latenznazi wurde genau so ein Begriff geschaffen, mit dem jeder verdächtig gemacht werden kann. Es ist die moderne Form der Kollektivschuld, der man sich nie entziehen kann und die alle trifft.

Damit erlebt man den zweiten Teil des Dilemmas der Trennung von Nachricht und Meinung. Sascha Lobo erhebt nicht den Anspruch, Nachrichten zu verbreiten, so weit, so gut. Aber derart absonderlich Meinung abzusondern ist eigentlich des SPIEGEL nicht würdig, der mal ein Nachrichtenmagazin sein wollte. Manchmal ist es wirklich einfach zu viel mit der Meinung, bei aller Meinungsfreiheit. Vielleicht sollte ein Internet-Aktivist mir rosa Irokesenfrisur doch besser beim Internet bleiben und von großen Themen die Finger lassen.

Such’ den Nazi

Mit Sascha Lobo wird es ja einfach, Nazis zu suchen. Für die große Nazijagd gibt es auch Online-Tools, die uns Focus und Stern zur Verfügung stellen. Das sind die Links. Es ist einfach nur peinlich, so zur Denunziation aufzurufen. Dafür vermag ich mich als Kollege nur schämen.

Folgende Zuschrift hat mich erreicht:

“Focus und Stern rufen zum PEGIDA-Fans ausmisten auf!
Focus:
“Ausmisten mit einem Klick – So erkennen Sie Pegida-Fans unter Ihren Facebook-Freunden”
http://www.focus.de/digital/internet/facebook/ausmisten-mit-einem-klick-so-erkennen-sie-pegida-fans-unter-den-facebook-freunden_id_4354599.html

Stern:
“Hier können Sie sehen, ob Ihren Freunden Pegida gefällt. Pegida geht Ihnen auf die Nerven? Und sie wollen keine Freunde, denen Pegida gefällt? Mithilfe eines Links können Sie nun sehen, ob einer Ihrer Freunde bei Facebook mit der Bewegung sympathisiert.”

http://www.stern.de/politik/deutschland/pegida-auf-facebook-hier-koennen-sie-sehen-ob-ihren-freunden-pegida-gefaellt-2160772.html?utm_source=facebook-fanpage&utm_medium=link&utm_campaign=171214-1655

Eine Nachricht, die wir nie werden lesen dürfen

Aber wir erleben ja alle mögliche Verirrungen. „Eine Schande für das deutsche Volk“ seien solche Demonstrationen wie in Dresden, lässt sich Bundesjustizminister Heiko Maas auf Seite 1 der Süddeutschen Zeitung zitieren. Eine echte Nachricht war das; alle Medien habe sie übernommen. War ja vom Minister. Leider fehlt die Meinung dazu. Meinung ist wichtig für das Verständnis, den Hintergrund.

Denn es gibt Demonstrationen, die findet man richtig – und solche, die findet man blöd. Das ist das Gute an der Demokratie: Es werden unterschiedliche Meinungen zugelassen. Ich jedenfalls sehe mich jedes Wochenende mit unterschiedlichsten Demonstrationen konfrontiert, wenn ich am Sonntag über den Frankfurter Römer zum Kiosk gehe. Es demonstrierten in jüngerer Zeit Albaner und Kosovaren, Iraker, Iraner, Falung-Gongs, Schwule, Lesben, Palästinenser, Israelis, Autofahrer, Attaq, Greenpeace, BUND, Bunte, Schwarze, Rote, nur die katholische Kirche macht keinen Umzug mehr, der den Schatten des nahen Domes verläßt. Ich bin dafür, dass alle demonstrieren dürfen. Es gehört dazu, auch wenn ich gelegentlich Umwege machen muss und mich wundere über das eine oder andere Anliegen. Aber das ist Demokratie, und in Frankfurt gehört sie in die Gute Stubb, wie der Römer heißt, und in München auf den Marienplatz und in Berlin vors Brandenburger Tor; wo in Bielefeld der geeignete Platz ist, weiß ich nicht, aber bitte schön: Auch da.

Heiko Maas, eine Art Sascha Lobo der Politik, sollte diese Meinung teilen; möglicherweise gefallen ihm andere Demos als mir, aber das ist ja bekanntlich gut so; seine Meinung will ich wirklich nicht haben. Das Demonstrationsrecht ist (fast) heilig. Jedenfalls sollte es heilig sein – zumindest einem Bundesminister. Als Justizminister ist er übrigens Verfassungsminister; seine Aufgabe ist es, das Grundgesetz zu schützen. Er darf es nicht in Frage stellen. Eine Schande für Deutschland ist ein Justizminister, der die Verfassung mit Füssen tritt. Er sollte zurücktreten.

Aber das wird er nicht. Diese Nachricht werden wir niemals lesen oder hören; auch wenn die Meinung dazu völlig eindeutig ist.

Ein Plappermäulchen zum Holocaust

Die gefährlichste Meinung sonderte aber Gesine Schwan ab, mit der uns die SPD immer wieder als Präsidentschaftskandidatin droht. Bei Jauch plapperte sie, wie DIE WELT schrieb, darüber, dass die Muslime heute die Rolle der Juden übernommen hätten. Wie bitte? Die industrielle Ermordung von über 6 Millionen Juden ist ein abscheuliches, einzigartiges Verbrechen. Und was also passiert mit den Muslimen genau in Deutschland, Frau Schwan? Hier wird der Holocaust verniedlicht. Und leider ist es eine von vielen, vermutlich den allermeisten Muslimen geteilte Meinung, dass der Adolf das mit den Juden schon richtig gemacht habe. Auf Demonstrationen, über die sich eigentlich kaum jemand und schon gar nicht Heiko Maas als Justizminister oder Gesine Schwan als Bundesplappermäulchen aufregte, da hieß es: “Juden ins Gas”. Wir sprechen von Deutschland im Jahr 2014. Wo war Herr Maas? Wo genau? Lesen Sie hierzu auch: “Jude, Jude, feige Sau” – warum Rechte und Linke soviel gemeinsam haben”

Übrigens, das sind Demonstrationen, die sogar ich verbieten würde. Irgendwo hört es auf. Gut, dass ich nicht Verfassungsminister bin. So bleibt es meine Meinung.

Und manchmal sind Nachrichten – Mist

Die beste Meldung der Woche allerdings kommt von Meedia, einem Kollegenportal: Danach war ein authentischer Pegida-Demonstrant, den der NDR interviewte, ein getarnter RTL-Reporter. Und der klopfte ordentlich rassistische Sprüche, die dann der NDR in voller Länge gesendet hat. Und was sagt RTL dazu?

“Bei seinem Einsatz wurde der verdeckte Reporter, der seit 2 Jahren für das Landesstudio Ost arbeitet und vorher für den NDR tätig war, von einem NDR/Panaroma-Team für ein Interview angesprochen. In dieser Situation hatte er drei Möglichkeiten: Nichts sagen, sich als Kollege outen – oder in der gespielten Rolle eines Pegida-Anhängers verbleiben. Er entschied sich für Möglichkeit drei – und traf damit die eindeutig falsche Entscheidung. Seine Aussagen geben weder seine Meinung noch die von RTL wider.”

 

Dem Armen blieb gar nix anderes übrig, als sich wichtig zu machen. Dümmer gehts nimmer, auf beiden Seiten. Sollte ich in dieser Woche einen Unterschied zwischen Öffentlich-rechtlichen und Privaten gemacht haben, ich fürchte, ich muß meine Meinung revidieren.

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Kommentare {27}

  1. Warum nur werden viele Bürgerinnen und Bürger bei berechtigten Kritiken der Politik sofort als ” rechtspopulistisch ” beschimpft ? Ist populistisch ein spezielles Wort der Medien zur Verächtlichmachung hinsichtlich ” dummes Volk “, wer kann mir helfen ? Ich habe im Studium kein Latein gehabt, man verzeihe mir meine geringe Bildung, aber der Ursprung von populistisch scheint mir populär / popular = volksnah zu sein, also ist evtl. populistisch sogar etwas in Richtung ” volkstümlich, – üblich “, in einer erstrebenswerten Demokratie doch wohl eine positive Feststellung und auch eine rechtsgerichtete bzw. konservative Einstellung ist erlaubt !

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