EURO: Entmachtet den Mann im Nadelstreifen

Ein Mann entscheidet über Aktienkurse und Anleihen, Staatsverschuldung, Zinsen, die Haushaltsfinanzierung - und auch über den Wert Ihrer Altersvorsorge.

Frank Schäffler

Was ist das für ein Wirtschaftssystem? Ein Wirtschaftssystem, in dem alle Akteure an den Börsen, die  sonst eigentlich als Nabel des Kapitalismus gelten, auf einen einzigen Herrn in Nadelstreifen schauen? Dieser entscheidet dann fast alleine über Wohl und Wehe zigtausender Marktteilnehmer. Eine Marktwirtschaft ist es sicher nicht, auch wenn uns der Nadelstreifen-Mann etwas anderes suggerieren will.

Ein Bürokrat entscheidet

Denn wenn ein Bürokrat darüber entscheiden kann, ob die Marktteilnehmer an den Finanzmärkten kaufen oder verkaufen, ob viele Milliarden Euro Staatsschulden durch die Druckerpresse finanziert werden und wie lange die Manipulation des Geldwertes anhält, dann ist diese Wirtschaftsform eher eine zentral gelenkte Planwirtschaft oder besser Geld-Sozialismus.

Nein, es handelt sich nicht um Nordkorea oder Kuba, sondern um den Euro-Raum. Es handelt sich auch nicht um die Despoten Kim Jong Un oder Raúl Castro, sondern um den Italiener Mario Draghi. Wie die Machthaber in Nordkorea oder Kuba ist auch Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank niemandem rechenschaftspflichtig. Das ist schön für ihn – und schlecht für alle anderen. Auch Draghi verspricht in ferner Zukunft ein besseres Leben für all diejenigen, die aktuell von Mangel und Knappheit geplagt sind und darunter leiden. Draghi glaubt durch Gelddrucken dieses Elend beenden zu können. Er will den Wechselkurs seiner Währung gegenüber anderen Währungen verbessern und damit die Exporte anregen und die Konjunktur  beleben.

Doch wenn es so einfach wäre, wenn das Gelddrucken ein erfolgreiches Rezept zur Konjunkturbelebung und für Wohlstand wäre, dann wäre Simbabwe längst Exportweltmeister und die dortige Bevölkerung würde in Milch und Honig baden. Doch es ist bekanntlich nicht so. Und das sollten sich alle Apologeten des Geldes in den Regierungen, Bankhäusern und Schaltzentralen in Brüssel hinter die Ohren schreiben. Es nützt nichts, wenn man dem Drogenabhängigen eine immer neue Dröhnung verabreicht. Am Ende hilft nur der kalte Entzug.

Die Interventionsspirale dreht sich

Und so ist es auch in der Geldpolitik: Draghis Versuch, die Konjunktur mit Hilfe der Druckerpresse zu beeinflussen, führt zu einer Interventionsspirale aus immer schnelleren und immer größeren Eingriffen in den Markt. Viele Glücksritter reiten dann auf der Welle des Scheins, immer neue werden angezogen und verführt. Doch was heute verfrühstückt wird, muss unweigerlich morgen nachgehungert werden. Wohlstand setzt das Sparen vor dem Investieren voraus. Wer diesen Zusammenhang außer Kraft setzen will, indem er meint, ein Einzelner oder eine gesamte Gesellschaft müssten nicht mehr Sparen, also Konsumverzicht üben, um investieren zu können, der irrt. Die Folge dieses Prozesses ist lediglich eine Veränderung der Produktionsstruktur einer Wirtschaft. Investitionen werden vorgezogen, aber sie können mit dem bestehenden Kapitalstock nicht zu Ende geführt werden. Das Platzen der Immobilienblasen in den USA und in Spanien 2007/2008 sind Beispiele dafür. Aber auch wir kennen dieses Phänomen mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Unternehmen wie Intershop und EM-TV verloren fast über Nacht Milliarden an Börsenkapitalisierung.

In einer Marktwirtschaft wird der Zins von der Zeitpräferenz bestimmt. Jemand will seinen Konsum im Heute in die Zukunft verschieben und verleiht seine Ersparnisse. Dafür will er eine Vergütung, den Zins. Die Nachfrage danach bestimmt die Höhe dieses Zinses. Draghi hat den Zins abgeschafft. Doch die Marktwirtschaft und ihre Entwicklung werden nicht von einer Person bestimmt, sondern von vielen. Wer den Wohlstand erhalten will, sollte daher den Geld-Sozialisten Mario Draghi dadurch entmachten, dass er das größte Entmachtungsinstrument konsequent anwendet – die Marktwirtschaft.

Auch erschienen in der Fuldaer Zeitung

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Inflation – darf das das neue Ziel der EZB sein? 

 

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Kommentare {8}

  1. Entwicklungen im Güterkreislauf werden u. U. von nur einer Person entwickelt: Nehmen Sie die Allgemeine Relativitätstheorie, den Satz von Pythagoras, die archimedische Spirale etc. .. Ggf. kann ein > Klügerer < die gültigen Einsichten ver- bessern.
    Okay, das regelt nicht zwingend der monetäre Markt und Erkenntnissuchende sind selten Bürokraten!

  2. @Wolkenspalter
    “Auch früher war es kaum anders. Zu keinem Zeitpunkt konnte man mit Sparguthaben wirklich verdienen. ”

    Das ist leider etwas zu kurz gedacht.

    Wir haben natürlich eine Inflation in Assets und die nicht zu knapp. Sie ist nicht nur bei dem Grundstück- und Immobilen-Erwerb offenkundig, sondern natürlich auch für die Mieter.
    Nicht zu vergessen die sogenannte “Energiewende”, deren Kosten weiter steigen wird.

    Was meist komplett untergeht, weil vielen noch nicht so offensichtlich, sind die Banken, Versicherungen und Pensionsfonts, die unter der 0-Zins-Politk der EZB leiden.
    In max. 10 Jahren, wenn die letzten hochverzinslichen Papiere abgelaufen sind, wird das gesamte Desaster sichtbar werden, in Form von mageren privaten und betrieblichen Renten, wenn es nicht sogar zu Totalausfällen kommt.
    Über die staatlichen Renten wollen wir lieber schweigen, denn sollte der Euro weiter an Wert verlieren, wird auch irgendwann D Probleme bekommen sich zu refinanzieren.

  3. Ich verstehe die Formulierung nicht, dass Draghi die Sparer einteignet. Sparer bekommen zwar kaum noch Zinsen, aber “Enteignung” ist anders definiert. Die Inflation ist gleichzeitig niedrig, sodass auch das Argument, die Inflation fresse das Sparvermögen, nicht korrekt ist, allenfalls grenzwertig.

    Auch früher war es kaum anders. Zu keinem Zeitpunkt konnte man mit Sparguthaben wirklich verdienen. Waren die Zinsen höher, war auch die Inflation höher. Dazu kamen noch höhere Kapitalertragsteuern, die jetzt fürs Sparen nur spärlich anfallen. Lebensversicherungen mit Garantiezins über Jahrzehnte waren noch nie seriös. Kein Versicherungsunternehmen kann Entwicklungen des Geld- und Kapitalmarkts so lange im voraus einschätzen. Wer unser Geldsystem mit seinem immanenten, exponentiellen Überschuldungs”gebot” verstanden hat, hätte sogar ausrechnen können, dass es unter günstigen Umständen maximal einige Jahrzehnte gut gehen kann.

    Allein die Erwartungshaltung, dass man für Sparguthaben Zinsen in angenehmer Mindesthöhe zu bekommen hätte, die man quasi allein bestimmt, ist Wunschdenken, eine Rechnung ohne den Geschäftspartner, und durch keine irgendwie geartete Gerechtigkeit gedeckt. Das Argument, dass man für Konsumverzicht etwas zu bekommen hätte, bestimmt erstens nichts die Höhe dieses “Etwas”, und zweitens handelt es sich nicht um Konsumverzicht, weil der Sparer gar nicht konsumieren will sondern sparen.

    “Sparen” bedeutet in seiner allgemeinen, originären Begrifflichkeit sowieso nur die vermiedene Ausgabe von Geld bzw. Nichtverwendung oder aufs Nötigste beschränkte Verwendung von Verbrauchsgütern, nicht aber eine Vermehrung oder Zugewinn. Wer beim Autofahren wenig Gas gibt, spart Benzin, erwartet aber nicht, dass der Tank davon voller wird.

    1. “Auch früher war es kaum anders. Zu keinem Zeitpunkt konnte man mit Sparguthaben wirklich verdienen. ”

      Das ist leider etwas zu kurz gedacht.

      Wir haben natürlich eine Inflation in Assets und die nicht zu knapp. Sie ist nicht nur bei dem Grundstück- und Immobilen-Erwerb offenkundig, sondern natürlich auch für die Mieter.
      Nicht zu vergessen die sogenannte “Energiewende”, deren Kosten weiter steigen wird.

      Was meist komplett untergeht, weil vielen noch nicht so offensichtlich, sind die Banken, Versicherungen und Pensionsfonts, die unter der 0-Zins-Politk der EZB leiden.
      In max. 10 Jahren, wenn die letzten hochverzinslichen Papiere abgelaufen sind, wird das gesamte Desaster sichtbar werden, in Form von mageren privaten und betrieblichen Renten, wenn es nicht sogar zu Totalausfällen kommt.
      Über die staatlichen Renten wollen wir lieber schweigen, denn sollte der Euro weiter an Wert verlieren, wird auch irgendwann D Probleme bekommen sich zu refinanzieren.

  4. Draghis Aufgabe besteht darin, das EuroSystem zu retten. Das kann er nur, wenn das dauernd beschworene “Wachstum” kommt – es will aber trotz der massiven “Geld”fluten nicht kommen und damit riskiert er, an die Wand zu fahren. Seine jetzigen Verzweiflungstaten führen zu nichts, weil das System nicht mehr stimmt.
    Draghis Mätzchen sind gegen jegliche Vernunft der Marktwirtschaft. Irgendwie erinnert mich das Ganze an den Vorabend des grossen Japan-Crash. Auch hier hatte sich die Realwirtschaft von der “Geld”wirtschaft weit entfernt.

  5. Oh I’ll be a good boy
    please make me well
    I promise you everything
    Get me out of this hell

    Draghi ist nichts weiter als eine Chiffre für ein System, das eigentlich schon immer existierte, nämlich in Form der Wirtschaftspolitik der südeuropäischen Staaten wie z. B. Frankreich oder Italien. Dort erwirtschafteten die Volkswirtschaften niemals das, was die Politiker an ihr Klientel verteilten. Um die Wohltaten zu finanzieren, wurde eben Geld gedruckt und Inflation betrieben.
    Und dieses Prinzip setzt sich mit dem Euro und der Politik der EZB fort. Das Dumme ist nur, dass jetzt Deutschland Teil, dieser Art von Staatsfinanzierung geworden ist. Denn hier neigt man eher zu einer Politik der schwarzen Null, was sehr löblich sein mag, aber im Kontext des Euro und der EZB-Politik dazu führt, dass der deutsche Sparer und Steuerzahler die sozialen Wohltaten der französischischen, italienischen und spanischen Regierungen etc., die diese für ihre eigene Bevölkerung garantieren, bezahlen muss.
    Das kann u.a. dazu führen, dass die Deutschen dann bis 70 arbeiten, damit die Franzosem mit 60 in die Rente gehen können. Oder mit dem Geld der Deutschen wird das relativ hohe Rentenniveau in Griechenland finanziert, obgleich die Durchschnittsrenten in Griechenland wesentlich höher sind als in Deutschland.
    Es ist ein System , dass die Enteignung der deutschen Sparer und Steuerzahler zur Folge hat, sei es in Form einer Null-Zinspolitik der EZB, in Form der aufgelaufenen Target-Forderungen der Bundesbank an die EZB, in Form des Aufkaufs wertloser Anleihen durch die EZB, und und und.
    Hinter diesen Deals steckt natürlich, wie so oft, auch der Wunsch der Deutschen nach dem Kauf einer neuen deutschen Identität, nämlich der europäischen, die die historisch stark belastete, alte Identität ersetzen soll.
    Das funktioniert aber leider nicht so ganz, weil, gleich einem Drogengeschäft, die Dealer die Süchtigen gnadenlos über den Tisch ziehen.
    Und ein kalter Entzug in Form der Marktwirtschaft ist weder Dealern noch Süchtigen zumutbar.

  6. Ihr Artikel nimmt eine Lösung zuvor, ist aber in der Analyse etwas zu kurz gegriffen.

    Er berücksichtigt nicht, dass es sich um ein globales Systemversagen handelt, ausgelöst durch die Politik der FED von Greenspan, Bernanke und Yellen.
    Der USD als globale Waehrung, die FED mit nationaler Geldpolitik.
    Somit muesste die Ueberschrift lauten : Entmachtet die Frau mit der Goldkette.

    Nach QE und Abenomics zieht Draghi lediglich nach um die Wechselkurse zu halten.
    Vielleicht helfen ja hier die Bestrebungen der Chinesen und Russen im Rahmen der China Development Bank.

    George Soros empfiehlt den Deutschen den Ausstieg aus dem Euro, vermutlich wäre dies einfacher, als alle anderen Mitgliedslaender von der deutschen Stabilitätspolitik zu ueberzeugen und gegen die EZB zu klagen.
    Dafür müsste man sich in Deutschland aber auch trauen, selbst zu entscheiden und eine Exitstrategie erarbeiten inklusive politischer Gesichtswahrung.
    Es ist doch unsere Entscheidung, Draghi zu folgen aber gleichzeitig zu schimpfen.

    Zudem fehlt die Betrachtung des exportorientierten Geschaeftsmodells Deutschlands.
    Wie die monatlichen Rekordleistungsbilanzueberschuesse zeigen, wirkt die EZB Politik hier durchaus.
    Wir exportieren dank EZB-Doping Waren und Leistungen und importieren gleichzeitig Arbeitsplätze.

    Wenn man über Geldpolitik oder Ausstieg nachdenkt, sollte man die Anpassung der eigenen Wirtschaft mit betrachten. Das wäre dann der Job von Sigmar Gabriel.

    Die Schweiz, die sich vom globalen Waehrungskrieg verabschiedet hat, zeigt dass es auch ohne Geldsozialismus geht.

  7. Herr Schäffler, alles richtig bis auf eins: Es macht keinen Sinn auf Draghi einzuschlagen, er ist nur der willige Handlanger der regierenden Politkaste. Es ist sogar kontraproduktiv, weil es von den wahren Schuldigen ablenkt. Und selbst der Bezug auf die Politkaste ist relativ. Versagt haben wir alle, weil wir uns fünfzig Jahre einreden ließen, Wohlstand für alle wäre finanzierbar. Nun müssen wir alle “nachsparen, was wir schon verfressen haben”. Übrigens ein Zitat von Roland Bader, aus der Ordoliberalen Schule, das Sie benutzen. Und da das Nachsparen in Mediendemokratien sozial verträglich organisiert und verschleiert werden muss, damit das System nicht kippt, muss halt Draghi ran. Aber, konnte es gut gehen, wenn Staaten und Städte immer mehr Wohltaten verteilen, ohne “die Reichen” zur Kasse zu bitten? Nein, konnte es nicht. Man kann nur begrenzt Anleihen als Substitut für Besteuerung einsetzen. Konnte es gut gehen, dass man den Wohlfahrtsstaat auch noch in den Süden Europas verlängert, denen praktisch die Goldene Kreditkarte in die Hand drückt und die Illusion nährt, dass man Kredite essen kann? Nein, konnte es nicht. Konnte es gut gehen, dass die Deutsche Wirtschaft ein völlig schräges, auf Export aufgebautes, Wirtschaftsystem aufbaut, das zwei entscheidende Nachteile hat: Erstens, ein konstanter Exportüberschuss ist realiter nichts anderes als die Verschleuderung von Volksvermögen. Zweitens, es bricht zusammen, wenn die Importeure klamm werden. Weshalb sie mit Draghis Geld ständig über Wasser gehalten werden müssen. Bevor wir also von einigen Lebenslügen nicht Abschied nehmen, ist Draghi nur ein Symptom dafür, unsere Politik(er) jedoch die Ursache. Was wir real erleben ist der Übergang vom Wohlfahrtsstaat zum Konsolidierungsstaat. Und wer konsolidiert? Natürlich die breite Masse, wie immer. Denn nur Kleinvieh macht genügend Mist.

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