Bücher müssen mal wieder brennen

Bücherverbrennung, Berlin nicht 1933, sondern 1955: Tradition deutscher Diktaturen           „Bundesarchiv Bild 183-30858-001, Berlin, Bücherverbrennung“ von Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.
Bücherverbrennung, Berlin nicht 1933, sondern 1955: Tradition deutscher Diktaturen „Bundesarchiv Bild 183-30858-001, Berlin, Bücherverbrennung“ von Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.

Bücher brennen wieder in Bad Dürrheim: 3200 Bücher der Stadtbibliothek wurden  vernichtet. Fairerweise muss gesagt werden: Ob sie nur geschreddert oder gleich verbrannt wurden – das entzieht sich unserer Kenntnis.  Jedenfalls ging die Aktion ganz offensichtlich überfallartig, geplant und somit ohne Beteiligung der Bibliothekarin vor sich. Bücherei-Leiterin Regina Hofmann musste ihre Bibliothek noch schnell an ihrem 1. Urlaubstag aufsperren, dann zensierten Mitarbeiter des Regierungspräsidiums die Bestände. Alte Reiseführer oder Unausgeliehene, oder schmutzige Bücher traf es, so die Begründung; schließlich gehe es um eine „barrierefreie Ausgestaltung“ der Bibliotheken, wofür man Raum brauche.

Falsche Schreibweise wird ausgemerzt

In der Vergangenheit hatte Hofmann 500 Bücher aussortiert, um Platz für Neue zu schaffen. Aber diesmal ging es wohl nicht um die übliche  und nachvollziehbare Aktualisierung: Diesmal richtete sich die Aktion gegen Bücher mit  „falscher“ Schreibweise. Das sind solche, die beispielsweise das Wort „Neger“ enthalten. Es traf auch Erich Kästner, Autor so berühmter Kinderbücher wie „Das fliegende Klassenzimmer“, „Pünktchen und Anton“, „Das doppelte Lottchen“. Offenkundig gelten seine Bücher in Baden-Württemberg als Provokation und Verstoß gegen den staatlich verordneten Zeitgeist der schulischen Umerziehung zum politisch korrekten Menschen.

Dass Kinderbücher bereinigt werden – dieser Vorgang läuft seit einigen Jahren. Otfried Preußlers Kinderbücher-Klassiker wie „Die Kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ oder „Krabat“ werden „durchforstet“, so Verleger Klaus Willberberg vom Stuttgarter Thienemann-Verlag; dabei werden Begriffe wie „Negerlein“ gestrichen. Auch der Hamburger Verlag Friedrich Oetinger hat veraltete Worte wie „Neger“ und Zigeuner“ in allen Neuauflagen seit 2009 gestrichen, weil sie dem heutigen „Menschenbild und Sprachgebrauch nicht mehr entsprechen und missverstanden werden könnten“. Auch die Biene Maja wird in der Neufassung gegendert. Nun aber wird offensichtlich die Literatur auch rückwärts bereinigt; aus heutiger Sicht „falsche“ Bücher werden aus Bibliotheken verbannt.

Erich Kästner trifft es zum zweiten Mal

Das trifft Kästner übrigens nicht zum ersten Mal. Seine Bücher landeten schon auf den Scheiterhaufen der berüchtigten Bücherverbrennung der Nazis, die das intellektuelle Schriftgut Deutschlands plünderten, um jede Form des eigenen Denkens zu verhindern. Aber auch die darauf folgende Diktatur sah gerne brennende Literatur: “Schmutz- und Schundliteratur auf den Scheiterhaufen warfen die Schülerinnen, Schüler und Jungen Pioniere der 18. Grundschule in Berlin-Pankow (Buchholz) am Abend des Internationalen Kindertages 1955. Sie gaben damit den Auftakt für eine Welle von Elternversammlungen, in denen ein Verbot der Schund- und Schmutzliteratur für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik und Groß-Berlin durch ein Gesetzt gefordert wird”, das ist der Text der Allgemeinen Deutschen Nachrichtenagentur (ADN) der DDR zu unserem Beitragsbild.

Das “Wording” ist entscheidend

Literatur hat eben etwas subversives, verwirrt und veranlasst zum eigenständigen Denken. Konformität mit dem Zeitgeist ist das Maß der Dinge. Historisches Bewusstsein? Fehlanzeige, denn: “Richtige Schreibweise ist gerade für Kinder wichtig“, sagt Bücher-Verbannerin Christina Kälberer, um so die Aktion zu rechtfertigen. Auf die Idee, dass Literatur entsorgt werden muss, die nicht den neuen Rechtschreibregeln entspricht – darauf muss man erst mal kommen. Aber das Tor zur Hölle wird erst richtig weit geöffnet:  So sei außerdem das “Wording”, also die Begrifflichkeit, in einigen Büchern nicht zeitgemäß. Christina Kälberer nennt etwa das Wort „Neger“, das noch in Klassikern vorkomme, berichtet der Südkurier. Jetzt leisten offensichtlich die grün-roten Politkommissare im Gender-Land ganze Arbeit bei der beabsichtigten Umerziehung.

Vorsicht: Ironie

Allerdings gibt es auch gute Nachrichten. Wir können davon ausgehen, dass die neue Form der Bücherverbrennung ökologisch rückstandsfrei und CO2-neutral vor sich geht sowie in einer Anlage, die nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz subventioniert wird. Vermutlich wurde die Entzündung der Bücher mittels eines Sonnenspiegels vorgenommen und erfolgte in einer Anlage mit energieeffizienter Kraft-Wärme-Kopplung. Daran sieht man: Die Nazis mit ihren Scheiterhaufen waren einfach nur ein Haufen Primitivlinge und der Fortschritt bricht sich unaufhaltsam Bahn. Auch die Bibliothek der verbrannten Bücher schwillt wieder mächtig an. Sollten Sie in Ihrem Bücherschrank noch ältere, zerfledderte, aber originale Ausgaben von einem Doppelten Lottchen, Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer oder vom Räuber Hotzenplotz finden, so empfehlen wir: Aufbewahren, aber an einem Ort, der nicht unmittelbar einsehbar ist. Sie müssen ja nicht so weit gehen wie Hans Herbert Grimm, der Verfasser des 1928 erschienen Anti-Kriegs-Romans “Schlump”: Er hat sein Manuskript zu Zeiten von Nazis und DDR eingemauert, wo es erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde.

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Kommentare {70}

  1. Wenn man sich das Vermächtnis Erich Kästners in seinem Gedichtband
    “Ein Mann gibt Auskunft” an Herrn Wowereit durchliest, dann wundert
    einen nichts mehr! Dies Buch, schon von den Nazies verbrannt, dürfte, wenn
    es vorhanden war, mit Sicherheit als eines der ersten Bücher wieder vernichtet
    worden sein. …..und das ist n i c h t gut so!!!

  2. Frage: Wie schalte ich meinen Kommentar frei?

    1. Macht die Redaktion – manchmal muss noch anderes vorher sein.

  3. Ironie ist meines Wissens feiner Spott. Hier war doch mehr der Holzhammer am Werk oder die Axt im Walde und haute arg daneben.

    Immerhin löschen Sie die Kritik nicht, wie auf den ScienceFiles.

  4. folgender Kommentar wartet bei Bildblog noch auf Freischaltung.
    Pseudo-Medienkritiker sind halt empfindlich, wenn sie kritisiert werden.

    Liebe Frau Schmidt,

    schön, dass Sie meinen Blog weiterempfehlen. Sie sollten ihn aber ganz lesen. Gefettet steht da: Vorsicht, Ironie. Sie verstehen nicht mal das. Nicht schlimm, humorfreie Menschen gibt es halt. Sie überlesen aber auch ganze Sätze: vom Shreddern statt brennen ist da die Rede, und bei der Bibliotheksverbrennung vom “falschen Wording”.

    Das unterschlagen Sie als Medienkritikerin in ihrer Pseudo-Medienkritik.

    “Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch” – dieses Wort von Bert Brecht trifft auf Sie zu.

    Denn Sie stellen sich beschönigend in die Reihe der Unkulturtäter, und ja: Wehret den Anfängen.

    Da sind Sie nicht dabei sondern konstruieren Verdächtigungen. Wenn also irgendjemand das weiterverbreitet, der Ihnen nicht gefällt, wird das mir angelastet.

    Was Sie versuchen ist Verdächtigungsjournalismus.
    Natürlich könnte man Sie presserchtlich dafür belangen.
    Aber die Leser von Bildblog sind ja geschult in echter Medienkritik und ich erhalte mit diesem Absender ja viel Zustimmung.

    Daher:
    Viele Grüße, und blättern Sie mal in der Bibliothek der verbrannten Bücher. Sie werden staunen, was Sie da alles finden.

    herzlich
    Roland Tichy

    1. Wenn man sich die Kritik von Frau Schmidt durchliest, sollte man auch und vor allem auf die Weglassungen achten.
      Das sagt schon viel aus.
      Wer nicht den verlinkten Zeitungsartikel kennt oder liest, wird schön auf eine falsche Fährte gelockt.
      So wird ja aus der Bücherhexe vom RP die “Bei Kinder- und Jugendliteratur weist die Bibliothekarin darauf hin,” – ne, ist sie nicht. Sie mag ja Bibliothekarin gelernt haben, aber sie ist nicht die B. der Bücherrei.
      Und die Leiterin der B. kommt im Text von Frau Schmidt erst gar nicht vor. Ebensowenig, dass sie von den Vertretern des RP weggeschickt wurde oder das 40% aussortiert wurden.
      Die Aussage von Fr. Kälberer zum Wording wurde auch weggelassen – merkwürdig :-)

  5. Hm, also startet die Große Deutsche Bücherverbrennung von 2015 in einer kleinen Gemeindebücherei und bleibt offenbar auch dort?
    Wie sieht es mit den viel einflussreicheren Hauptbüchereien in Berlin, Dortmund, München aus?
    Denn eine Bücherverbrennung a’la Nazi, wie Sie es hier unterstellen, hat doch recht wenig Sinn, wenn nur 3 Exemplare einer Auflage von Hunderttausenden vernichtet werden.

    Übrigens, sowas wird auch in der Leihbücherei von Leith gemacht.
    Wie ist denn das zu erklären? Reicht der Einfluss von Rot-Grün jetzt schon bis Schottland?
    Oder kann es ***vielleicht*** doch sein, dass hier normal aussortiert wurde?

    Zumal der Zeitungsbericht zwar Stimmung macht, aber keinen konkreten Hinweis liefert. Die grundsätzlichen Kriterien Aktualität, Häufigkeit des Ausleihens, Zustand und Wording wurden genannt, aber nicht gesagt, welche explizit in diesem Fall angewandt worden sind.

    Was das Wording angeht, soll sich hier mal jeder melden, der Nibelungensage, Gralsmythos oder Walther von der Vogelweide noch in der Originalausgabe liest.

  6. Noch ein Rat an all Jene, die, wie ich, in der zweiten deutschen Diktatur lesen lernten, daran Gefallen fanden, sich Bücher zulegten (PC, Notebook und Co. gab’s ja nicht und Fernsehen war auch nicht sooo… “geil”.).
    Durchforstet Eure Bestände! Schaut nach Themen, die aus Sicht heutiger
    “Staatszensierer” nicht geeignet sind, Konformität zu vermitteln.
    Als Fan von Science Fiction- Literatur fallen mir da solche Autoren ein wie:
    Lem, die Strugatzkis, Weitbrecht, die Steinmüllers, del Antonio, Fuhrmann, Müller, Tuschel, Prokop (Letzterer vor Allem, Insider wissen weshalb.) und, und, und….
    Verstecken, vergraben einmauern, auf jeden Fall verbergen.
    Ich habe mir abgewöhnt, mich für diesen Staat und seine VertreterInnen zu
    schämen, sonst müsste ich im Boden versinken.

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